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VATERSCHAFTSURLAUB: Rückenschuss für Wirtschaftslobby

Johnson & Johnson führt acht Wochen Vaterschaftsurlaub ein. Der Konzern gewichtet die eigenen Interessen höher als jene der Wirtschaftsverbände.

Amerika ist beileibe kein Vorbild, wenn es um Familienpolitik geht. In einem Grossteil der 50 Bundesstaaten gibt es keinen bezahlten Mutterschaftsurlaub, geschweige denn so etwas wie eine Elternzeit. Und die mickrigen zwei Wochen Ferien pro Jahr können viele Amerikaner nicht in einem Stück beziehen, weil sie dem Unternehmen sonst zu lange fehlen würden.

Doch ausgerechnet in Amerika entdeckt man nun den Vaterschaftsurlaub, der sich in der Schweiz gemäss dem gesetzlichen Minimum immer noch auf einen einzigen Tag beschränkt. Der US-Konzern Johnson & Johnson gewährt ab Ende 2017 weltweit allen werdenden Eltern – den Vätern wie den Müttern – acht Wochen Urlaub für die Geburt oder Adoption eines Kindes. Was in Amerika einer Zeitenwende gleichkommt, ist auch für viele der rund 7000 Johnson & Johnson-Mitarbeiter in der Schweiz ein grosses Geschenk. Schon bisher gewährt der Konzern den angehenden Vätern in der Schweiz bei Familienzuwachs zwei Wochen Extraurlaub, was mehr ist als das, was die meisten Kantone ihren Angestellten bieten. Neu soll dieser Vaterschaftsurlaub auf acht Wochen ausgedehnt werden. Die ersten Monate mit dem Kind seien eine sehr wichtige Zeit für jede Familie, erklärte die für die Schweiz zuständige Personalchefin Brandi Marsh die Initiative auf einer Medienkonferenz in Zürich. Die «Family first»-Politik sei ein echter «Game Changer» in der Personalpolitik von Johnson & Johnson, erklärte sie.

Buhlen um die nächste Generation

Der Konzern will sich als attraktiver Arbeitgeber für die Millenial-Generation positionieren, und das mit gutem Grund. Die Generation, die um die Jahrtausendwende ins Berufsleben eingestiegen ist, wird nach der Einschätzung von Managementberatern und Personalfachleuten immer wichtiger auf dem Arbeitsmarkt. Während sich die Babyboomer-Generation langsam, aber sicher dem Rentenalter nähert, hat der Pillenknick ein grosses Loch in die nachfolgende Generation X gerissen. In Amerika haben in den vergangenen zwei Jahren schon diverse grosse Konzerne mit grosszügigeren Lösungen für den Vater- und Mutterschaftsurlaub auf das Problem reagiert. Gemäss einer Untersuchung der Beratungsfirma EY sind 86 Prozent der amerikanischen Millenials loyalere Arbeitnehmer, wenn sie von ihren Firmen Lösungen wie die bezahlte Elternzeit angeboten erhalten.

Druck für gesetzliche Regelung wird wohl steigen

Die Initiative von Johnson & Johnson könnte in der Schweiz nicht ohne politische Folgen bleiben. Im Juli hat der Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse mit weiteren Verbänden und Organisationen die Initiative «Vaterschaftsurlaub jetzt!» eingereicht, um die bestehende gesetzliche Minimalregelung von einem Tag auf vier Wochen auszudehnen. Die Wirtschaftslobby, bestehend aus dem Dachverband Economiesuisse, dem Gewerbeverband und dem Arbeitgeberverband, hat dem Vorhaben bereits einstimmig und vorsorglich eine Absage erteilt. Die zusätzlichen 0,06 Lohnprozente, welche die Arbeitgeber ­finanzieren müssten, sind nach Aussagen von Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler untragbar. «Das sind Ausgaben, die auf den Arbeitgebern lasten würden, und bekanntlich steht die Schweiz im internationalen Wettbewerb.» Mit dem Vorstoss von Johnson & Johnson verliert mindestens letzteres ­Argument an Wirkung.

Die Schweizer Wirtschaftslobby wird über die nette Geste der Amerikaner kaum sehr erfreut sein. Bald wird man sich nämlich mit dem Argument konfrontiert sehen, dass eine soziale Familienpolitik nicht einfach den Kräften des Marktes überlassen werden könne. Tatsächlich zeigt die Liste der in der Sache vorauseilenden US-Konzerne (Johnson & Johnson, Microsoft, Amazon etc.), dass sich vor allem global tätige Grossunternehmen eine solche Politik leisten können und wollen. In den USA kommen gemäss Untersuchungen zwar bereits rund 20 Prozent der Väter in den Genuss von Extraurlaubstagen bei Familienzuwachs. Aber die grosse Mehrheit geht ohne allgemeinver­bindliche gesetzliche Lösung leer aus.

Daniel Zulauf

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