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UNIA: «Darum wird es uns immer brauchen»

Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia, spricht über die gerechte Verteilung der Arbeit. Und über das bewährte Druckmittel Streik.
Interview Daniel Zulauf
Trillerpfeifen, Fahnenmeer und Transparente gehören bei einer Demonstration dazu. Das Bild zeigt ein kletterndes Unia-Mitglied an einer Kundgebung von Bauarbeitern im vergangenen Juni in Zürich. (Bild: Keystone/Valeriano Di Domenico)

Trillerpfeifen, Fahnenmeer und Transparente gehören bei einer Demonstration dazu. Das Bild zeigt ein kletterndes Unia-Mitglied an einer Kundgebung von Bauarbeitern im vergangenen Juni in Zürich. (Bild: Keystone/Valeriano Di Domenico)

Interview Daniel Zulauf

Vania Alleva, der 1. Mai war ursprünglich ein Streiktag – ein Protesttag der unterdrückten Arbeiterklasse. Welche Bedeutung messen Sie diesem Tag heute noch bei?

Vania Alleva: Es ist immer noch der weltweite Kampftag für die Arbeitnehmerrechte. Bei uns stehen aktuell die Verteidigung der Renten und der Schutz der Löhne und Arbeitsplätze im Zentrum.

Der Streik ist Ihre schärfste Waffe. Aber was passiert, wenn es nicht mehr genügend Arbeit gibt, wie dies schon jetzt in vielen Ländern der Fall ist und im Zug der zunehmenden Automatisierung auch hier zum grossen Problem werden könnte?

Alleva: Die Arbeit geht uns nicht aus. Aber sie muss besser verteilt werden, genauso wie am Ende die Früchte der Arbeit. Über solche Fragen entscheidet das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Der Druck auf die Arbeitsplätze und die Löhne ist eine Konstante, und kollektive Verhandlungen sind ein wichtiges Instrument, um Arbeitnehmerrechte zu verankern. Darum wird es uns immer brauchen.

Und der Streik?

Alleva: Der Streik ist ein Mittel, um dieses Kräfteverhältnis zu Gunsten der Arbeitnehmenden zu bewegen. Aber der Streik ist kein Selbstzweck. Es geht immer um die Durchsetzung und die Verteidigung von Arbeitnehmerrechten, und der Dialog ist stets der erste Schritt.

Die Unia versteht sich hervorragend auf die Mediatisierung von Streiks. Sind Streiks ein Marketinginstrument?

Alleva: Nein. Wir streiken nicht aus Marketinggründen, sondern weil wir vermehrt mit Arbeitgebern konfrontiert sind, die den Dialog verweigern. Es braucht immer sehr viel, bis ein Streik ausgerufen wird, ein Streik ist kein Sonntagsspaziergang. Die Anzahl Streiks hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Das ist eine Folge der Verhärtung auf dem Arbeitsmarkt.

Am 5. Juni stimmen wir über das bedingungslose Grundeinkommen ab. Statt die Initiative zu unterstützen, fordern Sie eine Stärkung der AHV. Betrachten Sie alternative Ideen zur klassischen Lohnarbeit als Bedrohung für die Gewerkschaften?

Alleva: Ich finde die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens als sozialpolitische Vision durchaus interessant. Aber die vorliegende Initiative lässt zu vieles ungeklärt. Sie kann als Plattform missbraucht werden, um die bestehenden Sozialwerke zu untergraben. Deshalb lehnen wir die Initiative ab.

Aber Hand aufs Herz, solche Ideen rütteln doch auch am Selbstverständnis einer Gewerkschaft, und es gibt doch viele Gewerkschafter, die für die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens wenig Verständnis haben.

Alleva: Das sehe ich nicht so. Die Befreiung vom Lohnzwang ist eine spannende sozialpolitische Vision. Aber sie beantwortet nicht die Frage nach dem Zugang zur Arbeit, ihrer Würde und Wertschätzung und – in einer kapitalistischen Welt – nach dem gerechten Lohn.

Sie sind neben Ihrem Amt als Unia-Präsidentin auch Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Neben der mächtigen Unia gehen die anderen SGB-Mitglieder unter. Braucht es den SGB noch?

Alleva: Wir sind mit etwa der Hälfte der Mitglieder sicher ein grosser Player im SGB. Aber die anderen Verbände gehen nicht unter. Sie organisieren Beschäftigte in Bereichen, in denen wir nicht präsent sind, zum Beispiel im öffentlichen Dienst und in ehemaligen öffentlichen Betrieben. Sinnvoll ist auch die Arbeitsteilung, in der sich die Einzelgewerkschaften um die Arbeit in den Betrieben und der SGB um gemeinsame politische Belange kümmern.

Wünschen Sie sich eine Einheitsgewerkschaft in der Schweiz?

Alleva: Das braucht es nicht. Aber eine stärkere Zusammenarbeit der Verbände, welche den öffentlichen Dienst und benachbarte private Dienstleistungsbereiche organisieren, wäre wichtig – gerade angesichts der aktuell wieder heftigen Angriffe auf den Service Public.

«Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» – Karl Marx und Friedrich Engels verfassten das Kommunistische Manifest vor bald 170 Jahren. Wie weit entfernt liegt das Ziel heute noch?

Alleva: Zu diesem Ziel gibt es keine Alternative. Heute weniger denn je, da das Kapital kaum noch Grenzen kennt und die Arbeitnehmer in zunehmendem Mass grenzüberschreitend gegeneinander ausgespielt werden. Den Begriff «Proletarier» würde ich allerdings nicht so verwenden. Er wird der Vielfalt der modernen Arbeitswelt nicht mehr gerecht.

Gewerkschaften hadern mit ihrer eigenen Geschichte

1. Mai dz. Der 1. Mai ist eine Art «Seismograf», an dem sich die Entwicklung der Arbeiterbewegung ablesen lasse, sagt der Wirtschaftshistoriker Urs Anderegg. Natürlich weiss er, dass man von einer «Arbeiterbewegung» im herkömmlichen Sinn schon lange nicht mehr reden kann. Traditionelle Berufsbilder verschwinden von der Bildfläche, neue Berufe entstehen – und das alles mit zunehmender Geschwindigkeit.

Die Zersplitterungstendenzen bilden eigentlich keinen guten Boden für eine erfolgreiche Gewerkschaftsarbeit. Die Gewerkschaften verstehen sich darauf, in klar definierten Branchen einen möglichst hohen Organisationsgrad zu erlangen, um mit Macht in die Verhandlungen mit den Arbeitgebern einsteigen zu können. Dieser Ansatz wird schwieriger, je mehr die Kreise der Arbeitnehmer in heterogene Grüppchen auseinanderdriften. Das Problem lässt sich in der Tat auch mit Zahlen unterlegen. Die Zahl der in einer Gewerkschaft oder anders organisierten Arbeitnehmer in der Schweiz hat in den vergangenen 25 Jahren um rund 15 Prozent auf rund 740 000 Personen abgenommen.

Erfolgreiche Unia

Doch die Statistik erzählt nur die halbe Wahrheit. Die 2005 entstandene Fusionsgewerkschaft Unia hat sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in den vergangenen Jahren zu einer Erfolgsstory gemausert. Eben erst hat Unia die Marke von 200 000 Mitgliedern wieder überschritten. Das ist mit Blick auf die vielen natürlichen Mitgliederverluste eine bemerkenswerte Leistung. Dabei ist Zähne zeigen ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgsrezeptes von Unia. Der jüngste Streik, in dem 10 000 Mitglieder von Unia und der christlichen Gewerkschaft Syna im vergangenen November für einen Tag ihre Helme an den Nagel hängten, führte einen Monat später zum Abschluss des lange heiss umkämpften Landesmantelvertrages im Bauhauptgewerbe. Stolz verweist die Unia auf ihre Streikperformance, die den Mitgliedern, aber auch den Arbeitgebern die Durchsetzungskraft und den Mobilisierungsgrad der Organisation aufzeigen sollen. Seit der Gründung von Unia hat sich die Zahl der jährlichen Arbeitskämpfe etwa verdoppelt. Auch andere Gewerkschaften treten inzwischen kämpferischer auf und schrecken vor Arbeitsniederlegungen nicht mehr zurück.

Sinnbildlich für die Renaissance der Gewerkschaften ist der Rückgang der weitgehend unpolitischen Krawalle, die bis vor einigen Jahren vor allem in Zürich den 1. Mai praktisch in Beschlag nahmen. Vermummte Aktivisten stiessen quasi in ein Vakuum vor, nachdem die Gewerkschaften ihren wichtigsten Tag im Jahr während langer Zeit nur noch halbherzig und mit geringer Beteiligung zelebrierten. Diese Phase ist vorbei. Die Gewerkschaften haben die Strasse zurückerobert. Die Kundgebungen und Reden vermögen auch ausserhalb der eigenen Organisation wieder politisch motiviertes Publikum zu mobilisieren.

Das Fundament schrumpft

Doch von ihren einstigen Blütezeiten in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts und in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Gewerkschaften weit entfernt. Zwar ist das elitäre Verständnis von Arbeitnehmervertretung verschwunden, mit dem die Gewerkschaftsfunktionäre während dreier Jahrzehnte bis in die Achtzigerjahre ihre Verhandlungsergebnisse durch die Basis abnicken liessen. Doch die Demokratisierung und Aktivierung der Basis bleibt eine Herausforderung, die die Gewerkschaften künftig noch mehr als heute dazu zwingen dürften, ihr eigenes Selbstverständnis kritisch zu hinterfragen. Daniel Oesch, Sozialwissenschaftler an der Universität Lausanne, schreibt in einer Studie über die Umwälzungen der Gewerkschaftslandschaft in den vergangenen 25 Jahren: «Das Arbeitsmarktfundament, auf welchem das heutige System der schweizerischen Arbeitsbeziehungen aufbaut, schrumpft, während die gut qualifizierten Dienstleistungsberufe weiter wachsen. Ohne Verbreitung des heutigen Fundaments wird der politische Einfluss der Gewerkschaften längerfristig schwer beizubehalten sein.» Ein offensichtliches Problem dieser Entwicklung ist der Umstand, dass hoch qualifizierte und entsprechend begehrte Spezialisten ihre Interessen gegenüber dem Arbeitgeber in individuellen Verhandlungen potenziell besser vertreten können als im Kollektiv. Die Gewerkschaften stecken insofern im Dilemma, dass ihnen die Gegner von heute langsam abhandenkommen – ohne zu wissen, auf wen sie mit Blick in die Zukunft zielen sollten.

Zur Person

Vania Alleva (geboren 1969) ist Präsidentin der Gewerkschaft Unia. Die schweizerisch-italienische Doppelbürgerin wuchs in Zürich als Tochter eines Lastwagenfahrers und einer Schneiderin auf. Sie studierte Kunstgeschichte in Rom.

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