Finanzkrise
US-Immobilienmarkt: «Ein Schlamassel»

Die Bank of America greift ab sofort wieder zu juristischen Schritten, wenn ein Gläubiger nicht zahlen kann. Zuvor war das Verfahren unter Beschuss geraten.

Renzo Ruf, Washington
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Bank of America

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Keystone

Die Ansage der grössten Bank Amerikas sollte wohl Entschlossenheit si-gnalisieren. Zu Wochenbeginn gab die Bank of America bekannt, dass sie in 23 der 50 Bundesstaaten wieder juristisch gegen Hausbesitzer, die ihre Hypothek nicht mehr bezahlen, vorgehen werde. Ein Sprecher sagte: «Das ist ein erster Schritt, um die Spekulationen zu widerlegen, dass der Hypothekarmarkt ernsthaft mit Makeln behaftet ist.»

Marktbeobachter wie der «New York Times»-Journalist Andrew Ross Sorkin lassen sich allerdings von dieser Stellungnahme nicht beeindrucken. Sorkin spricht immer noch von einem «Schlamassel», wenn die Rede auf den Immobilienmarkt der USA kommt.

Die Zahlen geben ihm recht: Im September wurden landesweit rekordverdächtige 102134 Vollstreckungserklärungen ausgestellt – ein Prozess, der in den USA unter dem griffigen Namen «Foreclosure» bekannt ist. Ausserdem setzten Banken das Foreclosure-Verfahren für fast 350000 Häuser in Gang. Am stärksten betroffen von der Welle der Zwangspfändungen sind die Bundessstaaten Nevada, Arizona, Florida und Kalifornien.

Jeder konnte sich den Traum vom Eigenheim erfüllen

An diesem Schlamassel, um den Begriff Sorkins zu verwenden, haben vereinfacht gesagt zwei Seiten Schuld: Da sind zum einen die Hauskäufer. In den Boom-Jahren glaubten zu viele Amerikaner, sie könnten sich den alten Traum vom eigenen Haus erfüllen – geblendet von scheinbar stetig steigenden Hauspreisen, hofften sie, mittels Immobilienspekulation genügend Geld für die Altersvorsorge zur Seite zu legen. Zum andern allerdings gaben die Banken jede Vorsicht auf: Sie verkauften Hypotheken an Menschen, die keine Eigenmittel hatten und nicht genügend für die monatlich fälligen Hypo-Zins verdienten.

Dieses künstliche Gebäude brach zusammen und war Auslöser der Finanzkrise 2008. Seither haben die betroffenen Finanzinstitute alle Hände voll zu tun, die einst gehätschelten Hausbesitzer aus ihren Immobilien herauszuwerfen. Zum Beispiel Ally Financial, mit 15 Millionen Kunden einer der grössten US-Hypothekarbanken. Monatlich 10000 Zwangsvollstreckungen stellte Ally in jüngster Zeit aus. Das Problem: Die zuständige Bankabteilung war mit 14 Angestellten notorisch unterbesetzt.

Deshalb wendete der Abteilungsleiter im Durchschnitt nur etwa eineinhalb Minuten für jeden Fall auf. «Ein lächerlicher Zeitaufwand für eine solch wichtige Arbeit», kommentierte ein Anwalt eines betroffenen Hausbesitzers. Selbst der Abteilungsleiter, ein fleischgewordener Unterschriftenautomat, musste einräumen, dass er die Hypotheken jeweils nicht prüfen konnte – ein Verstoss gegen die Vertragsbestimmungen.

Ende September stoppten deshalb die grossen Geldgeber die Zwangsvollstreckungen. Auch kündigten die Justizminister aller 50 Bundesstaaten eine Untersuchung der Foreclosure-Verfahren an. Einige hochrangige Demokraten wie Senator Harry Reid forderten gar ein Moratorium aller Zwangsvollstreckungen. Das Weisse Haus allerdings weist dieses Begehren zurück; die Wirtschaftsberater des Präsidenten sagen, dass sich der Immobilienmarkt nicht erhole, solange nicht klar sei, was mit Zehntausenden von Häusern geschehen werde.