Unberechenbare Möbelkunden

Harzt die Konjunktur, zögern die Schweizer beim Möbelkauf. Erstmals seit fünf Jahren schrumpft der Markt. Im Aufwind: Ikea, Otto’s und Lipo.

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Meinrad Fleischmann - Möbel Pfister

Meinrad Fleischmann - Möbel Pfister

Aargauer Zeitung

Ruedi Mäder

Gedreht hat der Wind im Herbst. Allerdings stand das Jahr 2008 noch im Zeichen des Wachstums: Rekordhohe 4,3 Milliarden Franken (+2,5%) wurden in die Wohnungseinrichtung investiert. Die Möbelkäufe im engeren Sinn kletterten um 2 Prozent auf 3,2 Milliarden. Tempi passati: Eine MZ-Umfrage zeigt, dass der Einrichtungsmarkt zum ersten Mal seit fünf Jahren schrumpft. Gegen 5 Prozent dürfte die Einbusse im ersten Halbjahr ausmachen. Der Möbelabsatz dürfte um mindestens 10 Prozent gesunken sein.

Verändertes Kundenverhalten

Seit dem Konjunktureinbruch halten sich die Konsumenten beim Kauf langlebiger Konsumgüter spürbar zurück. Sie zeigen sich preissensibler und unberechenbarer: Auf Toptage mit vielen Besuchern folgen Floptage. An Samstagen lassen sich nicht mehr automatisch Umsatzspitzen erzielen. Auch die alte Wetterregeln - kühles Wetter animiert zum Möbelkauf, hohe Temperaturen bremsen - gelten nicht mehr uneingeschränkt.

Unter den Top 10 dürfte in den ersten sechs Monaten noch jeder Dritte gewachsen sein. Demgegenüber haben die Fachhändler - Möbel Pfister, Möbel Hubacher und Möbel Märki - fühlbare Einbussen erlitten; diese bewegen sich gemäss MZ-Recherchen zwischen 8 und 11 Prozent. Meinrad Fleischmann, CEO der Möbel Pfister AG, erklärt, die Einbusse reflektiere hauptsächlich den Rückgang des Marktes im mittleren bis gehobenen Möbelbereich. Von der Wirtschaftskrise und der gedrückten Konsumstimmung sei das Hochpreissegment am stärksten betroffen. Mit dem frühzeitig eingeleiteten Stellenabbau habe sich Möbel Pfister für die absehbare Abschwächung der Nachfrage gewappnet. Man hoffe, die Talsohle sei mittlerweile erreicht, und man wolle mit dem heutigen Personalbestand über die Runden kommen. Der hohe Lehr-
stellenbestand (200 Plätze) wurde nicht tangiert und keines der Investitionsprojekte geschmälert. Unter anderem werden neue Laden- und Boutiquekonzepte erprobt. 2010 soll eine Designkollektion lanciert werden.

Roger Märki, Inhaber und Chef von Möbel Märki, räumt ein, ausgerechnet die «Einstiegspreislagen» seien weniger nachgefragt worden. Seine Vermutung: Das Zielpublikum habe zum Vornherein den Weg zu Ikea und zu Discountern eingeschlagen, nach Märkis Gusto zu Unrecht: «Wir müssen den Preisvergleich nicht scheuen.» Doch auch für Märki ist eine Aufweichung der Qualitätsstrategie kein Thema. Aus Kundensicht sei dies längerfristig «deutlich preiswerter als die mehrfache Anschaffung von Billigmöbeln».

Interio aus der Globus-Gruppe erlitt bei Produkten mit Investitionscharakter wie Sofas oder Betten Umsatzverluste. Auch konnten laut Marketingchef Werner Jakob sowohl Gartenmöbel als auch Wohnaccessoires «auf hohem Niveau gut gehalten» werden. Bei der Umbaustelle Micasa dürfte 2010 zum Jahr der Nagelprobe werden. Die Coop-Division Toptip hat im ersten Quartal bei nur «leichtem» Umsatzrückgang Anteile gewonnen.

Möbel Hubacher rechnet für 2009 mit einem Rückgang von gegen 10 Prozent. Marketingleiter Nicolas Bill setzt aber darauf, dass der Stellenwert des Wohnens - nach der aktuellen Korrektur - wieder steigen wird. Nicolas Probst, Geschäftsführer von Fly Schweiz, teilt diese Ansicht und erwartet längerfristig «einen ausgeprägten Nachholbedarf».

Das Trio der Gewinner

Umsatzleader Ikea schliesst die Bücher Ende August und dürfte 3 bis 5 Prozent zugelegt haben. Postenhändler Otto's gibt sich bedeckt («besser als im Vorjahr») und arbeitet am Ausbau der Präsenz. Zu den Gewinnern zählen auch die aufgefrischten Lipo-Märkte: Sie haben bis Mitte Jahr 3 Prozent zugelegt und spüren laut CEO Dirk Herzig einzig bei Kücheneinrichtungen eine Zurückhaltung der Kunden.