Umstrittener Retter bei Air France

Der Kanadier Ben Smith soll die französische Fluggesellschaft Air France aus ihrer bisher schwersten Krise führen. Seine Aussichten stehen aber schlecht: Die Piloten lehnen die Berufung ab.

Stefan Brändle, Paris
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Benjamin Smith, als er noch Manager bei Air Canada war. (Bild: Aaron Vincent, Toronto, 18. Dezember 2012)

Benjamin Smith, als er noch Manager bei Air Canada war. (Bild: Aaron Vincent, Toronto, 18. Dezember 2012)

Die Ankündigung mitten im Ferienmonat August hätte wohl unbemerkt durchgehen sollen. Doch die Vertreter der 51 000 Angestellten der Air France reagierten prompt und geharnischt. Zuvor hatte der Verwaltungsrat der Air France-KLM die Nominierung von Benjamin Smith zum neuen Konzernchef bekanntgegeben. Der 46-jährige Kanadier ist derzeit Nummer zwei des operativen Geschäfts der Air Canada und soll seinen neuen Posten Ende September antreten. Er ist der erste Ausländer an der Spitze der traditionsreichen Air France, die 2003 mit der niederländischen KLM fusioniert hatte.

Doch diese Nominierung geht in Paris nicht durch. «Um die 85 Jahre Bestand von Air France zu feiern, ernennt das Unternehmen einen Nordamerikaner», entrüstet sich die Gewerkschaft Force ouvrière. Die Pilotengewerkschaft SNPL lehnt die Nominierung eines «ausländischen Kandidaten» ebenso ab.

Gewerkschaft zeigt sich «schockiert»

Unterstützt wird der «Sanierer» Smith sicherlich von der Regierung in Paris, die 14,3 Prozent an der Fluggesellschaft hält, und dazu von den niederländischen Partnern, die seit langem auf eine Sanierung des Carriers pochen. Denn Air France geht es schlecht. Strukturell leidet Air France seit Jahren unter der Konkurrenz des Hochgeschwindigkeitszuges TGV, der Billigflieger und der Golf-­Airlines. Die Konzernleitung ­hingegen macht die Belegschaft für den Niedergang verantwortlich: Diese hatte noch im Mai einen Sparplan abgelehnt, was zum Rücktritt von Firmenchef Jean-Marc Janaillac führte. Versuche, die Pilotenlöhne einzudämmen, scheiterten am Ego von Philippe Evain, dem mächtigen Boss der Pilotengewerkschaft SNPL. Er wirft der Konzernleitung aus Pariser Staatsfunktionären Blindheit vor. Smith lehnt er aber auch ab, da dieser bei Air Canada und zwei Tochterfirmen Billigflugmodelle durchgesetzt hatte.

Die Gewerkschaft CGT zeigt sich zudem «schockiert» über Smiths Gesamtlohn, der 3,3 Millionen Euro im Jahr erreichen soll – dreimal mehr als die Einkünfte seines Vorgängers. Das sind nicht die besten Voraussetzungen für einen Chef, der vor allem die Fix- und Lohnkosten senken soll. Die CGT verlangte am Freitag eine generelle Lohnerhöhung um 6 Prozent; andernfalls droht sie mit einem neuen Streik. Erstmals seit langem könnten nun auch die KLM-Piloten die Arbeit niederlegen, weil sie es leid sind, für ihre streikenden Kollegen in Paris in die Bresche zu springen.

LUFTFAHRT: Air France ohne Pilot

Streik, Chaos und ein gestürzter Chef: Die französische Fluggesellschaft Air France fliegt in eine schwere Krise – und verliert den Anschluss an ihre Konkurrenten Lufthansa und British Airways.