Kolumne

(Un-)Begrenzte elterliche Parteilichkeit?

Die elterliche Parteilichkeit kann mit guten öffentlichen Institutionen abgemildert werden. Es gilt demnach vor allem deren Qualität zu wahren und, wo nötig, sie zu verbessern.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Kürzlich las ich erstaunt einen Artikel darüber, wie in der Schweiz lebende Eltern ihre Kinder auf Gymnasien in Konstanz schicken, um schwierige Aufnahmeprüfungen zum Gymnasium in manchen Kantonen zu umgehen. Meine Schwester scheint recht behalten zu haben. Sie hat schon vor Jahren gesagt: «Sobald Du ein eigenes Kind hast, ist es vorbei mit dem hehren Glauben an Gerechtigkeit. Wie alle Eltern wirst Du Dein Kind bevorzugen und ihm Vorteile verschaffen wollen – und das nur, weil es Dein Kind ist.»

Ich habe damals leer geschluckt. Psychologisch konnte ich ihre Position absolut nachvollziehen, doch sollte ich mich aus ethischer Sicht damit zufrieden geben? Denn das hiesse letztlich, die Hoffnung auf grössere Chancengleichheit aufzugeben. Kinder mit guten familiären Startbedingungen werden gemäss dieser Logik reüssieren, Kinder mit schlechten familiären Startbedingungen werden abgehängt, bevor das Rennen um Praktika und Jobs überhaupt begonnen hat. Dabei ist es doch eine zentrale liberale Überzeugung, dass die soziale Herkunft nicht über die Perspektiven von Kindern entscheiden soll.

Geradezu beiläufig hat meine Schwester das bereits seit Platon diskutierte Spannungsverhältnis von Familie und Gerechtigkeit auf den Punkt gebracht. Der amerikanische Philosoph John Rawls stellte in seinem Werk «Eine Theorie der Gerechtigkeit» angesichts der Tatsache, dass sich faire Chancengleichheit nur «unvollkommen durchführen» lasse, solange die Familie als Instanz bestehen bleibt, gar die Frage: «Ist also die Familie abzuschaffen?» Er selbst verneint die Frage und dafür gibt es – so der Konsens in der Familienethik – viele gute Gründe. Der beste Grund dürfte darin liegen, dass es just die parteiische, bedingungslose Liebe der Eltern sei, die ein Kind angesichts seiner Verletzlichkeit und Abhängigkeit gedeihen lasse. Gute Eltern dürfen also nicht nur, nein, sie sollen sogar ihrem Kind gegenüber parteiisch sein, damit es sich von ihnen angenommen fühlen kann. Eltern sind Anwälte ihrer Kinder, nicht ihre Richter.

Ist das nun der Freischein für alle Eltern? Dürfen sie jede Umgehung zum Vorteil ihrer Kinder nutzen? Wo liegt die Grenze zwischen gerechtfertigter elterlicher Parteilichkeit und ungerechtfertigter Parteilichkeit? Das ist eine der meistdiskutierten Fragen in der gegenwärtigen Familienethik. Eine Antwort auf diese Frage, nämlich die der prominenten Familienethiker Adam Swift und Harry Brighouse, lautet, dass alles, was für die Aufrechterhaltung und Pflege einer guten Eltern-Kind-Beziehung notwendig ist, auch gerechtfertigt ist. Während der gemeinsame Skiurlaub in der elterlichen Ferienwohnung den Zusammenhalt und die Beziehung stärken kann, ist das z.B. beim Besuch einer teuren Eliteschule nicht der Fall.

Dieser Ansatz ist (wie viele andere in der Familienethik) deutlich restriktiver als unsere gelebte Realität. Viele von uns dürften sich gegen diese Grenzziehung verwahren; unter anderem weil sie in die familiäre Autonomie eingreift. Solange die Qualität öffentlicher Schulen gut (genug) ist, scheint die Wahl einer teuren Privatschule, zumindest moralisch, nicht anstössig zu sein.

Die elterliche Parteilichkeit kann also unter anderem mit guten öffentlichen Institutionen abgemildert werden. Es gilt demnach vor allem deren Qualität zu wahren und, wo nötig, sie zu verbessern. Weitere Vorschläge, mit denen die tendenziell masslose elterliche Parteilichkeit beziehungsweise deren Folgen für die Chancengleichheit korrigiert werden können, betreffen steuerrechtliche Massnahmen wie eine griffige Erbschaftssteuer – doch dieses Thema ist eine eigene Kolumne wert.

Und was ist mit den Eltern, die ihre Kinder nach Konstanz aufs Gymnasium schicken? Nun, auch Eltern in Konstanz sind parteiisch. Sie sind angesichts der beschriebenen Praxis «not amused» und haben es durchgesetzt, dass bei zu vielen Anmeldungen in der Schweiz wohnhafte Kinder abgewiesen werden.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.