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UMWELT: Pflanzengift Glyphosat: Erfolgreich, aber sehr umstritten

Ist das Pflanzengift Glyphosat Krebs erregend? Die Behörden finden die Anwendung unbedenklich. Pro Natura und eine Schweizer Wissenschaftlerin sehen das anders.
Dieses Feld in der Nähe von Leipzig, Deutschland, wurde mit glyphosathaltigem Unkrautvertilger behandelt. (Bild: Getty)

Dieses Feld in der Nähe von Leipzig, Deutschland, wurde mit glyphosathaltigem Unkrautvertilger behandelt. (Bild: Getty)

Andreas Lorenz-Meyer

Glyphosat, ein pflanzentötender Wirkstoff, ist in vielen Unkrautvertilgern enthalten. Der bekannteste ist Roundup von Monsanto. Der US-Konzern verkauft nicht nur dieses Produkt, sondern passend dazu auch Roundup Ready – gentechnisch veränderte Pflanzen, die gegen Glyphosat resistent sind. Monsanto hatte sich den Wirkstoff in den 1970ern patentieren lassen. Da der Patentschutz abgelaufen ist, stellen auch andere Unternehmen aus der Agrarchemie Unkrautvertilger mit Glyphosat her. Das Geschäft läuft blendend. 2012 wurden über 700 000 Tonnen des Pflanzengifts verkauft. Der Glyphosat-Gesamtmarkt liegt bei über 5 Milliarden Dollar jährlich.

Glyphosat in Bier und Brot

Das Pestizid gelangt jedoch auch in die menschliche Nahrung. Wer ein Bier trinkt, der muss damit rechnen, neben Hopfen, Malz und Hefe kleine Mengen vom Ackergift aufzunehmen. In einer deutschen Studie wurden 14 Marken getestet, alle wiesen Spuren des Pestizids auf. Die Werte lagen zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter. Zum Vergleich: Der gesetzliche Grenzwert für Trinkwasser beträgt 0,1 Mikrogramm pro Liter. Auch in Brot fand man schon Glyphosat, wobei hier die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten wurden.

Dass Glyphosat über die Nahrung in unseren Körper gelangt, ist bekannt. Friends of the Earth führte 2013 eine europaweite Studie zur Belastung des menschlichen Urins durch. In allen 18 Ländern fanden sich bei den Probanden messbare Spuren. In der Schweiz war die Quote vergleichsweise niedrig. Hier hatten zwei von insgesamt zwölf getesteten Personen Glyphosat im Urin. «Die Stichprobe ist klein und nicht repräsentativ gewesen, aber darum ging es bei der Untersuchung auch nicht», sagt Marcel Liner, Landwirtschaftsexperte der Schweizer Organisation Pro Natura, die zum FoE-Netzwerk gehört. Liner findet es erschreckend, dass von zwölf zufällig ausgewählten Personen zwei Glyphosat aufwiesen.

Pflanzengift im Menschen – wie ist das einzuordnen? Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Abteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), stufte Glyphosat 2015 als «wahrscheinlich Krebs erregend beim Menschen» ein. Liner sagt, diese Beurteilung basiere «auf der transparenten und gründlichen Evaluierung der besten verfügbaren wissenschaftlichen Literatur», es habe da keine Interessenkonflikte gegeben. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kam jedoch zum Schluss, Glyphosat sei unbedenklich. Was stimmt denn nun? Angelika Hilbeck vom Institut für Integrative Biologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich: «Mir reicht die wissenschaftliche Evidenz, die sich aus vielen überzeugenden Studien ergibt, um zu sagen: Weder Glyphosat noch Roundup oder ihre Abbauprodukte gehören in unsere Nahrung und in die Natur.»

Zulassung läuft Ende Juni aus

Warum sich die Ergebnisse von IARC und EFSA widersprechen, erklärt die Agrarökologin so: Die EFSA hat nur Glyphosat beurteilt, die IARC dagegen Glyphosat und Roundup. Letzteres ist aussagekräftiger, denn Mensch und Natur kommen mit Roundup in Berührung. Dieses Produkt enthält nicht nur den Hauptwirkstoff, also Glyphosat, sondern auch dazugemischte Beistoffe. Hilbeck: «Diese unterzieht man weniger strengen Toxizitätsprüfungen, weil ihnen nicht die hauptunkrautvernichtende Wirkung zugeschrieben wird. Das schafft Anreize, bestimmte Substanzen mit etwas Argumentation als Beistoffe zu deklarieren, obwohl sie im Prinzip pestizide Wirkung haben und einer strengeren toxikologischen Prüfung unterzogen werden müssten.»

Ende Juni läuft die EU-Zulassung für Glyphosat aus. Es herrscht Uneinigkeit in Europa, ob verlängert werden soll. Die Entscheidung könnte bei Beratungen am 6. Juni fallen. Mitten in die Entscheidungsfindung hinein erschien vor kurzem ein neuer Bericht zu Glyphosat vom Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR), einer Arbeitsgruppe von WHO und FAO, der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft. Auf den ersten Blick wird hier der Eindruck vermittelt, das Pestizid sei doch nicht so gefährlich. Man müsse aber genau hinschauen, sagt Hilbeck: «Dass Glyphosat/Roundup wahrscheinlich Krebs erregend für den Menschen ist, streitet das JMPR offiziell nicht ab. In der Kommunikation nach aussen stellt es die IARC-Einstufung dann aber doch in Frage, weil man genau weiss, dass Normalbürger nicht verstehen, wie eine Risikoabschätzung abläuft.»

Das Gremium argumentiere, der Mensch könne gar nicht so viel Glyphosat über die Nahrung aufnehmen, dass sich dessen Krebs erregende Wirkung entfalte. Es lege die duldbaren Grenzwerte der täglichen Aufnahme fest. Diese würden aber auf ganz vielen Annahmen basieren. Das JMPR rechne die Exposition des Menschen so klein wie möglich.

Schweiz: 300 Tonnen Glyphosat

Auch in der Schweiz spritzen viele Bauern das umstrittene Pestizid. Es sollen jährlich um die 300 Tonnen sein. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) vertritt in Sachen Glyphosat aktuell die Ansicht, dass «nach heutigem Wissensstand die von uns festgelegten Höchstmengen in Nahrungsmitteln keine Gefahr für den Konsumenten» darstellen. EFSA und JMPR hätten diese Einschätzung bestätigt. Eventuelle Bewilligungseinschränkungen in der EU prüfe man für die Schweiz und treffe «die nötigen Massnahmen».

Pro Natura fordert ein Glyphosat-Verbot. «Es muss das Vorsorgeprinzip gelten», sagt Marcel Liner. Laut IARC sei es wahrscheinlich, dass Krebserkrankungen in Europa auftreten können, die ursächlich auf glyphosathaltige Pestizide zurückgehen. Die Exposition durch Lebensmittel und Trinkwasser, die mit Glyphosat belastet sind, trage möglicherweise zu einer Erhöhung des Krebsrisikos bei. Die Bedenklichkeit der Glyphosatnutzung beschränkt sich nicht auf den eigentlichen Wirkstoff, betont Liner. Man müsse den ganzen Unkrautvertilger inklusive der beigemengten Stoffe beurteilen und langfristige Untersuchungen vornehmen.

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), zuständig für Zulassung und Verbot des Pestizids, will klären, wie Rückstände von Glyphosat in Lebensmittel gelangen und wie häufig sie in der täglichen Nahrung vorkommen. Untersucht werden vor allem Importprodukte. Begründung: In der Schweiz sei der Einsatz des Pestizids auf reifen Ernteprodukten untersagt, weswegen Gemüse oder Getreide kaum Kontakt mit Glyphosat hätten. Liner findet, die Untersuchung greife zu kurz. In jedem Fall müssten Schweizer Erzeugnisse auch überprüft werden; besonders das Trinkwasser in den ackerbaulich genutzten Regionen. Eine glyphosatfreie Schweizer Landwirtschaft wäre sehr wohl möglich. Das Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern habe in Versuchen gezeigt, dass sogar die bodenschonende Direktsaat, bei der man nicht pflügt, ohne Herbizide funktioniert.

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