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Verkauf von Möbel Pfister: Lange machten die Österreicher einen Bogen um die Schweiz – nun schlagen sie zu

Warum der Käufer XXXLutz bei der Eroberung des Schweizer Marktes doch noch die Abkürzung nehmen kann.
Daniel Zulauf
Die weit grössere XXXLutz-Gruppe aus Österreich kauft das weit kleinere Aargauer Einrichtungshaus Möbel Pfister. (Bild: Walter Bieri/Keystone)

Die weit grössere XXXLutz-Gruppe aus Österreich kauft das weit kleinere Aargauer Einrichtungshaus Möbel Pfister. (Bild: Walter Bieri/Keystone)

In einer Marktwirtschaft hat alles seinen Preis. Das gilt auch für die Möbel-Pfister-Gruppe, die sich unter Verweis auf ihre besondere Eigentümerkonstruktion stets als unverkäuflich dargestellt hat. Noch vor zwei Jahren sagte der Präsident des Verwaltungsrates der F.-G.-Pfister-Holding dieser Zeitung auf die Frage, wie er auf ein Kaufangebot des US-Onlinehändlers Amazon reagieren würde: «Dann würden wir uns gebauchpinselt fühlen. Aber in unserer Stiftungsurkunde heisst es klipp und klar, dass wir nicht verkäuflich sind. Unmöglich, selbst wenn wir wollten! Wir haben das Erbe von Fritz Gottlieb Pfister zu vollziehen. De facto gehört die Firma den Mitarbeitenden.»

Corina Eichenberger, Präsidentin F.-G.-Pfister-Stiftung, Rudolf Obrecht, VR-Präsident Pfister Holding und Stefan Linder, Verwaltungsrat Pfister (von links). (Bild: Walter Bieri/Keystone)

Corina Eichenberger, Präsidentin F.-G.-Pfister-Stiftung, Rudolf Obrecht, VR-Präsident Pfister Holding und Stefan Linder, Verwaltungsrat Pfister (von links). (Bild: Walter Bieri/Keystone)

Wie sich nun zeigt, sind auch Stiftungsurkunden nicht in Stein gemeisselt, wie Corina Eichenberger an einer Medienkonferenz einräumen musste. Die langjährige Aargauer FDP-Nationalrätin ist seit Anfang Juli Präsidentin der Pfister-Stiftung. Bis vor kurzem lautete der Zweck der Stiftung simpel: Sicherung der Selbstständigkeit und Kontinuität der Holding sowie Vorsorge und Wohlfahrt der Mitarbeitenden. Der klare Auftrag hatte seinen guten Grund. Seit der Firmengründer 1966 die Aktien seiner Firma an die Fürsorgestiftung der Möbel Pfister AG verkaufte, gehört diese ihren Mitarbeitenden.

Die Österreicher machten lange einen Bogen um die Schweiz

Nun hat der Stiftungsrat diesen Wunsch neu interpretiert. Per 18. Juni 2019 hat er den Auftrag wie folgt ergänzt: «Sicherung der Selbstständigkeit und Kontinuität der F.-G.-Pfister-Holding AG, in dem sie die Aktionärsrechte an dieser Gesellschaft derart ausübt, dass das Gedeihen der Unternehmensgruppe auf die bestmögliche Weise gewährleistet wird.»

Die Konsequenz dieser kleinen Änderung ist der Verkauf des traditionsreichen Aargauer Einrichtungshauses. Neue Eigentümerin wird die XXXLutz-Gruppe. Die Österreicher sind nach Ikea die zweitgrösste Möbelhändlerin Europas. XXXLutz ist mit 22 000 Mitarbeitern in 12 Ländern und 297 Filialen ein Branchenriese. Möbel Pfister kommt mit 1800 Mitarbeitern, 20 Filialen und den Marken Hubacher, Egger und Svoboda auf einen geschätzten Jahresumsatz von lediglich gut 500 Millionen Franken. Pfister gibt keine Zahlen bekannt.

Doch im Schweizer Markt bringt die Firma weit mehr Gewicht auf die Waage als ihre neue Besitzerin. Mit einem geschätzten Marktanteil von gegen 15 Prozent gehört Möbel Pfister zu den engsten Verfolgern von Ikea.

Das wussten auch Andreas und Richard Seifert, die Eigentümer der XXXLutz-Gruppe. Sie konnten die Firma 1973 von ihrer Mutter übernehmen. Nach der Erbschaft gingen die Brüder auf Expansionstour in Europa. Nach Deutschland folgten die umliegenden Nachbarstaaten im Osten, später Skandinavien. Nur um die Schweiz machten sie stets einen Bogen – trotz der Nähe und einer weit überdurchschnittlich kaufkräftigen Kundschaft. «Möbel Pfister ist ein sehr starker lokaler Anbieter, da überlegt man sich lange und gut, ob man investieren soll», erklärte der Lutz-Gesandte Thomas Saliger die Zurückhaltung seiner Patrons.

Zweimal in fünf Jahren den Chef ausgewechselt

Im letzten Jahr blies die Firma dann doch zum Angriff. Im April erfolgte die Eröffnung einer ersten Filiale in Rothrist. Diese ist mit einer Verkaufsfläche von 15 000 Quadratmetern so gross wie die wichtigsten Möbel-Pfister-Geschäfte in Suhr, Dübendorf und Etoy bei Lausanne. Demnächst eröffnet eine weitere Grossfiliale in Affoltern bei Zürich. Für den nächsten Supermarkt in Zürich-West fehlt nur noch die Baubewilligung.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Möbel-Pfister-Führung ob dieser geballten Wucht das Herz in die Hose gerutscht ist. Doch Verwaltungsratspräsident Rudolf Obrecht will dies nicht gelten lassen. Man habe sich «aus einer Position der Stärke und ohne jeden Zeitdruck» zum Verkauf entschieden. Der Möbelhandel habe sich von einem lokalen zu einem globalen Geschäft entwickelt, in dem Grössenvorteile für einen zunehmend scharfen Preiswettbewerb sorgten.

Der Verkauf sei ganz im Sinne des Stiftungszweckes, sagte Obrecht. «Alles was wir tun, muss dazu beitragen, dass wir uns auch in Zukunft behaupten können, konkurrenzfähig bleiben, profitabel arbeiten und somit Arbeitsplätze sichern.» Auch Saliger betonte, dass in der Schweiz keine Stellen gestrichen würden.

Offen bleibt die Frage, ob sich Möbel Pfister nicht aktiver auf den verschärften Wettbewerb hätte einstellen können, um die Selbstständigkeit zu sichern. Unter Obrechts Führung hat Möbel Pfister in den letzten fünf Jahren zweimal den operativen Chef gewechselt. Diese Fluktuation war dem guten Gedeihen des Möbelhändlers kaum förderlich.

Allein die Immobilien dürften 500 Millionen wert sein

Jedenfalls ist den Österreichern der Eintritt in den Schweizer Markt eine grosse Summe wert. Zwar wurde über den Verkaufspreis Stillschweigen vereinbart. Doch es ist davon auszugehen, dass allein die mit dem Handelsgeschäft übertragenen Immobilien von Möbel Pfister einen Wert von mindestens 500 Millionen Franken aufweisen. 20 Millionen Franken dieses Verkaufserlöses sollen nach Dienstjahren an die Mitarbeiter verteilt werden. Das macht im Schnitt 11 000 Franken pro Person – ein netter Zustupf.

Doch der Rest verbleibt in der Holding, die damit neue Investitionen tätigen will, etwa in vielversprechende Jungfirmen. In der Person des früheren Chefs des Swiss Economic Forums, Stefan Linder, weiss der Verwaltungsrat seit Juli auch schon einen Spezialisten für solche Aktivitäten in seinen Reihen. Dass Linder um die Risiken solcher Finanzierungsaktivitäten weiss, macht diese freilich nicht kleiner. Umso mehr sollten sich die Protagonisten der Holding die Frage stellen, ob ihre Ideen für die Verwendung des Vermögens mit den Vorstellungen Fritz Gottlieb Pfisters im Einklang sind.

Die Möbelbranche in der Schweiz kämpft mit sinkenden Preisen

Möbel Pfister wird von der österreichischen Lutz-Gruppe übernommen – damit geht der Wandel weiter in der schweizerischen Möbelbranche. Mittlerweile hat die Branche schon mehr als zehn harte Jahre hinter sich. 2008 schien die Möbelwelt noch in Ordnung zu sein. Die Umsätze waren fünf Jahre lang recht stark gestiegen, die Anbieter konnten auf ein Wachstum von fast 20 Prozent zurückblicken. Trotz aller Kritik an angeblich überteuerten Preisen.

Doch dann kamen die Schocks: Der Franken wertete sich auf, die Onlinehändler machten sich breit, und die Schweiz entdeckte den Einkaufstourismus. Zehn Jahre später ist alles verspielt, was die Branche an Umsatzwachstum gewonnen hatte. Die Folgen sind mittlerweile 15 verlorene Jahre. Umsatzmässig stand die schweizerische Möbelwelt in dieser Zeit quasi still. Rundherum ging es hingegen weiter. So stiegen die Kosten, indem Löhne und Mieten teurer wurden. Der Aufbau eines Onlinekanals verschlang Millionen. Damit schwanden die Gewinne.

Eine solche Preiswende ist sonst nirgends zu finden

Die Branche hat vieles probiert. So kamen die Preise deutlich herunter in den letzten Jahren. Heute sind Möbel in der Schweiz um rund 16 Prozent günstiger zu haben als noch im Jahr 2009. Eine derartige Preiswende ist sonst nirgends zu finden in den offiziellen Zahlen des Bundesamts für Statistik, die bis Anfang der 1980er-Jahre zurückreichen.

Aus dieser Leistung versuchte Möbel Pfister vor wenigen Monaten noch Kapital zu schlagen. Die Firma gab sich zuversichtlich. Das Möbelland Schweiz sei schon lange keine Hochpreisinsel mehr. Das sagte der damalige Chef von Möbel Pfister, Matthias Baumann, erst letzten Sommer. Für manche Möbel seien die Preise gar um über 30 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig gingen die Preise in Süddeutschland nach oben. Die dortigen Händler nutzten den Boom für sich. Doch in den Köpfen galten Schweizer Möbel noch immer als überteuert. Baumann betonte damals, man müsse den Konsumenten klarmachen: Der Gang über die Grenze lohne sich nicht mehr. Doch die Schweizer Einkaufstouristen kehrten nicht zurück. Die Beträge blieben in etwa gleich, die sie im grenznahen Ausland ausgaben.

Die nächste Welle rollt bereits an

Der Verband für Schweizer Möbelhandel und Industrie schätzt die Ausgaben auf etwa 700 bis 800 Millionen Franken. Immerhin boomt der Einkaufstourismus nicht mehr. Doch nun kommt die nächste Welle. Dazu gehören Angriffe von traditionellen ausländischen Akteuren wie eben XXXLutz. Zudem droht eine Zunahme der Onlinehändler, die bisher in der Möbelbranche noch weniger wichtig sind. (nav)

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