Grosses Interview
Uhrenpionier Jean-Claude Biver: bis zu 100 neue Arbeitsplätze dank Schweizer Smartwatch

Jean-Claude Biver spricht im Interview über die Krise der Uhrenindustrie, die Zukunft der Luxusbranche und die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld, die diese Woche eröffnet wird – und er erklärt, was es mit der Rütli-Panne auf sich gehabt hat.

Andreas Schaffner
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«Ich war schon disruptiv, bevor dieser Begriff Mode wurde»: Der Uhrenmanager Jean-Claude Biver in den Räumen von Hublot in Lyon. Sandra Ardizzone

«Ich war schon disruptiv, bevor dieser Begriff Mode wurde»: Der Uhrenmanager Jean-Claude Biver in den Räumen von Hublot in Lyon. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Jean-Claude Biver gehört zu den kreativsten und buntesten Köpfen in der Uhrenbranche. Sich selber nennt er einen «Spitzbuben», der gerne provoziert. Mit dem Aufbau der Luxusuhrenmarke Hublot hat sich der in Luxemburg geborene Manager einen Eintrag ins Geschichtsbuch der Schweizer Uhrenindustrie gesichert. Ob es mit der Lancierung der Smartwatch für Tag Heuer auch dafür reicht, wird sich zeigen. Wir treffen Jean-Claude Biver zum Gespräch in der Chefetage von Hublot in Nyon, wo er noch Verwaltungsrats-Präsident ist. Die Wände und die Möbel sind dezent schwarz, die Fenster geben den Blick auf den Genfersee frei.

Jean-Claude Biver, Sie waren Anfang März am Genfer Autosalon, vergangene Woche präsentierten Sie die neue Smartwatch in Brunnen. Diese Woche geht es mit der Baselworld los. Wie halten Sie das durch? Immerhin sind Sie 68 Jahre alt.

Jean-Claude Biver: Ich mache alles aus Leidenschaft. Ich gehe nie arbeiten, weil ich muss. Eine Leidenschaft geht nie in Pension.

Zur Person

Jean-Claude Biver wurde in Luxemburg geboren und ist in der Schweiz aufgewachsen. Unter anderem baute er die Manufaktur Blancpain neu auf und verkaufte die Firma gemeinsam mit einem Partner an die Swatch Group. Später gelang ihm die Neupositionierung von Omega (auch Teil der Swatch Group). 2004 stieg Biver bei Hublot ein, den er 2008 an den französischen Luxusgüterkonzern LVMH verkaufte. Seit 2014 ist der heute 68-Jährige für das Uhrengeschäft von LVMH tätig, verantwortlich für die Uhrenmarken Tag Heuer und Zenith. Biver produziert ausserdem auf seinem eigenen Bauernhof jährlich rund fünf Tonnen Käse. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat fünf Kinder. Sein Vermögen wird von der «Bilanz» auf 150 Millionen Franken geschätzt.

Sie sind privilegiert. Nicht alle können das von sich behaupten.

Natürlich, eine Person, die körperlich hart arbeiten muss, wird müde. Da macht die Pensionierung Sinn. Aber bei mir ist das anders.

Sie betreiben ausserdem einen Bauernhof. Dort arbeiten sie schon körperlich.

Ja, ich komme jeden Abend nach Hause, atme die frische Luft, schaue zu den Tieren. Das gibt mir die Bodenhaftung. Das und meine Familie holen mich zurück auf die Erde.

Sie haben im vergangenen Jahr
die neue TAG Heuer Connected Watch in New York vorgestellt. Das neue Modell wollten Sie dann vergangene Woche auf dem Rütli präsentieren. Doch das wurde Ihnen nicht gestattet. Was ist schiefgelaufen?

Ein Mitarbeiter hat die Benutzungsordnung nicht richtig gelesen. Deshalb haben wir neu geplant. Was mir wichtig war: Wir wollen zeigen, dass wir diesmal mit der neuen Smartwatch eine echte Schweizer Uhr produzieren. Sie entspricht den neuen Swiss-Made-Vorschriften.

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Sandra Ardizzone

Intel und Google, Ihre Partner für die Smartwatch, sind also keine Schweizer Hersteller.

Natürlich nicht. Der Mikroprozessor ist in den USA entwickelt worden, die «Sprache», das Betriebssystem, ist Android Wear von Google. Doch um das Label Swiss Made zu erhalten, muss man mindestens 60 Prozent der Wertschöpfung in der Schweiz erwirtschaften. Deshalb hat Intel eigens für uns die Chip-Fertigung in La Chaux-de-Fonds aufgebaut. Damit ist die neue Uhr Swiss Made. Wir haben das Zertifikat am 21. Dezember des vergangenen Jahres erhalten.

Noch kann man aber weder mit Ihrer Connected-Uhr noch mit der Apple-Uhr telefonieren. Es braucht immer ein Handy.

Das wird kommen, glauben Sie mir. Vielleicht nicht in einem Jahr, aber in zwei, drei Jahren wird die Technologie so weit sein. Und dann werden wir schauen, was passiert.

Es wirkte immer, als ob Sie mit der Smartwatch experimentieren.

Nein, es war ein Erfolg. Wir haben bis jetzt kein Geld verloren mit der Smartwatch. Wir haben 50'000 Stücke geplant im letzten Jahr. Geplant war anfangs nur eine Produktion von 15'000 Uhren. Danach mussten wir stetig aufstocken. Wir hätten noch viel mehr verkaufen können, aber die Produktion von Chips kann nicht so rasch erhöht werden. Deshalb wollen wir mit der neuen Uhr 150'000 Stück im Jahr verkaufen. Das bedeutet, dass ich daran glaube.

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Sandra Ardizzone

Welche Auswirkung hat die Fertigung in der Schweiz im Hinblick auf die Arbeitsplätze?

Es schafft Arbeitsplätze in der Schweiz und in den USA. Wir haben eine Niederlassung in Palo Alto im Silicon Valley aufgemacht. Dort arbeiten zwölf Ingenieure. In der Schweiz haben wir 50 Arbeitsplätze nur im Bereich der Chip-Fertigung. Ausserdem werden Arbeitsplätze in der Gehäuse-Produktion geschaffen. Hier kann ich keine genaue Zahl nennen. Ich gehe davon aus, dass wir 80 bis 100 Arbeitsplätze schaffen, um 150'000 Connected-Uhren zusammenzubauen.

Die Puritaner in der Fachwelt werden Sie mit dieser Uhr nicht überzeugen.

Nein. Aber wir hatten einen enormen Erfolg in der vergangenen Woche. Das hat mich echt gefreut. Die Kritiker werden erst überzeugt sein, wenn die Uhr 100 Prozent unabhängig vom Telefon sein wird. Solange man die Uhr und das Telefon braucht, werde ich dies nicht schaffen. Was wir heute schon schaffen, ist, dass wir den GPS-Empfänger in der Uhr eingebaut haben. Das heisst, wenn man joggen geht, braucht man kein Handy. Ausserdem haben wir einen modularen Aufbau. Das heisst, Sie können auch ein mechanisches Werk in das Gehäuse hineinstecken, falls Sie die Smartwatch nicht wollen. Etwa wenn Sie an ein Abendessen oder in die Oper gehen. Ausserdem sind Sie auch flexibel, wenn die Smartwatch-Komponenten weiterentwickelt werden.

Die Schweiz ist eher ein Apple-Land. Sie präsentieren eine Smartwatch, die jedoch das Android-Betriebssystem hat. Ist das nicht ein Fehler?

Wir leben in zwei Welten, wenn es um Smartphones geht. Es macht keinen Sinn, dass wir ein eigenes System entwickeln. Das schaffen vielleicht die Chinesischen Handyhersteller, weil sie einen gigantischen Markt bedienen können. Nun, wir wollten auch mit Apple ins Geschäft kommen. Doch es hat nicht geklappt. Zu «Android Wear» kann ich nur sagen: Es ist weltweit das meistbenutzte Betriebssystem für Smartphones. Und glauben Sie mir: Im nächsten Jahr werden die beiden Systeme noch viel besser miteinander kommunizieren können.

Sie führen ein Leben zwischen Luxusindustrie und Bauernhof. Nun kommt die IT-Welt hinzu. Sind Sie ein Technologie-Freak?

Ich interessiere mich für die Vergangenheit, für die Kunst, für das Handwerk und die Tradition. Aber ich schaue auch mit offenen Augen in die Zukunft. Ich bin neugierig, es interessiert mich, ich möchte lernen. Als Firma möchten wir den Kontakt mit der Jugend nicht verlieren. Wir waren mit Heuer der erste Uhrenhersteller, der Formel-1-Teams gesponsert hat. Nun ist die Marke Tag Heuer der erste offizielle Zeitnehmer und offizielle Uhrenpartner des neuen Gran-Turismo-Sport-Videospiels.

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Sandra Ardizzone

Sie glauben an die Zukunft?

Auf jeden Fall. Wer nicht an die Zukunft glaubt, ist tot!

Diese Woche startet die Baselworld. Wie wichtig ist «Basel» 2017?

Für eine Luxusmarke wie Hublot ist die Baselworld sehr wichtig. Wir sind ja auch an der Messe in Genf präsent. Wir können an diesen beiden Messen rund 70 Prozent des Jahresumsatzes sichern. Wir sichern uns also die Produktion bis im September.

Wie viel kostet Sie ein solcher Messe-Auftritt eigentlich? Immerhin lassen Sie die Superstars von Depeche Mode zu einem Auftritt in Basel einfliegen.

Die Gruppe Depeche Mode ist seit Jahren einer unserer Markenbotschafter. In Basel nutzen wir die Gelegenheit, dass sie wieder auf Tournee unterwegs sind: Wir präsentieren zunächst die Hublot-Uhr «Big Bang Depeche Mode», danach geben sie ein Konzert für unsere Kunden und Freunde.

Wie sieht es bei Tag Heuer aus? Wie wichtig ist in diesem Bereich die Uhrenmesse in Basel?

Hier ist die Messe nicht so entscheidend für die Verkäufe. Es ist wie mit einem Alfa Romeo und einem Ferrari. Einen Alfa Romeo wollen Sie probieren und möglichst rasch kaufen. Für einen Ferrari sind Sie bereit, ein paar Monate, ja gar Jahre, zu warten. Ähnlich ist es mit einer Luxusmarke bei den Uhren. Wie die Werbung eines Konkurrenten ja sagt, gehört eine Luxusuhr nie nur einem selber. Sie ist für die Ewigkeit bestimmt.

Zeit und Ewigkeit. Ein spannendes Thema.

Auf jeden Fall. Die Schweiz, die Schweizer Uhrenindustrie, hat es geschafft, Uhren für die Ewigkeit zu produzieren. Das ist eine unglaubliche Leistung. Die Uhrenindustrie arbeitet auf einer enorm hohen Qualität. Sie steht in der ganzen Welt für die Schweiz. Und die Schweiz profitiert natürlich von uns auch.

Wieso?

Wir verkaufen in der ganzen Welt ein Stück Schweiz.

Und doch leidet die Schweizer Uhrenindustrie sehr stark. Swatch Group hat im letzten Jahr 11 Prozent an Umsatz verloren.

Ich sehe es gar nicht so schlecht. Zugegeben, einige Firmen haben im vergangenen Jahr an Umsatz eingebüsst. Doch die Situation ist nicht so schlecht, wie manche glauben. Und in diesem Jahr sieht es sogar recht gut aus.

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Jean-Claude Biver - CEO vom Luxusuhren-Hersteller Hublot

Sandra Ardizzone

Was ist passiert?

Vor allem in China und Hongkong wurden nicht mehr so viele Uhren gekauft. Die Stimmung hat sich hier jedoch merklich gebessert.

Wie haben Sie den Einbruch gemerkt?

Wir haben es gemerkt, obwohl wir vom Umsatz her ein historisches Rekord-Jahr sowohl bei Hublot als auch bei Tag Heuer hatten. Der Grund ist, dass unsere wichtigen Märkte bei Hublot nie in China waren, mit Tag Heuer waren wir kaum präsent.

Wie hat die Industrie auf diese Delle reagiert?

Viele haben ihre Mittelklassenmodelle ins Schaufenster gestellt und hier den Verkaufsdruck erhöht. Das macht sicher Sinn. Denn es geht darum, dass die Produktion besonders der Werke nicht sinkt. Ausserdem haben viele, auch wir bei Tag Heuer, einige preisegünstigere Modelle in den neuen Kollektionen gebracht.

Wie geht es nun weiter?

Ich denke, dass diese Schwäche nicht lange anhalten wird. Ausser wir hätten ein strukturelles Problem.

Was meinen Sie mit strukturellem Problem?

Schauen Sie die junge Generation an. Es hat sich schon etwas verändert in den letzten Jahren in der Wahrnehmung dieser Generation.

Wie meinen Sie das?

Ein Beispiel: Das Autofahren etwa ist nicht mehr ein Muss für die Jungen. Viele machen den Führerschein nicht mehr.

Sharing Economy ist auf dem Vormarsch.

Genau. Da kann es schon sein, dass das auch auf die Luxusgüter-Industrie Auswirkungen hat, weil wir vermeiden müssen, Produkte herzustellen, welche die nächste Generation sich gar nicht wünscht. Aber, wie gesagt, ich weiss es noch nicht.

Deshalb steigen Sie in die Smartwatch-Produktion mit Tag Heuer?

Ja, ich mache beides. Ich versuche, die Funktion der Uhr zu ersetzen bei Tag Heuer. Das steckt ja hinter dem Smartwatch-Trend. Es geht nicht mehr nur um die Angabe der Zeit. Sondern es geht um die Angabe von verschiedenen Informationen. Aus der Uhr wird also ein Informationsterminal am Handgelenk. Man kann damit auch bezahlen und das Auto öffnen. Hier muss ich als Uhrenhersteller dabei sein.

Es muss aber nicht so kommen, dass alle Jungen in Zukunft der Uhr als Luxusprodukt abschwören und nur noch «smarte» Uhren kaufen?

Nein, wenn die Uhr ein Statussymbol bleibt, so wie heute, oder sie als Kunststück geschätzt wird, dann sehe ich eine gute Zukunft für die Schweizer Uhrenindustrie. Weil ich aber die Antwort nicht habe, muss ich beides machen.

Das sehen nicht alle Schweizer Uhrenhersteller so.

Nein, das weiss ich. Bis jetzt sieht es kaum einer so wie wir. Aber das ist mir egal. Ich weiss nur, dass auch Handys, so wie wir sie heute kennen, schneller überflüssiger werden, als wir das heute glauben. Das sagt mir kein Geringerer als der CEO von Intel. Es ist wie damals, als die Taschenuhr ersetzt wurde durch die Armbanduhr. Und wissen Sie, wer hier diese Entwicklung begünstigte?

Nein.

Die Piloten. Sie waren die Ersten, die sich die Taschenuhren ans Handgelenk montiert haben.

Sie provozieren gerne, das zieht sich durch Ihre Geschichte.

Ja, ich war schon disruptiv, bevor dieser Begriff Mode wurde: Mit der Marke Hublot haben wir die Art und Weise verändert, wie die Luxusindustrie wahrgenommen wird. Wir haben sie demokratisiert.

Die Luxusindustrie ist wie keine andere eine globalisierte Industrie. Doch die Globalisierung ist zurzeit stark in der Kritik. Wie reagieren Sie darauf?

Ich sehe das auch kritisch: Nicht alle haben von der Globalisierung profitiert. Ich glaube aber, man darf deshalb die Entwicklung nicht zurückdrehen. Wir müssen die Globalisierung so gestalten, dass mehr Leute davon profitieren.

Wollten Sie nie in die Politik einsteigen?

Nein, auf keinen Fall. Ich bin Schweizer geworden, ich nehme mein Stimm- und Wahlrecht aktiv wahr. Und ich äussere mich zu politischen Fragen, wenn ich gefragt werde. Aber ich bin in keiner Partei und mache auch nicht bei politischen Kampagnen mit.

Die Schweizer Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren Mühe gehabt, ihre Vorlagen politisch durchzubringen. Wie zuletzt bei der Unternehmenssteuer-Reform III. Leidet unsere Wirtschaft derzeit einfach an einer Imagekrise?

Nein, ich glaube nicht. Ich bin überzeugt, dass das Volk in einer direkten Demokratie immer recht hat. Man muss aber relativ schwierige Vorlagen klar erklären können, und dies war nicht immer der Fall, wie zum Beispiel bei der Unternehmenssteuer-Reform. Ich sehe jedoch eine Imagekrise der Wirtschaft.

Was würden Sie als Marketing-Spezialist anders machen?

Es geht immer darum, die guten Leistungen in den Vordergrund zu bringen. Wir sollten stolz darauf sein, was wir erreicht haben. Die Wirtschaft sollte zeigen, was der positive Beitrag ist, den sie leistet.