USA: Die riskante Schuldenstrategie von Netflix

Der Streamingdienst-Anbieter Netflix will mit aufwendigen Eigenproduktionen die Konkurrenz hinter sich lassen. Finanziert werden die teuren Serien und Filme mit Fremdkapital in Milliardenhöhe. Das alles sei normal, heisst es beim kalifornischen Unternehmen.

Federico Gagliano
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Szene aus der Netflix-Serie «Sense 8». Die Produktion soll pro Staffel über 100 Millionen Dollar kosten. (Bild: PD)

Szene aus der Netflix-Serie «Sense 8». Die Produktion soll pro Staffel über 100 Millionen Dollar kosten. (Bild: PD)

Federico Gagliano

Mit über 100 Millionen Abonnenten in 190 Ländern lässt Netflix, der führende Streamingdienst-Anbieter, die Konkurrenz weit hinter sich. Doch dieser Erfolg hat einen teuren Preis – buchstäblich. Die Firma soll Schulden im zweistelligen Milliardenbetrag angesammelt haben. Und dieser Schuldenberg wird vorerst noch wachsen.

Berichten der «Los Angeles Times» zufolge soll Netflix rund 20 Milliarden US-Dollar Schulden haben. Das US-Unternehmen schaltete sich ein und warf der Zeitung vor, die Ziffer falsch berechnet zu haben: Die Gesamtbruttoschulden lägen eigentlich bei 4,8 Milliarden Dollar. Die restlichen 15,7 Milliarden Dollar seien nicht wie behauptet durch Eigenproduktionen entstanden, sondern stammten von Lizenzverträgen mit anderen Filmverleihern, deren Serien Netflix exklusiv streamt. Die Serie «The Crown» wird beispielsweise von Sony Pictures Television produziert. Der Betrag stelle keinen Schuldenrichtwert dar, weil das Geld für zukünftige Ausgaben der Inhalte geplant ist und erst noch durch die Gewinn- und Verlustrechnung laufen muss. «Jeder Sender, Kabelnetzbetreiber und jedes Streamingunternehmen mit Lizenzvereinbarungen nutzt das gleiche Verfahren. Zur Orientierung: Disney/ESPN hat 49 Milliarden Dollar an ähnlichen Verpflichtungen für Sportverträge», schreibt Netflix in einer Mitteilung. Die «Los Angeles Times» hat ihren Artikel daraufhin korrigiert – hält aber weiter daran fest, dass Netflix immer tiefer in Schulden versinkt.

Experten warnen vor Netflix-Blase

Die Tatsache bleibt aber: Um mit Konkurrenten wie HBO und Amazon mitzuhalten, setzt Netflix stark auf Eigenproduktionen – und muss dafür kräftig investieren. So hat sich der Streamingdienst die Rechte für den nächsten Streifen des Regisseurs Martin Scorsese gesichert. Der Film mit dem Titel «The Irishman» soll 100 Millionen Dollar gekostet haben.

Eine weitere Produktion, der Science-Fiction-Streifen «Bright» mit Will Smith in der Hauptrolle, ist fast genauso teuer: Er kostete laut Insidern mindestens 90 Millionen Dollar. Des Weiteren werden fleissig Serien produziert. Das Ziel: Das Netflix-Angebot soll zur Hälfte aus Eigenproduktionen bestehen.

Die Investitionen lohnen sich zumindest aus Kundensicht: Die Zahl der Abonnenten stieg dieses Jahr auf 104 Millionen – ein Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr von 25 Prozent. Vor fünf Jahren war die Zahl der Abonnenten noch viermal tiefer. Nachdem Netflix das Wachstum verkündete, stieg auch die Aktie um 10 Pro­zent. Insgesamt verdoppelte sich der Wert der Aktie seit Anfang Jahr.

Trotzdem warnen Experten vor der Netflix-Blase: Das Wachstum werde sich irgendwann verlangsamen. Bis dann müsse Netflix seine Schulden verringern, um nicht unterzugehen. Momentan setzt Netflix stark auf Fremdkapital, weil das laut eigenen Angaben günstiger sei. Ausserdem hat Netflix nicht genügend Mittel erarbeitet, um seine Produktionen alleine zu stemmen. Doch das birgt zwei Risiken: Erstens könnte ein weiterer Zinsanstieg in den USA Netflix teuer zu stehen kommen. Zweitens müssen die Eigenproduktionen auch zwin­gend Erfolg haben. Bisher verzeichnete der Anbieter durchzogene Resultate: Während Serien wie «Stranger Things» hohe Wellen schlugen, gingen andere wie «Santa Clarita Diet» trotz grossem Werbeaufwand fast unter. Netflix hat deshalb begonnen, einige erfolglose Serien wie «Marco Polo», «Sense 8» oder «The Get Down» einzustellen.

Wachstum im Ausland als Ausweg

Konkurrent Amazon hat einen entscheidenden Vorteil: Durch sein Versandgeschäft hat er genug Geld, um sich über Wasser zu halten. Netflix muss hingegen einen eigenen Weg aus der Schul­denspirale suchen. Momentan scheint das Unternehmen seine Hoffnungen auf Abonnenten aus dem Ausland zu setzen. Deren Zahl ist erst seit kurzem grösser als die der amerikanischen Abonnenten.

Um noch weitere Nutzer anzulocken, setzt Netflix deshalb auf ein möglichst breites Angebot. Dieses beinhaltet auch länderspezifische Produktionen. So zum Beispiel die italienische Krimiserie «Suburra». Auch Serien für einen Nischenmarkt werden ins Programm genommen, darunter japanische Animes. Vom Erfolg solcher Filme und Serien hängt Netflix’ Zukunft ab.