Umfeld der Credit Suisse wehrt sich gegen den Rassismus-Vorwurf ihres ehemaligen Chefs Tidjane Thiam

Während seiner Zeit als Chef der Grossbank Credit Suisse soll Tidjane Thiam Rassismus erfahren haben. Insider bestreiten nicht, dass es solche Vorfälle gab. Die Entlassung Thiams habe damit aber nichts zu tun.

Andreas Möckli
Drucken
Teilen
An einer Geburtstagsfeier von CS-Präsident Urs Rohner (r.) soll sich Tidjane Thiam (l.) über rassistische Darstellungen geärgert haben.

An einer Geburtstagsfeier von CS-Präsident Urs Rohner (r.) soll sich Tidjane Thiam (l.) über rassistische Darstellungen geärgert haben.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Der Artikel der «New York Times» wirft hohe Wellen: Die Zeitung berichtet, dass Rassismus beim Abgang des früheren Credit-Suisse-Chefs Tidjane Thiam eine weit grössere Rolle gespielt habe als bisher angenommen. «Andere Bankchefs haben weit grössere Skandale überstanden», schreibt das Blatt mit Blick auf die Überwachungsaffäre, die Thiam den Job kostete. Es sei eine offene Frage, ob ein CEO mit einem anderen Hintergrund den Skandal überlebt hätte.

Als einen der zentralen Belege für den Rassismus-Vorwurf erzählt die Zeitung Vorkommnisse an der Geburtstagsfeier von CS-Präsident Urs Rohner nach. Thiam sei an der Party der einzige Schwarze gewesen – bis ein als Hauswart verkleideter Schwarzer auf der Bühne zu tanzen begonnen habe, während er den Boden kehrte. Später hätten Freunde von Rohner auf der Bühne eine Musicalnummer zum Besten gegeben, für die sie sich Afro-Perücken aufgesetzt hätten. Thiam habe darum den Saal zwischenzeitlich verlassen. Rohner feierte vergangenen November seinen 60. Geburtstag in Zürich.

Thiam soll sich für kritisiertes Fest bedankt haben

Doch nicht alle Party-Teilnehmer haben die Ereignisse als rassistisch wahrgenommen. Bei der Szene mit dem Hauswart habe es sich um einen Artisten des Cirque du Soleil gehandelt, sagt eine Person, die an der Geburtstagsfeier teilgenommen hat, aber nicht namentlich erwähnt sein will. «Aus meiner Sicht hatte der Auftritt keine rassistische Komponente gehabt.» Auch die Produktion der Freunde Rohners sei weit weg von Rassismus gewesen.

Ob Thiam dem Fest zwischenzeitlich tatsächlich länger fernblieb, kann der Partyteilnehmer nicht beurteilen. Er habe zumindest nicht diesen Eindruck gehabt. Auf jeden Fall habe er keine Missstimmung feststellen können, zumal sich Thiam später bei Rohner für die Einladung zum Fest bedankt habe.

Dass Thiam die Vorgänge als rassistisch wahrgenommen hat, wie die «New York Times» impliziert, ist dennoch sehr gut möglich – zumal Rassismus häufig unterschwellig, im Kleinen und nur für die direkt Betroffenen wahrnehmbar ist.

Erstaunlich sei jedoch, dass der Artikel der «New York Times» ganze acht Monate nach der Entlassung von Thiam erschienen ist, wie aus dem Umfeld Rohners zu hören ist. Daher stelle sich die Frage, weshalb die Rassismus-Vorwürfe nicht sehr viel rascher, also kurz nach seinem Abgang, publik wurden.

Will Thiam seine Entlassung neu deuten?

Der Artikel in der US-Zeitung wird von CS-Kreisen als offensichtlicher Versuch gewertet, die Geschichte der Entlassung Thiams neu zu erzählen. Offenbar wolle sich der 58-jährige Ivorer damit einer bessere Ausgangslage für einen Neustart schaffen. Es sei zwar unbestritten, dass Thiam mit rassistischen Vorfällen in der Schweiz konfrontiert gewesen sei. So gab es etwa in den Kommentarspalten des Finanzportals «Inside Paradeplatz» unflätige Beiträge, die auch in der «New York Times» zitiert werden.

Gleichzeitig sei Thiam bei seinem Amtsantritt sehr wohlwollend von den Medien begleitet worden. Unvergessen sei auch der Auftritt Thiams am Zürcher Sechseläuten im Jahr 2016, als er mit Applaus und Blumen nahezu überhäuft worden sei.

Der Beitrag in der US-Zeitung habe Rohner sehr getroffen, heisst es aus dem Umfeld des Zürchers. Der CS-Präsident und die Bank mochten sich offiziell jedoch nicht zum Artikel äussern. Rohner habe seine Geburtstagsfeier nicht selber kommentieren wollen.