E-Mail-Stress
Ungelesene Mails könnten einen ja den Job kosten

Trotz ungesunder Folgen für Mitarbeiter machen Schweizer Firmen nur wenig gegen die E-Mail-Flut. Selbst in der Freizeit und in der Ferien beantworten Angestellte heute E-Mails. Gesünder wären dagegen Kommunikationspausen, sagen Experten.

Marc Fischer
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Zu viel Kommunikation macht krank. So hat das übermässige Schreiben und Lesen von E-Mails negative psychologische und physiologische Auswirkungen auf den menschlichen Biorhythmus: Sie erhöhen den Blutdruck, lassen das Herz schneller schlagen und steigern den Ausstoss des Stresshormons Cortisol. Zu diesem Schluss kommt ein Forscherteam der englischen Universität Loughborough, das erstmals eine entsprechende Untersuchung durchgeführt hat.

Umso bedeutender ist diese Erkenntnis, als mit der Verbreitung von Smartphones und Tabletcomputern die 24/7-Gesellschaft in den letzten Monaten immer stärker zur Realität geworden ist. Mitarbeiter sind 24 Stunden und 7 Tage die Woche erreichbar – auch in den Ferien. Jeden Tag werden 144 Milliarden E-Mails quer über den Globus geschickt. Viele davon sind überflüssig oder nur die Folge des übersteigerten Bedeutungsbewusstseins eines Arbeitskollegen, der seinen Nachrichten mit möglichst vielen CC-Empfängern mehr Bedeutung verleihen möchte.

Thomas Jackson von der Loughborough-Universität: «Wir werden in unserem Tun im Schnitt 96 Mal pro Tag von E-Mails gestört.» Der Stress wird dadurch verursacht, dass man wegen der akustischen oder visuellen Benachrichtigungssignale E-Mails oft sofort bearbeitet. Besser wäre es, die elektronischen Nachrichten gebündelt alle halbe oder ganze Stunde zu beantworten. Erhöhtes Stressniveau zeigt sich gemäss dem englischen Forschungsteam auch, wenn Sitzungen, E-Mail-Austausch und Telefongespräche rasch aufeinanderfolgen. Für Unternehmen ist das kontraproduktiv. «Produktivität und Kreativität sinken, die Erschöpfung steigt», sagt Jackson weiter.

Helle Köpfe haben das Dilemma längst erfasst. Die Kommunikationsprofessorin Miriam Meckel von der Universität St. Gallen rät, öfter mal Kommunikationspausen einzulegen. In ihrem Handy hat sie schon gar keine Mailbox mehr, wie sie im Interview mit der «Nordwestschweiz» sagte. Und wenn sie in den Ferien ist, lautet die automatische Antwort klipp und klar: «Sämtliche E-Mails werden in den Papierkorb befördert. Bitte melden Sie sich nach meinen Ferien wieder.»

In der Privatwirtschaft ist eine derart pointierte Meldung deplatziert. «Kundenorientierung ist das Wichtigste in unserem Arbeitsalltag», sagt etwa ein Swisslife-Sprecher auf Anfrage. Eine Abwesenheitsmeldung muss beim Versicherungskonzern kundenfreundlich sein, zudem würden bei Ferienabwesenheiten E-Mails automatisch weitergeleitet oder es werde mindestens eine Ausweichadresse angegeben. Von Mitarbeitern wird aber nicht erwartet, dass sie auch nach Feierabend oder in den Ferien auf E-Mails reagieren. Anders bei Geschäftsleitungs-Mitgliedern: «Wir erwarten, dass sie auch ausserhalb der normalen Arbeitszeiten erreichbar sind», so der Sprecher.

Viele Unternehmen dagegen erwarten von ihren Mitarbeitern immer noch eine hohe Verfügbarkeit. So klar sagt das niemand. Doch viele Unternehmen verweisen einfach auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter, wie eine kleine Umfrage der «Nordwestschweiz» bei sechs Schweizer Grossunternehmen zeigt. Man versucht zwar, mit vermehrtem telefonischen Kontakt und anderen Kommunikationsmitteln der Mail-Flut Herr zu werden. Der Stress wird dadurch aber nicht reduziert, sondern nur auf einen anderen Kanal umgeleitet.

Im Bankensektor ist der Stress so gross, dass gewisse Unternehmen gar nicht mehr zitiert werden wollen. Doch es gibt auch für Aussenstehende klare Zeichen des erhöhten Stressniveaus, dem Grossbankangestellte noch immer ausgesetzt sind: Die Augenringe der Banker im Bekanntenkreis sind in den letzten Monaten prägnanter geworden. E-Mails ungelesen liegen zu lassen, ist da nur sehr schwer vorstellbar. Es könnte einen ja den Job kosten.