VATIKAN: Blick in die Papst-Schatulle

Das Finanzgebaren des Vatikans gibt immer wieder Anlass zu Kritik. Polemiken löst vor allem die fragwürdige Bewirtschaftung des Immobilienschatzes aus.

Dominik Straub, Rom
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Der Petersdom in Rom bei Nacht: Ein Grossteil der Geschäfte des Vatikans liegt nach wie vor im Dunkeln. (Bild: Getty/Thomas Trutschel)

Der Petersdom in Rom bei Nacht: Ein Grossteil der Geschäfte des Vatikans liegt nach wie vor im Dunkeln. (Bild: Getty/Thomas Trutschel)

«Nähe Piazza Navona: Drei Suiten in einem Renaissance-Palazzo im Herzen des historischen Zentrums, welche die sinnliche Atmosphäre atmen, die für Wohnungen hoher Prälaten typisch ist»: So lautet, in geschwollener Sprache, eine Annonce der Römer Immobilienagentur Bucardo. Ein Mietpreis ist nicht angegeben. An sich sind derartige Inserate in Rom nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist bloss der Besitzer der Bucardo-Luxussuiten: Es ist der Vatikan.

Luxus-Appartements für VIPs

Genauer gesagt: Es ist die «Propaganda Fide», die Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Sie hat ihren Sitz in einem prächtigen Palazzo an der Piazza di Spagna und verwaltet rund 60 Immobilien mit insgesamt 500 Wohnungen im Stadtzentrum Roms. Viele dieser Paläste gehören zu den schönsten und vornehmsten Liegenschaften in der Ewigen Stadt. Die Erträge fliessen zum grössten Teil in die Missionen in der Dritten Welt. Das Problem: Nur allzu oft sind die Luxus-Appartements an befreundete Politiker, Geschäftsleute und andere VIPs vergeben worden, die dort für lächerlich tiefe Mieten residieren.

Die Residenzen der «Propaganda Fide» bilden nur einen kleinen Teil des vatikanischen Immobilienschatzes. Wie aus den unlängst an die Öffentlichkeit gelangten Dokumenten der vom Papst eingesetzten Untersuchungskommission Cosea hervorgeht, besitzen der Vatikan und seine Kongregationen, Dikasterien und anderen Institutionen allein in Rom über 5000 Wohnungen und Geschäftslokale. Der grösste Teil davon wird von der vatikanischen Vermögenswaltung Apsa verwaltet. Weitere Immobilien an zum Teil noblen Adressen besitzt der Vatikan auch in der Schweiz, in London, in New York und zahlreichen weiteren Städten. Allein in Genf und Lausanne verfügt der Vatikan über mindestens ein Dutzend Mehrfamilienhäuser.

Geld und Gold

Der Immobilienschatz des Vatikans wirft jährlich rund 25 Millionen Euro netto an Mieten ab. Wie bei der «Propaganda Fide» könnte der Ertrag aber weitaus höher ausfallen. Auch bei den Apsa-Liegenschaften grassiert Miss- und Vetternwirtschaft; laut einer Studie der Wirtschaftsprüfer von Promontory könnten es über 80 Millionen sein. Vor einigen Tagen berichtete der «Corriere della Sera», dass sich in die Immobilien des Papstes in Einzelfällen auch wenig gottgefällige Gewerbe eingemietet haben sollen – zum Beispiel als Massagesalons getarnte Bordellbetriebe.

Der Buchwert der von der Apsa verwalteten Immobilien betrug im Jahr 2013 insgesamt 342 Millionen Euro. Neuere Daten gibt es nicht. Experten gehen davon aus, dass der effektive Marktwert um ein Vielfaches höher liegt – wohl bei ungefähr einer Milliarde Euro. Es gibt aber auch Schätzungen, die das weltweite Immobilienvermögen des Vatikans auf bis zu vier Milliarden Euro beziffern. Laut der italienischen Zeitschrift «L’Espresso» sollen die verschiedenen vatikanischen Institutionen neben den Immobilien weitere eigene und fremde Vermögenswerte in Höhe von acht bis neun Milliarden Euro verwalten. Der grösste Teil davon entfällt auf die Vatikanbank IOR: Die «Bank Gottes» verwaltete laut ihrem Geschäftsbericht Ende Dezember 2014 5,9 Milliarden Euro an Kundengeldern (siehe Box). Das Vermögen der Apsa dagegen wird auf 2,7 Milliarden Euro beziffert. Darunter fallen – neben den Liegenschaften – grosse Goldreserven in der Schweiz und in den USA, Obligationen und auch Aktien.

Keine Kirchensteuern nach Rom

Der gewaltige Reichtum des Vatikans und Fälle von Geldverschwendung durch «Luxus-Kardinäle» haben im Gefolge des Vatileaks-2-Skandals einmal mehr zu Polemiken und zu Kirchenaustritten geführt. Dabei fliesst – von Italien einmal abgesehen – kein Cent an Kirchensteuern aus den Landeskirchen nach Rom. Die einzige und zudem freiwillige Zuwendung aus den Diözesen der Welt an den Vatikan besteht in dem in allen Bistümern einmal jährlich eingesammelten «Peterspfennig», der direkt an den Papst fliesst und der sich im vergangenen Jahr auf 21 Millionen Euro belief. Wer als Katholik wegen des Finanzgebarens der Kurie in Rom aus der Kirche austritt, schadet demnach nicht dem Vatikan, sondern einzig seiner eigenen Diözese beziehungsweise Landeskirche.

Dominik Straub, Rom