«Unentschuldbar»: CS-Präsident Urs Rohner greift in Beschattungsaffäre durch – 5 Erkenntnisse

Die Credit Suisse hat am Montagmorgen bestätigt, was CH Media bereits gestern meldete: Die Sicherheitsverantwortlichen der CS haben in der ersten Untersuchung der Beschattungsaffäre brandschwarz gelogen und eine brisante Spitzel-Aktion vertuscht. Die Nummer 2 der Konzernleitung verliert per sofort den Job – und dazu 4 Millionen Franken.

Patrik Müller
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Die Affäre eingedämmt, aber noch nicht bereinigt: CS-Chef Thiam (l.) und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner.

Die Affäre eingedämmt, aber noch nicht bereinigt: CS-Chef Thiam (l.) und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner.

Keystone

Die Zürcher Anwaltskanzlei Homburger hat ihre zweite Untersuchung zur Beschattungsaffäre bei der Credit Suisse durchgeführt. Sie wurde eröffnet, nachdem die NZZ vergangenen Dienstag enthüllt hatte, dass es nebst der missratenen Überwachung des zur UBS übergelaufenen Starbankers Iqbal Khan einen zweiten Fall gegeben hat: Auch der damalige Personalchef Peter Goerke wurde beschattet. Das war peinlich für CS-Chef Tidjane Thiam und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner, denn sie hatten davor noch beteuert, Khan sei ein «isolierter Einzelfall» gewesen. Gestern Sonntagabend wurden die Express-Untersuchung von Homburger abgeschlossen und der Verwaltungsrat informiert. Das sind die 5 wichtigsten Erkenntnisse:

  1. Tidjane Thiam bleibt im Amt. Der Konzernchef habe von Goerkes Überwachung nichts gewusst, ergaben die neuen Abklärungen von Homburger. Wäre Thiam, der Goerke zur CS geholt hatte, involviert gewesen, wäre es eng geworden für ihn. Dann wären womöglich auch die ausländischen Grossaktionäre, die Thiam bislang unterstützen, gegen ihn gekippt. Nun ist er vorerst aus dem Schneider.
  2. Fristlose Entlassung von Pierre-Olivier Bouée. Die Nummer 2 hinter Thiam wird in der Untersuchung als Hauptsünder ausgemacht. Er habe den Auftrag erteilt, Peter Goerke beschatten zu lassen. Wie bei Iqbal Khan sei auch diese Beschattung über einen Mittelsmann durchgeführt worden. «Der Verwaltungsrat hat gegenüber Pierre-Olivier Bouée die fristlose Kündigung ausgesprochen», heisst es in der CS-Mitteilung. Das bedeutet auch, dass er seine Bonus-Ansprüche verliert. Der Wert des zurückgehaltenen Aktienpakets beträgt etwa 4 Millionen Franken. Bouée war bereits nach dem Fall Khan geschasst worden - aber nicht fristlos.
  3. Das Lügengebäude kracht zusammen. Bei der ersten Befragung durch den Verwaltungsrat und der Untersuchung durch Homburger - unmittelbar nach Auffliegen der Khan-Affäre - haben die verantwortlichen Personen bei der Frage nach weiteren Beschattungen brandschwarz gelogen (CH Media berichtete). Sie seien darauf bedacht gewesen, «bei der Organisation und Durchführung der Beschattung Peter Goerkes keine nachweisbaren Spuren in den Systemen der Bank zu hinterlassen». Dem Vernehmen nach sind es die Lügen eigener Top-Leute - konkret von Bouée -, die den Verwaltungsrat am meisten empört haben. Von «blankem Entsetzen» ist die Rede.
  4. Jetzt darf nichts mehr zum Vorschein kommen! Die Kommunikation der CS gleicht jener nach der ersten Untersuchung. Es bestehe keine generelles kulturelles Problem in der CS. Heute Morgen wird Verwaltungsratspräsident Urs Rohner wie folgt zitiert: «Die nun bestätigte Beschattung von Peter Goerke ist unentschuldbar. Wir sind uns bewusst, dass die Beschattungen von Iqbal Khan und Peter Goerke dem Ansehen unseres Unternehmens geschadet haben. Mit den getroffenen Massnahmen machen wir deutlich, dass der Verwaltungsrat eine Beschattungskultur entschieden ablehnt.» Das heisst aber auch: Wenn jetzt noch einmal etwas ans Tageslicht kommt, das die oberste Führungsebene nicht gewusst hat, dann wird es so peinlich, dass es auch dort Konsequenzen haben müsste. 
  5. Was die Untersuchung NICHT sagt. Zwar haben die Homburger-Anwälte keinen dritten Beschattungsfall auf Ebene Konzernleitung identifiziert. Aber ob es auf unteren Stufen zu fragwürdigen Beschattungen kommt, darüber gibt die CS-Mitteilung keine Auskunft. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Banken (und auch andere Branchen mit sensiblen Daten) mit Detektiven zusammenarbeiten, insbesondere wenn ein Mitarbeiter in gekündigtem Verhältnis steht. Konzernchef Thiam sei hier «schmerzlos», sagt ein Insider. Thiam hat sogar öffentlich, im Westschweizer Fernsehen, gesagt, Überwachungen könnten eine «legitime Waffe» sein für die Bank. 

Das Fazit: Die Affäre ist vorerst eingedämmt, es rollen keine weiteren Köpfe. Darum hat die CS heute auch nur schriftlich informiert und keine Medienkonferenz abgehalten. Sie will den Ball flach halten. Aber ausgestanden ist sie noch nicht. Zumal eine weitere Untersuchung läuft - jene der Finanzmarktaufsicht des Bundes (Finma). Die CS schreibt dazu: «Credit Suisse wird weiterhin eng mit der Finma und neu auch mit dem durch diese eingesetzten unabhängigen Prüfbeauftragten zusammenarbeiten.»

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