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USA: Ökonomieprofessor zu Trump: «Das grösste Problem ist die Unsicherheit»

Die Wahl von Donald Trump ist laut dem Ökonomieprofessor Aymo Brunetti keine gute Nachricht für die Schweiz. Im Interview erläutert er, wo die grössten Gefahren lauern.
Eine Frau bringt ihren Ärger über Trumps Wahl unmissverständlich zum Ausdruck. Bild: Matt Dunham/AP

Eine Frau bringt ihren Ärger über Trumps Wahl unmissverständlich zum Ausdruck. Bild: Matt Dunham/AP

Aymo Brunetti, ist die Wahl von Donald Trump ein historischer Einschnitt oder bloss ein Paukenschlag, der wieder verhallen wird?

Auffallend ist, dass mehrere überraschende Entscheide gefallen sind, die mit der Globalisierung und der internationalen Arbeitsteilung zu tun haben. Und mit Bedenken, dass die Auswirkungen nicht genügend berücksichtigt werden. Beim Brexit, bei der Wahl von Donald Trump wie auch im Vorfeld von Wahlen in wichtigen Ländern Europas spielt die Migration eine sehr grosse Rolle. Da kommt ein generelles Unbehagen zum Ausdruck.

Wie soll man darauf reagieren?

Es ist schwierig, eine Antwort zu finden, die nicht zu einer völlig ineffizient weitgehenden Abschottung gegen die Migration führt. Es wird aber auch schwierig sein, die Personenfreizügigkeit aufrechtzuerhalten, wie wir sie bisher in Europa kannten. Das ist auch für die Schweiz eine sehr relevante Frage.

Sie würden also auch die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative zu den Entscheiden zählen, die Ausdruck des gleichen Unbehagens sind, das zum Brexit und jetzt zur Wahl Trumps führte?

Zu einem gewissen Grade ja. Es geht um eine Kombination von Migration und der Flüchtlingsfrage, die überall diffuse Ängste auslöst. Das Gefühl, überrannt zu werden und Wohlstandseinbussen zu erleiden, ist von Trump gezielt bewirtschaftet worden. Aus einer ähnlichen Grundstimmung heraus erfolgte wohl auch das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014. Wobei ich in der momentanen Situation die Drei­jahresfrist zur Umsetzung am problematischsten finde.

Warum?

Weil uns diese Frist zwingt, sehr früh den Kopf hinauszustrecken. Ich begrüsse deshalb den Versuch des Parlaments, einen Weg zu beschreiten, der nicht sofort den Bruch mit der EU riskiert. Denn die Zeit arbeitet für uns. Der Brexit und die Debatten in anderen Ländern werden Spuren hinterlassen. Ich bin überzeugt: Die Personenfreizügigkeit, in der heutigen unbeschränkten Form, gibt es in fünf Jahren in der EU nicht mehr.

Zurück zu Trump: Die Finanz­märkte scheinen von den Katastrophen­szenarien kaum beeindruckt.

Es gibt auffallende Parallelen zum Brexit. Auch für den Fall eines Austritts der Briten aus der EU wurden heftige Reaktionen der Börsen vorausgesagt. Damals wie jetzt kam es aber nur zu einem kurzfristigen Kursrutsch. Weder der Brexit noch die Wahl Trumps sind allerdings mit dem Schock einer Finanzkrise zu vergleichen, die unmittelbare Turbulenzen auslöst. Beide Ereignisse haben vielmehr das Potenzial von massiven strukturellen Verwerfungen. Solche längerfristigen Effekte sind aber problematischer als ein kurzfristiger Einbruch.

Die Reaktion der Finanzmärkte in den vergangenen Tagen ist also trügerisch?

Genau. Man scheint schon beruhigt zu sein, dass die Sonne am Tag danach wieder aufgegangen ist, wie sich der abtretende Präsident Obama ausdrückte.

Was erwarten Sie von der amerikanischen Wirtschaftspolitik?

Das grösste Problem ist die Unsicherheit, wobei die geopolitischen Risiken noch schwerer wiegen als die wirtschaftlichen. Die Unsicherheit ist nicht nur deshalb gross, weil Trump sehr sprunghaft ist. Sondern auch, weil er im Wahlkampf Dinge gesagt hat, die teilweise derart extrem sind, dass er sie hoffentlich nicht umsetzen wird. Und weil er sich bisher anders als frühere US-Präsidenten mit Leuten umgeben hat, deren Position nicht bekannt ist.

Wozu kann das führen?

Am wahrscheinlichsten ist, dass Trump ein grosses Infrastrukturprogramm lancieren wird. Das könnte kurzfristig durchaus einen gewissen Boom auslösen. Es ist aber mit hohen Kosten und negativen Folgen für die ohnehin schon hohe Staatsverschuldung verbunden. Wenn behauptet wird, die Kosten liessen sich durch den positiven Effekt von Steuersenkungen wieder hereinholen, geht das in Richtung Voodoo-Ökonomie.

Werden die USA nun Strafzölle gegen China verhängen und dem Freihandel eine Absage erteilen?

Wenn Trump seine Aussagen im Wahlkampf zur Handelspolitik nur halbwegs umsetzt, wäre das ein schwerer Schlag für die internationale Arbeitsteilung, verbunden mit dem Risiko von Vergeltungsmassnahmen. Das ginge dann schnell in Richtung eines eigentlichen Handelskriegs. Dieser wäre aber mit Nachteilen verbunden, die die Amerikaner selber zu spüren bekämen. Statt bestehende Handelsverträge aufzulösen, wird Trump deshalb wohl eher laufende Verhandlungen auf Eis legen.

Heisst das, dass das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP scheitern wird?

Ich kann mir schwer vorstellen, dass diese Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss führen, zumal es auch Widerstände in Europa gibt.

Was passiert mit der amerikanischen Geldpolitik, nachdem Zinserhöhungen trotz anhaltendem Wirtschaftsaufschwung wiederholt verschoben wurden?

Hier geht es um eine absolut zentrale Frage. Denn ohne Zinserhöhung in den USA sind der Europäischen Zentralbank und auch der Schweiz die Hände gebunden. Wegen der langfristigen Inflationsgefahr wäre es aber extrem wichtig, dass der Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik jetzt eingeleitet wird. Ich bin auch nach der Wahl von Trump relativ zuversichtlich, dass die US-Notenbank den Leitzins im Dezember nun endlich weiter erhöhen wird. Denn die US-Wirtschaft ist gut ausgelastet, und die Aussichten auf ein Infrastrukturprogramm könnten den Druck auf die Geldpolitik weiter lindern.

Was heisst die Wahl von Trump, beziehungsweise welche Folgen hat der Regierungswechsel für die Schweiz?

Allgemein gesehen ist das keine gute Nachricht für die Schweiz. Die geopolitischen Risiken treffen alle. In der Wirtschaftspolitik geht es eher in Richtung Protektionismus als in Richtung Freihandel; das ist eine schlechte Aussicht. Ein Handelskrieg würde den Marktzugang für die Schweiz überall schwieriger machen. Die Schweiz ist nicht zuletzt deshalb so reich, weil sie in den letzten Jahrzehnten auf der allgemeinen Freihandelswelle mitreiten konnte und weil sie mit der EU einen Weg gefunden hat, den Marktzugang offen zu halten.

Könnte die Schweiz nicht profitieren, wenn Trump staatliche Investitionen auslöst?

Ein sehr grosses Infrastrukturprogramm der USA könnte einen gewissen indirekten Nachfrageeffekt für die Schweizer Exportwirtschaft auslösen. Das ist aber nur ein kurzfristiger Effekt. Wenn sich wegen der inflatorischen Wirkung eines solchen Programms gleichzeitig der Dollar abschwächt, würde das die Ausfuhren aber wieder bremsen.

Der Franken ist nach der Wahl gegenüber dem Euro wieder stärker geworden. Was soll die Schweizerische Nationalbank derzeit tun?

Sie ist in einer schwierigen Situation. In den letzten Monaten war die Lage relativ ruhig, weil keine neuen Schocks aus dem Euroraum kamen. Dennoch blieb der Franken äusserst hart. Mit der Wahl von Trump kommt jetzt eine Nachricht hinzu, die die Unsicherheit global befeuert. Und bereits wird der Franken zum Euro wieder stärker.

Werden die Negativzinsen nochmals verschärft?

Viele Alternativen zu direkten Interventionen auf den Devisenmärkten hat die Nationalbank nicht. Die Negativzinsen werden zunehmend kritisiert. Eine weitere Senkung würde wohl erst ins Auge gefasst, wenn die Europäische Zentralbank ihren Leitzins nochmals reduzieren würde.

Was soll die Wirtschaftspolitik tun?

Die gute Nachricht ist: Die Schweizer Wirtschaft hat sich als sehr widerstandsfähig erwiesen, und wir befinden uns international nach wie vor in einer beneidenswerten Situation. Sollte sich aber der Protektionismus ausbreiten, bekommen wir ein Problem. Das ist aber eher eine mittelfristige Unsicherheit. Der Trump-Schock bedeutet nicht, dass wir unsere Wirtschaftspolitik anpassen müssen. Hektik wäre fehl am Platz.

Bleiben auch die Konjunktur­aussichten für nächstes Jahr intakt?

Es würde mich überraschen, wenn die Konjunkturprognosen stark angepasst würden. Die Unsicherheit hat aber zugenommen.

Hinweis

Aymo Brunetti (53) ist seit Februar 2012 ordentlicher Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie an der Universität Bern. Zuvor war er Chefökonom des Staatssekretariats für Wirtschaft.

Interview: Balz Bruppacher und Eva NovakInterview: Balz Bruppacher und Eva Novak

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