USA legen sich mit «Big Pharma» an

Die Regierung von Präsident Trump will die Kostenexplosion im Gesundheitswesen bremsen – und die Pharmakonzerne dazu zwingen, die Listenpreise von verschreibungspflichtigen Medikamenten offenzulegen. Die Branche wehrt sich.

Renzo Ruf, Washington
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Das Arzneimittel Lyrica wird etwa zur Behandlung von Epilepsie verwendet. (Bild: Daniel Acker/Bloomberg (23. Oktober 2017))

Das Arzneimittel Lyrica wird etwa zur Behandlung von Epilepsie verwendet. (Bild: Daniel Acker/Bloomberg (23. Oktober 2017))

Neue Runde im Kampf um Transparenz im Milliardengeschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Zu Wochenbeginn gab der amerikanische Gesundheitsminister Alex Azar bekannt, dass TV-Werbespots, in denen Arzneimittel wie Humira (Hersteller: AbbVie), Lyrica (Pfizer) oder Trulicity (Eli Lilly) beworben werden, künftig auch den Listenpreis des Medikaments enthalten müssten – sofern das Medikament mehr als 35 Dollar pro Monat kostet. Dieser Schritt sei notwendig, so Azar, damit sich die Konsumenten bei der Wahl eines Heilmittels «besser» informieren könnten.

Die Pharmaindustrie ist allerdings anderer Meinung. PHRMA, der Dachverband der führenden Medikamentenhersteller, dem auch der Schweizer Konzern Novartis angehört, gab bekannt, die neue Vorschrift nötigenfalls auf dem Rechtsweg zu bekämpfen. Die Argumentation des Cheflobbyisten Stephen Ubl, der seit drei Jahren an der Spitze von PHRMA steht: Die Veröffentlichung des Listenpreises schaffe Verwirrung, da die meisten Konsumenten ihre Medikamente über eine Krankenversicherung bezögen und ihnen deshalb ein ganz anderer Betrag verrechnet werde.

Stattdessen will PHRMA «in den nächsten Monaten» eine Datenbank publik machen, in der sich die Konsumenten über die Preisgestaltung eines Arzneimittels informieren können. Die Datenbank werde Informationen über die Bandbreite der Rabatte enthalten, die Pharmakonzerne den Krankenversicherungen, den Zwischenhändlern und den Konsumenten gewährten. Sämtliche 33 PHRMA-Mitglieder hätten sich bereiterklärt, in ihren TV-Spots darauf aufmerksam zu machen.

Roche-Tochter ist gegen die Vorschrift

Auch die BIO, der Dachverband der Biotechnologiebranche – dem die Roche-Tochter Genentech angehört –, äusserte sich negativ über den Vorschlag. Transparenz sei sinnvoll, sagte ein Sprecher, aber entscheidend sei, wie viel Geld ein Patient beim Kauf eines Medikaments aus der eigenen Tasche zahlen müsse.

Branchenbeobachter sagen, dass die neue Regel – die übrigens frühestens im kommenden Jahr in Kraft treten kann – grundsätzlich keine schlechte Idee sei. So seien Pharmakonzerne in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, einige ausgewählte Medikamente aggressiv zu bewerben, um ein Bedürfnis für ­diese teuren Arzneimittel zu schaffen. Ein Beispiel: Das TV-Werbebudget für Humira, ein Medikament zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis, belief sich allein im September auf 26,5 Millionen Dollar, wie der Branchendienst iSpot.tv berechnete. Die «New York Times» schrieb zu Jahresbeginn, dass eine Behandlung mit Humira jährliche Kosten von mehr als 38000 Dollar verursachen könne.

Preis muss am Ende des TV-Spots erscheinen

Angesichts der veritablen Flut von TV-Werbespots, mit der Amerikaner täglich konfrontiert werden, stellt sich aber die Frage, ob die Konsumenten die Preisinformation überhaupt wahrnehmen werden. Gemäss der neuen Vorschrift des Gesundheitsministeriums muss der Listenpreis in einer «leserlichen Art und Weise» am Ende des 30 Sekunden dauernden Spots publiziert werden. Es sei aber nicht notwendig, dass ein Sprecher die Information wiederhole.

Die Pharmaindustrie wiederum stellt sich auf den Standpunkt, dass die Regierung Gefahr laufe, das Recht auf freie Meinungsäusserung zu verletzen – weil das Gesundheitsministerium versuche, private Unternehmen dazu zu zwingen, ihre Werbespots zu ändern. Juristen weisen diese Argumentation allerdings zurück. Die Veröffentlichung eines Listenpreises sei alles andere als kon­trovers, sagte ein Jurist, der an der Harvard Medical School unterrichtet, gegenüber der Hauptstadtpostille «Politico». Die Regierung könne geltend machen, dass dieser Schritt im Interesse der Öffentlichkeit erfolge.

Regierung will radikale Preistransparenz schaffen

PHRMA sagt schliesslich auch, dass der Listenpreis in der Pharma-Industrie eine andere Bedeutung habe als etwa im Autohandel. Das mag in der Praxis zutreffen. So kann es tatsächlich einem Spiessrutenlaufen gleichkommen, wenn ein amerikanischer Konsument herausfinden will, wie viel Geld eine Therapie mit verschreibungspflichtigen Medikamenten kosten könnte.

Diese Argumentation allerdings ist Wasser auf die Mühlen der Regierung Trump. Azar spricht oft und gerne darüber, wie er radikale Preistransparenz schaffen wolle und sämtliche Rabatte, die Pharmaunternehmen, Zwischenhändler und Krankenversicherungen einander gewähren, abschaffen wolle. Sein oberstes Ziel sei, im Handel mit Medikamenten «mehr Wettbewerb» herzustellen, um die Kostensteigerung unter Kontrolle zu bringen, sagte der Gesundheitsminister dem Sender «CNBC».

Novartis will Hunderte Stellen abbauen

Der Basler Konzern will in Basel und Stein (AG) Jobs streichen. Allein im Aargau wird befürchtet, dass bis zu 800 Angestellte ihre Arbeit verlieren könnten. Novartis verweist derweilen darauf, derartige «Gerüchte» nicht zu kommentieren.
Andreas Möckli