VERKEHR: Billette gibts neu auf dem Perron

Die SBB führen auf den 1. Juli das «Perronbillett» ein. Damit reagieren sie auf die Kritik an ihrer Bussenpraxis. Doch Achtung: Die Änderung gilt nur im Fernverkehr.

Bernard Marks
Drucken
Teilen
Jetzt verkaufen die SBB-Kontrolleure wieder Tickets. Allerdings nicht im Zug, sondern auf dem Perron. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Jetzt verkaufen die SBB-Kontrolleure wieder Tickets. Allerdings nicht im Zug, sondern auf dem Perron. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Die Schlange ist endlos vor dem SBB-Schalter. Doch die Zeit drängt, denn der Zug fährt ab. Durch solche Missge­schicke war so mancher Reisender in letzter Zeit ohne Billett mit dem Zug unterwegs. Wurde er dabei erwischt, bekam er eine saftige Busse aufgebrummt – obwohl er eigentlich zahlen wollte. So erging es zuletzt vielen Reisenden der Schweizerischen Bahn.

Ab dem 1. Juli sollen kurzentschlossene Reisende die Möglichkeit bekommen, vor der Abfahrt direkt beim Zugpersonal ein Ticket zu lösen. Der Reisende muss dafür allerdings auf den Zugbegleiter zugehen, teilten die SBB gestern mit. Das neue sogenannte Perronbillett gilt aber nur für den Fernverkehr. Es soll 10 Franken mehr kosten als das am Schalter oder Automaten gelöste «normale» Billett. Im Regionalverkehr müssen Reisende allerdings weiterhin einen gültigen Fahrausweis vorweisen.

Das Image hat gelitten

Die SBB reagieren damit auf die Unzufriedenheit zahlreicher Kunden seit der Einführung der Billettpflicht im Dezember des Jahres 2011. Seitdem können die Fahrgäste der SBB in Zügen beim Zugbegleiter keinen Fahrausweis mehr kaufen. Eine Folge: Die Bussen nahmen drastisch zu (siehe Grafik). Wer mit einem ungültigen Ticket unterwegs ist, zahlt einen Zuschlag von 90 Franken. Allerdings nur beim ersten Mal. Der zweite Fauxpas kostet 130 Franken, der dritte 160 Franken. Die Beschwerden von erbosten SBB-Kunden haben sich wegen dieser rigorosen Bussenpraxis gehäuft.

Der Imageschaden ist für die SBB gross, denn die harte Linie gegenüber Bahnreisenden, die ohne ein gültiges Billett unterwegs waren und ihrer Meinung nach in vielen Fällen zu Unrecht kriminalisiert wurden, hatte den SBB in den letzten Monaten einiges an öffentlicher Kritik eingetragen.

«Die SBB scheinen sich langsam der Konsumentenwünsche anzunehmen», sagt dazu der Geschäftsführer des Konsumentenforums (KF) und Mitglied des SBB-Kundenbeirates, Michel Rudin (27). Bereits seit Mai erhält der SBB-Kunde keine Busse mehr, wenn er zwar ein Mobile-Ticket gelöst hat, es aber wegen eines leeren Akkus nicht zeigen kann.

Aufpreis «am obersten Limit»

Mit der Einführung des Perronbilletts kamen die SBB gestern erneut einem Wunsch vieler Kunden nach. Aber der Aufpreis von 10 Franken sorgt beim Konsumentenvertreter für gewissen Unmut. «Es wäre aus Konsumentensicht wünschenswert, wenn diese Billette ohne einen Aufpreis verkauft werden könnten», sagte er dazu. Die 10 Franken Aufpreis für ein Perronbillett seien das oberste Limit. «Wir nehmen das aber in Kauf», erklärt Rudin.

Warum SBB-Reisende ihre Fahrausweise nicht einfach wieder wie eh und je im Zug lösen können, ist für Rudin nicht klar. «Unsere Zugbegleiter können je länger, desto weniger alle Billette kontrollieren, sodass einige Reisende in der Vergangenheit gratis mitgefahren sind», sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer. Dies habe bei den Bundesbahnen zu Einnahmeeinbussen geführt, so Meyer. Eine Wiedereinführung des Billettkaufs beim Zugbegleiter im Zug ist aus Sicht der SBB deshalb keine Option.

Zentralbahn zeigt, wie es geht

Einen grossen Teil der Bussen sprachen die SBB denn auch im Fernverkehr aus (siehe Box). Im Regionalverkehr bleibt das Problem aber weiterhin ungelöst, weil auf den Zügen der SBB keine Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter eingesetzt würden. «Eine Lösung beim SBB-Regionalverkehr ist dringend nötig», sagt Rudin.

Dass es anders geht, zeigt das Beispiel der Zentralbahn. Dort war es bislang und ist es auch weiterhin möglich, ein Billett zum Beispiel für die Interregio-Züge Luzern–Engelberg und Luzern–Interlaken beim Zugpersonal gegen einen Aufpreis von 10 Franken zu lösen. Der Preis werde von Kunden auch akzeptiert, sagt Peter Bircher, Sprecher der Zentralbahn. «Im Zug den Aufpreis von 10 Franken zu verlangen, sehen wir als gerechtfertigt an, denn sonst würden viele Leute ohne Fahrausweis einsteigen und dann das Billett erst lösen, wenn der Zugbegleiter kommt und das Billett verlangt», erklärt Bircher.

Keine Ausnahme in der S-Bahn

In der S-Bahn hingegen muss der Fahrgast bei der Kontrolle einen gültigen Fahrausweis vorweisen. Carmen Meyer, Mediensprecherin des Tarifverbundes Zug (TVZG), sagt dazu: «Die Einführung der Last-Minute-Tickets bei den SBB ist eine Verbesserung des Kundendienstes, und wir sehen dies deshalb positiv.» Ob sich dieses Angebot aber bewährt, werde sich zeigen, so Meyer. «Wir werden dies natürlich mit Interesse beobachten», sagt sie.

Für den Tarifverbund Zug ist die Einführung eines ähnlichen Systems allerdings aktuell kein Thema. «Die Fahrgäste unserer Busse zum Beispiel haben die Möglichkeit, ihr Ticket beim Chauffeur zu lösen, falls sie es zeitlich nicht schaffen, das Ticket am Automaten zu lösen», sagt Meyer. Die S-Bahnen jedoch seien nicht begleitet, und es besteht deshalb eine Selbstkontrolle. Somit stelle sich hierbei die Frage nicht, einen zusätzlichen Ticketdienst einzuführen, sagt sie.

Kosten für die Kontrollen sind höher als die Bussen-Einnahmen

Die SBB haben im Jahr 2012 439 000 Fahrgäste gebüsst, die ohne gültiges Billett unterwegs waren. Die grundsätzliche Billettpflicht gilt seit Dezember 2011: Auch auf Fernverkehrszügen können Fahrgäste nun keine Fahrkarte mehr kaufen. 2012 war also das erste Jahr unter dem neuen Regime. Dies hatte zur Folge, dass pro Tag rund 350 Bussen mehr ausgesprochen wurden als früher.

Knapp eine Million Zugreisende waren letztes Jahr pro Tag unterwegs – 1200 von ihnen wurden ohne gültiges Billett erwischt. Laut SBB waren es vor Einführung der Billettpflicht rund 800 Schwarzfahrer pro Tag.

Ohne Billett unterwegs sind laut den SBB vor allem Jugendliche, sozial Schwache und Asylsuchende. Die SBB legen aber Wert auf die Feststellung, dass sich auch in diesen Gruppen die meisten Personen korrekt verhalten und für jede Fahrt bezahlen.

Die SBB begründeten die Abschaffung mit der Entlastung der Zugbegleiter. Ein weiterer Grund: Man wolle verhindern, dass die Fahrgäste auf das Fernbleiben des Kontrolleurs spekulieren und deshalb kein Billett kaufen. Zudem hofften die SBB auf Mehreinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe. Laut SBB seien aber die Kosten für die zusätzlichen Kontrollen höher als die Busseneinnahmen.