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USA drängen Pharma zu Transparenz

Medikamenten-Hersteller sollen in den Vereinigten Staaten die Preise ihrer rezeptpflichtigen Medikamente offenlegen. Dies stösst mehreren Firmen sauer auf und sie wehren sich mit rechtlichen Schritten.
Renzo Ruf, Washington
Eine Maschine verteilt Arzneikapseln in Blisterpackungen. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Eine Maschine verteilt Arzneikapseln in Blisterpackungen. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Die Zuschauer müssen sehr genau hinsehen. Am Ende eines 90 Sekunden dauernden Werbespots für den Blutverdünner namens Xarelto ist zu lesen: Der Listenpreis für den Blockbuster betrage 448 Dollar pro Monat. Die meisten Patientinnen und Patienten müssten aber nur einen Bruchteil dieser Kosten aus der eigenen Tasche bezahlen, heisst es dazu im Kleingedruckten.

Was in Europa und in der Schweiz völlig undenkbar ist, ­gehört in den USA zum Alltag: Fernsehwerbung für rezeptpflichtige Medikamente. Die Pharmakonzerne werben etwa für Pillen gegen rheumatoide Arthritis, für Präparate gegen Migräne oder für Infusionen gegen Hautkrebs, die ohnehin nur im Spital verabreicht werden. Neben den herzerwärmenden Bildern von Menschen, denen es im Kreis ihrer Familie oder Freunde bestens geht, darf eine Auflistung der Nebenwirkungen nicht fehlen. Auch die beiden Schweizer Pharmakonzerne Roche und Novartis haben in der Vergangenheit TV-Werbung in den USA geschaltet. Von Novartis ist derzeit ein Spot zum neuen Migränemittel zu sehen. Doch nun sollen die Pharmakonzerne auf Geheiss der US-Regierung die Preise ihrer Medikamente in den TV-Spots zwingend publik machen müssen. Bisher erwähnten die Hersteller den Preis ihrer Produkte nicht. Der Pharmakonzern Johnson & Johnson, Produzent des Mittels Xarelto, prescht nun vor, allerdings nicht ganz freiwillig. Denn Anfang Juli tritt eine neue Verordnung des nationalen Gesundheitsministeriums in Kraft. Diese sieht vor, dass am Ende sämtlicher TV-Spots für Arzneimittel der Listenpreis publik gemacht werden muss, wenn das Medikament mehr als 35 Dollar pro Monat kostet.

Trump macht Druck auf Preise

Die Gesundheitsbehörde hofft, dass dieser Schritt die Pharmabranche unter Druck setzen und zu sinkenden Preisen von Medikamenten führen wird. So könnten die Konsumenten beim nächsten Arztbesuch «in voller Kenntnis der Sachlage» Entscheide über ihre Behandlung treffen. Gleichzeitig würden so die Hersteller vor mutwilligen Erhöhungen der Medikamentenpreise zurückschrecken. Auch dies ist eine langjährige Praxis und gleichzeitig eine Spezialität der US-Pharmaindustrie. Doch diese ist in den vergangenen Jahren immer stärker unter Druck geraten. Zu den Kritikern gehört nicht zuletzt US-Präsident Donald Trump. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Pharmabranche im Jahr 2018 mehr als 3,7 Milliarden Dollar für Fernsehwerbung ausgab. Experten machen diese aufwendig produzierten Spots dafür verantwortlich, dass die Nachfrage nach rezeptpflichtigen Heilmitteln in Amerika steigt.

Bei drei der führenden US-Konzerne – Merck, Eli Lilly und Amgen – stösst diese Argumentation jedoch auf wenig Gegenliebe. Gemeinsam haben sie eine Zivilklage gegen das Gesundheitsministerium unter Alex Azar eingereicht. Die Firmen wollen die Behörde in letzter Minute daran hindern, dass die Verordnung am 9. Juli in Kraft tritt. In der Klageschrift heisst es, die drei Pharmafirmen hätten selbstverständlich nichts gegen Transparenz. Doch die Publikation des Listenpreises eines Medikaments verwirre die Konsumenten bloss. Denn dieser sei nicht der Preis, der den Konsumenten verrechnet werde. So müssten zwingend auch die zahlreichen Rabatte berücksichtigt werden, die sich Hersteller, Zwischenhändler und Krankenversicherer gewähren. Die Verordnung zwinge die Pharmabranche dazu, «Millionen von Amerikanern» in die Irre zu führen. Dies könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass Patienten auf ein Medikament verzichteten, weil sie der falschen Meinung seien, es sei zu teuer. Damit habe das Gesundheitsministerium das Recht auf freie Meinungsäusserung der Pharmabranche verletzt.

Wie gross ist der Widerstand?

Das Gesundheitsministerium lässt diese Einwände nicht gelten. In einer Replik bekräftigt Minister Azar, dass er sehr wohl die Befugnisse besitze, auf die Publikation der Medikamentenpreise zu bestehen. Selbstverständlich sei es das Ziel, die Branche unter Druck zu setzen und die im Ländervergleich hohen Kosten für lebenswichtige Medikamente in Amerika zu senken. Das Ministerium stellt aber nicht nur die Pharmabranche an den Pranger, sondern will in der gesamten Gesundheitsbranche mehr Transparenz schaffen.

Zuletzt verkündete Präsident Trump, er wolle gegen Anbieter vorgehen, die Patienten mit überhöhten Rechnungen überraschten. Ziel dieser Offensive sei es, dass sich Amerikaner künftig im Vorfeld eines Arzt- oder Spitalbesuchs über die Kosten informieren könnten, so wie das in anderen Branchen gang und gäbe sei.

Ökonomen sagen zwar, diese Druckversuche könnten zu einem unerwünschten Resultat führen. Denn bisher geheime Preisabsprachen könnten nun publik werden. In der Folge würden sich die Anbieter am teuersten Hersteller orientieren. Die Branche scheint sich aber damit abgefunden zu haben, dass sie sich den Transparenz-Bestrebungen der Regierung nicht auf breiter Front wiedersetzen kann. Der Pharma-Lobbyverband PhRMA forderte seine Mitglieder bereits vor einiger Zeit auf, die Konsumenten über eigene Kanäle darüber zu informieren, wie viel ein rezeptpflichtiges Arzneimittel kostet. Mitglieder des Verbands sind auch Novartis und die Roche-Tochter Genentech.

Die Firma Eli Lilly etwa hat eine Website eingerichtet, auf der Patienten berechnen können, wie teuer eine Behandlung mit einem Diabetes-Medikament zu stehen kommt. Nachzulesen ist dort, dass der Listenpreis für eine monatliche Dosis des Mittels sich zwar auf 759.40 Dollar belaufe, «94 Prozent» der krankenversicherten Patienten monatlich aber nur 0 bis 30 Dollar bezahlten.

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