az-Serie Teil 5
Unsere Grossbanken sind viel zu gross

Wir sollten auch nicht ruhen, bevor wir das gefährliche Klumpenrisiko zu gross gewordener Grossbanken wirklich beseitigt haben, schreibt unser Autor.

Peter Hablützel*
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Peter Hablützel

Peter Hablützel

Lord Turner, der Chef der britischen Bankenaufsicht, hat im Sommer 2009 öffentlich die Frage gestellt, ob ein grosser Finanzsektor volkswirtschaftlich wirklich von Vorteil sei. So etwas Subversives wäre seinen Schweizer Kollegen wohl nie in den Sinn gekommen, obwohl diese Frage bei uns noch viel berechtigter ist als
anderswo.

In der Schweiz verzeichnet die Finanzindustrie einen viel grösseren Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP), an der Beschäftigung und am Steueraufkommen als in Grossbritannien, in den USA oder in Deutschland. Der Konzentrationsprozess im Bankgewerbe ist zudem nirgends so weit fortgeschritten wie bei uns. Auch nach dem Aderlass der Krise ist die Bilanzsumme der beiden Grossbanken immer noch fünfmal höher als unser BIP. Im Vergleich dazu entspricht die Bilanzsumme aller amerikanischen Banken zusammen nur gerade
einem Jahres-BIP der USA.

Das war nicht immer so. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts generierten die Kantonalbanken mehr als 40 Prozent, die Regionalbanken 25 Prozent des Bankenumsatzes der Schweiz. Auf die damals noch fünf Grossbanken entfiel nur ein Viertel der Bilanzsumme aller Banken. Erst seit Ende der 1960er-Jahre setzte ein rasantes Wachstum namentlich des Auslandsgeschäfts der Grossbanken ein. Seit der forcierten Globalisierung in den 1990er-Jahren ist der Finanzsektor dreimal schneller gewachsen als das BIP, und der Konzentrationsprozess hat dazu geführt, dass die Finanzwirtschaft in unserem Land von zwei Bankriesen beherrscht wird, die mehr am profitträchtigen, risikoreichen Auslandsgeschäft interessiert sind als an Dienstleistungen für die schweizerische Volkswirtschaft.

Bis zur Finanzmarktkrise haben Bankenaufsicht, Politik und öffentliche Meinung in der Schweiz diesem gefährlichen Klumpenrisiko wenig Beachtung geschenkt. Trotz Warnungen der Nationalbank wollte man unseren Grossbanken mit grosszügigen Regelungen und milder Aufsichtspraxis vermeintliche Standortvorteile verschaffen. Deshalb schlitterte die UBS mit dem weltweit höchsten Verschuldungsgrad aller Banken von mehr als 98 Prozent in die Krise. Und der Staat konnte sie nicht fallen lassen. Denn eine Insolvenz unserer Grossbanken würde den Zahlungsverkehr lahmlegen. Wer möchte schon verantworten, dass Zehntausende von mittleren und kleineren Firmen die Löhne nicht mehr auszahlen könnten?

Die Expertenkommission «Too big to fail» macht zahme Vorschläge, wie dieses Klumpenrisiko eingeschränkt werden sollte. Im Einvernehmen mit den Grossbanken will sie die risikogewichteten Eigenmittel zwar erhöhen. Aber über ihre Risikomodelle bestimmen die Grossbanken weitgehend selber, wie hoch die Risiken einzuschätzen sind. Die Expertenkommission verzichtet auf Grössenbeschränkungen und strenge Verschuldungsgrenzen, obwohl doch gerade ein hoher Verschuldungsgrad die Banken in den Abgrund führte.

Die Grossbanken nehmen massiv Einfluss auf die öffentliche Diskussion und auf die Politik in unserem Land. Wenn es sein muss, schleifen sie mithilfe von Bundesrat und Finanzmarktaufsicht sogar das Bankgeheimnis praktisch über Nacht, eine Festung, welche die vereinigte Linke während Jahrzehnten vergeblich zu Fall zu bringen versuchte. So mächtige Unternehmen lassen sich die Geschäftsmodelle nicht vorschreiben. Weder eine Aufspaltung der Banken noch eine Einschränkung des Eigenhandels oder gar ein Verbot gefährlicher Finanzinstrumente kommen für sie infrage. Und ob ihre Löhne und Boni den sozialen Frieden gefährden, kümmert die arroganten Bankriesen wenig. Sie finanzieren schliesslich über die bürgerlichen Parteien auch die Politik. Letzthin ist bekannt geworden, dass ein einflussreicher Zürcher Ständerat während Jahren für zwei Sitzungen von der Credit Suisse 100000 Franken bezogen hat.

Sehr grosse Banken sind ökonomisch und politisch gefährlich für ein kleines Land. «Wir werden nicht ruhen, bevor Sie zufrieden sind», verspricht die UBS ihren Kunden in der neuesten Image-Kampagne. Das ist zweifellos nett gemeint. Aber wir sollten auch nicht ruhen, bevor wir das gefährliche Klumpenrisiko zu gross gewordener Grossbanken wirklich beseitigt haben.