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UNFÄLLE: «Je früher zurück, desto besser»

Noch nie hat die Suva so viel Krankentaggeld ausbezahlt wie 2014. Das soll sich ändern. Suva-Experte Peter Diermann setzt dabei auf eine Wiedereingliederung durch Teilzeitpensen.
Peter Diermann, Bereichsleiter Versicherungsleistungen bei der Suva, am Hauptsitz in Luzern. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Peter Diermann, Bereichsleiter Versicherungsleistungen bei der Suva, am Hauptsitz in Luzern. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Formular: Das Jobprofil der Suva finden Sie als PDF unter www.luzernerzeitung.ch/bonus

Interview Bernard Marks

Peter Diermann, die Suva setzt sich dafür ein, dass Arbeitnehmer nach einem Unfall so rasch wie möglich wieder in den Arbeitsalltag zurückkehren. Warum?

Peter Diermann*: Unsere Erfahrung zeigt, dass viele verunfallte Menschen bereits nach kurzer Zeit ihre Arbeit vermissen. Der Wiedereinstieg in den Berufsalltag gibt ihnen ein Stück der gewohnten Lebensqualität zurück und schliesst sie wieder in den Kreis der Kolleginnen und Kollegen ein.

Das Thema der Wiedereingliederung ist nicht neu. Warum nimmt sich die Suva gerade jetzt dem Thema an?

Diermann: Die Verunfallten erhalten für ihren Einkommensausfall ein Unfalltaggeld in der Höhe von 80 Prozent des versicherten Verdienstes. 2014 zahlte die Suva allein dafür rund 1,29 Milliarden Franken aus. Diese Summe nimmt seit Jahren kontinuierlich zu (siehe Grafik). Hier wollen wir substanziell Kosten einsparen. Aber es betrifft nicht nur uns als Versicherer. Auch für den Arbeitgeber hat ein Unfall erhebliche finanzielle Folgen.

Wie meinen Sie das?

Diermann: Ein einziger Ausfalltag kann den Arbeitgeber über 1000 Franken kosten. Denn Firmen tragen den ausfallbedingten Leistungsverlust und die indirekten Unfallkosten eines Mitarbeiters. Tatsache ist: Wenn ein Angestellter ausfällt, hat dies letztlich Auswirkungen auf die Prämie für das Unternehmen. Zudem müssen die Mitarbeitenden, welche die Arbeit des Verunfallten übernehmen, häufig zuerst eingearbeitet werden. Das ist mit viel zeitlichem und finanziellem Aufwand verbunden. Kommt hinzu, dass die Wiedereingliederungschancen eines Mitarbeiters gemäss Studien schon nach einer sechsmonatigen Arbeitsunfähigkeit um rund 50 Prozent abnehmen. Je früher, desto besser.

Wie viel könnte die Suva einsparen, wenn mehr Personen nach einem Unfall schneller eingegliedert würden?

Diermann: Wenn es möglich ist, die Arbeitsunfähigkeit eines Verunfallten zum Beispiel um 50 Prozent zu verkürzen, würden die Taggeldkosten der Suva im gleichen Masse sinken. Wie hoch dieser Betrag sein könnte, ist derzeit nicht zu beziffern. Aber bei jährlich 4,1 Milliarden Franken an Versicherungsleistungen, welche die Suva erbringt, lohnt es sich, in dieses Anliegen zu investieren.

Sie raten zu einer Wiedereingliederung durch Teilzeitpensen.

Diermann: Die meisten Menschen, die nach einem Unfall ausfallen, werden heute in der Schweiz zu 100 Prozent arbeitsunfähig geschrieben. Dies, obwohl sie oft schon während der Genesung eigentlich schon wieder eine gewisse Zeit arbeiten könnten. Wir versuchen deshalb, mit den Arbeitgebern Lösungen zu finden, um Verunfallte baldmöglichst in niedrigen Teilpensen oder an Schonarbeitsplätzen zurück in den Berufsalltag zu führen. Ein Teilpensum lässt sich auch leichter mit ambulanten Rehabilitationsmassnahmen kombinieren.

Viele Patienten wären vielleicht froh über eine Auszeit von der Arbeit. Braucht es für eine rasche Wiedereingliederung Überredungskunst?

Diermann: «Überreden», das wäre wohl der falsche Weg. Im Gegenteil: Von Verunfallten, die längere Zeit arbeitsunfähig sind, hören wir oft, dass ihnen die «Decke auf den Kopf falle». Eine frühe Rückkehr an den Arbeitsplatz gibt den Verunfallten wieder eine Tagesstruktur. Sie erfahren Anerkennung durch das berufliche Umfeld, was sich wiederum auf das Selbstwertgefühl auswirkt. In den meisten Fällen hat das übrigens einen positiven Einfluss auf den Heilungsverlauf.

Wie funktioniert so eine Wiedereingliederung konkret?

Diermann: Ich gebe Ihnen Beispiele: Ein Mechaniker, der bei privaten Waldarbeiten von einem Wurzelstock fast erschlagen wurde, erlitt schwere Verletzungen vor allem im Rückenbereich. Entgegen allen Prognosen der Ärzte kehrte er dreieinhalb Monate nach dem Unfall an seinen Arbeitsplatz zurück. Er verrichtete dort zunächst leichte Arbeiten in der Verwaltung. Ein anderer Fall: Ein Landschaftsgärtner wurde von einem Pneulader überrollt und erlitt zahlreiche Frakturen. Dank der Aufbauarbeit in der Rehaklinik Bellikon konnte er schon bald anfänglich für ein paar Stunden pro Woche – an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Heute ist er wieder zu 100 Prozent arbeitsfähig. Diese Beispiele verdeutlichen, dass Arbeit oft die beste Therapie ist.

Ist das nicht zu belastend für alle Beteiligten wie die Kollegen, die Personalabteilungen und für den Patienten?

Diermann: Natürlich ist die schrittweise Wiedereingliederung des verunfallten Mitarbeitenden eine Herausforderung für das Unternehmen. Es bedeutet in einer ersten Phase eher einen Mehraufwand. Der Arbeitgeber muss dem betroffenen Mitarbeiter zum Beispiel einen Schonarbeitsplatz zur Verfügung stellen; ausserdem ist beim Umgang mit den Betroffenen oftmals besonders grosse Rücksicht gefordert. Zudem ist die Produktivität dieses Mitarbeiters in der Anfangsphase eher unbedeutend. Langfristig gesehen zahlt sich dieses Vorgehen aber aus.

Viele Firmen betreiben diese Praxis bereits. Doch gibt es Fälle, in denen Firmen zu schnell wiedereingliedern wollen. Das kann zur Überbelastung des Patienten führen.

Diermann: Übertreiben sollte man auf keinen Fall, das ist kontraproduktiv. Bei dem Thema der Wiedereingliederung kommt dem Arzt eine wichtige Rolle zu. Es ist in jedem Fall wichtig, dass der behandelnde Arzt über den Arbeitsalltag des Verunfallten orientiert ist. Der Arzt muss zum Beispiel wissen, ob der Patient die Arbeit stehend oder sitzend ausführt, ob er schwere Gewichte heben muss oder ob alternative Tätigkeiten zur Verfügung stehen. Fehlen diese Informationen, kann dies nach einer Wiedereingliederung schnell zu Überbelastungen des Mitarbeiters führen. Die Suva stellt den Arbeitgebern deshalb ein Formular (Jobprofil) zur Verfügung, in dem Firmen mit einem minimalen Aufwand den Arbeitsplatz und die Tätigkeiten des Verunfallten beschreiben und diese Informationen dem Arzt zur Verfügung stellen können.

Hinweis

* Peter Diermann ist Bereichsleiter Abteilung Versicherungsleistungen bei der Suva. Der 55-Jährige arbeitet seit 30 Jahren für die grösste Schweizer Unfallversicherung. Die Wieder­eingliederungskampagne lässt sich die Suva rund 1,5 Millionen Franken kosten.

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