Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

USA: Wenn der Fernsehanwalt vor Medikamenten warnt

Mit düsteren Voraussagen machen amerikanische Anwälte Werbung für Sammelklagen gegen Pharmafirmen. Nun behauptet ein Abgeordneter der Republikaner, dass diese Spots die Gesundheit gefährden.
In Amerika geben Werbespots zu Reden. (Symbolbild Keystone)

In Amerika geben Werbespots zu Reden. (Symbolbild Keystone)

Die Werbefilme sind billig gemacht, aber nicht zu übersehen. In schrillem Tonfall warnen sie vor Nebenwirkungen verschreibungspflichtiger Medikamente, die von Hunderttausenden von Amerikanern regelmässig eingenommen werden. So erklärt zum Beispiel der Anwalt John Morgan aus Orlando (Florida) mit ernstem Gesichtsausdruck, die Blutverdünnungsmedikamente Xarelto (Johnson & Johnson) und Pradaxa (Boehringer Ingelheim) seien «leider» verantwortlich dafür, dass «viele» Patienten innere Blutungen erlitten hätten und gestorben seien. Diesen Gefahren seien Patienten aber nicht schutzlos ausgeliefert, verkündet Morgan. Dann erscheint auf dem Bildschirm eine Gratistelefonnummer, über die sich Patienten zusätzliche Informationen beschaffen können. Passenderweise lautet der Name der entsprechenden Internetseite www.class­action.com , der amerikanische Begriff für Sammelklagen.

Den Herstellern der betroffenen Blockbuster-Medikamente sind diese Werbespots schon lange ein Dorn im Auge, weil sie die Zahl der Rechtsverfahren in die Höhe treiben. Gemäss Johnson & Johnson sind derzeit mindestens 18 400 Klagen von Xarelto-Konsumenten anhängig. Nun bekommen sie Unterstützung von einem einflussreichen Volksvertreter: von Bob Goodlatte, dem Vorsitzenden des Justizausschusses im Repräsentantenhaus. Der Republikaner stellt sich auf den Standpunkt, dass die Werbefilme «darauf ausgelegt» seien, Patien­tinnen und Patienten Angst einzujagen. So verweist Goodlatte auf Werbefilme, in denen umstrittene Medikamente – die notabene durch die Zulassungsbehörde FDA bewilligt wurden – als «gefährlich» oder «schlecht» bezeichnet wurden. Dies könne «tödliche Folgen» haben, sagt er.

Forderung nach neuen Standesregeln für Anwälte

Sämtliche Standesorganisationen der American Bar Association (ABA), des Dachverbands der zugelassenen Rechtsanwälte, haben deshalb Post von Goodlatte erhalten. In einem Serienbrief verweist der Republikaner darauf, dass der Ärztedachverband kürzlich eine Resolution gegen diese schwarzseherischen Werbesendungen verabschiedet habe, weil Mediziner die Befürchtung hegten, Patienten würden ohne Rücksprache mit ihren Ärzten die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten aussetzen. Eine wissenschaftliche Studie über Patienten mit Herzkrankheiten sei zum Schluss gekommen, schreibt Goodlatte weiter, dass mindestens zwei Menschen gestorben seien, weil sie auf die Einnahme von Xarelto verzichtet hätten – nachdem sie mit «negativen» Reklamen von Anwälten konfrontiert worden seien.

Goodlatte sagt zwar, dass seiner Meinung nach keine neuen gesetzlichen Vorschriften notwendig seien, um «missverständliche» Spots zu stoppen. Jedoch sei er auf die Mitarbeit der Standesorganisationen angewiesen: «Umgehend» müssten die Anwälte neue Standesregeln verabschieden, sagt er. Ein Änderungsvorschlag: Werbespots von Anwälten müssten künftig auch die Vorzüge der betroffenen Medikamente erwähnen.

Die American Bar Association (ABA) zeigt aber kein Musikgehör. In einem drei Seiten zählenden Antwortschreiben weist ABA-Präsidentin Linda Klein darauf hin, dass «falsche» oder «irreführende» Werbesendungen von Anwälten bereits jetzt verboten seien – so wie es auch Ärzten untersagt sei, mit falschen Argumenten um Kunden zu werben. Ausdrücklich verweist Klein aber auch darauf, dass der Oberste Gerichtshof in Washington es Anwälten im Jahr 1977 erlaubt habe, Werbung für ihre Dienste zu betreiben. Entsprechende Reklamen seien mit Verweis auf das Grundrecht der freien Meinungsäusserung verfassungsrechtlich geschützt. Und natürlich hat auch Klein eine Studie zur Hand, um ihre Argumentation zu untermauern. Demnach müssten jährlich 1,9 Millionen Amerikaner ins Spital eingeliefert werden, nachdem sie ein verschreibungspflichtiges Medikament in der korrekten Dosierung eingenommen hätten. Diese Menschen, sagt Klein, hätten ein Anrecht darauf, von einem Anwalt vertreten zu werden.

Werbebudget von 25 Millionen Dollar

Offen ist, ob Goodlatte nun versuchen wird, den Druck auf diejenigen Rechtsanwälte zu er­höhen, die ihr Geld mit Sammelklagen gegen Pharmakonzerne verdienen. Es gibt zumindest Anzeichen dafür, dass der Parlamentarier in einem nächsten Schritt versuchen wird, spezialisierten Kanzleien das Handwerk zu legen. John Morgan gibt sich ungerührt. Er sieht in den Versuchen, die Arbeit seiner erfolgreichen Firma zu behindern, eine Kampagne der Handelskammer Chamber of Commerce, die schon lange der Meinung ist, dass die hohen Gesundheitskosten in den USA auch mit der Umtriebigkeit der Juristen erklärt werden kann.

Der Staranwalt aus Florida, dessen Werbebudget sich auf mittlerweile 25 Millionen Dollar pro Jahr beläuft, liebäugelt derweil mit einer Kandidatur bei der Gouverneurswahl in Florida. Als Demokrat. Schliesslich laute das Motto der Kanzlei Morgan & Morgan: «Für die Menschen.»

Renzo Ruf, Washington

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.