VERKEHR: Wenn es kracht, wird es teuer

Als einziges Alpenland kennt die Schweiz keine Winterreifen-Pflicht. Ist aber der falsche Reifen mit schuld an einem Unfall, kann das den Lenker einiges kosten.

Bernard Marks
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Autofahren auf Schnee mit Sommerreifen – wie hier auf der Bernina-Passstrasse – ist nicht nur lebensgefährlich, sondern kann die Lenker im Extremfall auch ins Gefängnis bringen (Symbolbild). (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Autofahren auf Schnee mit Sommerreifen – wie hier auf der Bernina-Passstrasse – ist nicht nur lebensgefährlich, sondern kann die Lenker im Extremfall auch ins Gefängnis bringen (Symbolbild). (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Wer im Winter bei Eis und Schnee mit Sommerreifen unterwegs ist, geht ein hohes Risiko ein. Bei falscher Bereifung fehlt die Haftung, und der Bremsweg wird doppelt so lang (siehe Grafik). Winterreifen sind zwar in der Schweiz nicht vorgeschrieben, doch wer aufgrund ungenügender Bereifung einen Unfall verursacht oder den Verkehr behindert, wird auch hierzulande bestraft. Bei einem Unfall drohen denn auch happige Bussen bis hin zum Führerausweisentzug. Möglich ist auch eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren wegen grober Fahrlässigkeit beziehungsweise des Benutzens eines nicht betriebssicheren Fahrzeuges.

Was viele nicht wissen: Die Versicherung kann einen Teil der Kosten auf den Fahrzeuglenker abwälzen. Meist kommt es zudem zu einer Kürzung oder Rückforderung der Versicherungsleistung. Das hielt das Bundesgericht im Urteil, BGE 6S. 17/2007, fest. In dem Fall war ein Fahrzeug mit Sommerpneus ins Schleudern geraten und in zwei parkierte Fahrzeuge geprallt. Der Lenker machte sich einerseits strafbar, anderseits haftete er für die entstandenen Schäden an den parkierten Autos.

4 von 5 Autos mit Sommerreifen

Eine aktuelle Umfrage unter Schweizer Autofahrern hat ergeben, dass trotz Kälteeinbruch und ersten Schneefällen derzeit immer noch 4 von 5 Autofahrern mit Sommerreifen unterwegs sind. Ein jährlich wiederkehrendes Phänomen: «Jeden Winter sind zu viele Personenwagen mit Sommerreifen auf Schweizer Strassen unterwegs», bemängelt Rolf Moning, Sprecher der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Bisher wird empfohlen, Winterreifen mit mindestens 4 Millimeter Profil von Oktober bis Ostern zu montieren. «Wir befürworten jedoch die Einführung eines Winterreifen-Obligatoriums und würden einen entsprechenden Vorstoss aus der Politik unterstützen», sagt Moning weiter. Praktikabel sei eine Pflicht von November bis März – auch in den wärmeren Regionen der Schweiz wie im Tessin.

Anders als in der Schweiz kennen Nachbarländer solche gesetzlichen Regelungen, welche die Verwendung von Winterreifen vorschreiben. In Deutschland zum Beispiel besteht bei winterlichen Strassenbedingungen eine Pflicht, genauso in Österreich vom 1. November bis 15. April. In Italien kann ebenfalls für einzelne Strecken zu bestimmten Zeiten und bei entsprechenden Winterverhältnissen die Benützung von Winterreifen vorgeschrieben werden.

Der Touring Club Schweiz bemängelt die gängige Praxis in Sachen Winterreifen in der Schweiz. «Obwohl es bei uns kein Gesetz gibt, das den Gebrauch von Winterreifen vorschreibt, ist es fahrlässig, im Winter mit Sommerreifen herumzufahren», sagt Reto Blättler, Experte Fahrzeug- und Komponententests beim TCS in Emmen. Der TCS rät daher Automobilisten davon ab, mit dem Wechsel von Sommerreifen auf Winterreifen zuzuwarten, bis der erste Schnee fällt. Jedes Jahr weist der TCS auf die Gefahren hin, die mit ungenügender Bereifung an Autos zusammenhängen. «Winterreifen sind mit ihrer weichen Gummimischung und der Profilgestaltung für das Fahren auf Schnee, bei tiefen Temperaturen und bei Glätte weitaus besser geeignet als Sommerreifen. Sie sorgen für optimale Haftung auf einer glatten, nassen oder schneebedeckten Fahrbahn», sagt Blättler. Das Profil eines Winterreifens sorgt für ein optimales und sicheres Fahrverhalten in der kalten Jahreszeit. «Zudem sollten Winterreifen federn, dämpfen und einen guten Geradeauslauf gewährleisten», erläutert Blättler. Rund 3 bis 8 Prozent weniger Treibstoff verbraucht ein Fahrzeug, das mit rollwiderstandsarmen Reifen ausgestattet ist. Ein Minus, das sich auf das Portemonnaie und die CO2-Emissionen auswirken kann.

Doch nicht jeder Winterreifen gilt gleichermassen als betriebssicher: Aus diesem Grund testet der TCS jährlich eine Auswahl an Winterpneus. Für diejenigen, die ihre alten Pneus verwenden wollen, gilt: Vorgeschrieben ist eine Profiltiefe von mindestens 1,6 Millimetern, diverse Automobilclubs empfehlen aber eine Mindestprofiltiefe von 4 Millimetern. Eine ungenügende Profiltiefe kann eine Busse von 100 Franken pro fehlerhaftem Pneu zur Folge haben.

Winterreifen rutschen im Sommer

Viele Sparfüchse unter den Schweizer Autofahrern versuchen, ihre Winterpneus erst «totzufahren», bevor sie ihrem Wagen zwei Paar neue Reifen gönnen. Abgefahrene «Finken» sind aber lebensgefährlich. Die Lebensdauer des Winterreifens beträgt etwa fünf Jahre oder 40 000 Kilometer. Nachteile: Der Winterreifen wird bei hohen Sommertemperaturen schneller abgenutzt. Mit zu weichen und warmen Reifen könnte man ins Rutschen kommen. Der Bremsweg wird länger. Lediglich wenn man nur wenige tausend Kilometer im Jahr fährt, kann man auf den Reifenwechsel im Sommer verzichten.

 

Der TCS-Ratgeber «Winterreifen 2014» kann unter www.reifen.tcs.ch bestellt oder bei den technischen Zentren des TCS bezogen werden. Der Test ist auch über die TCS-App abrufbar.

Bremsweg bei 50km/h bei winterlichen Strassenverhältnissen (Bild: Quelle: TCS / Grafik: Janina Noser)

Bremsweg bei 50km/h bei winterlichen Strassenverhältnissen (Bild: Quelle: TCS / Grafik: Janina Noser)

Winterreifen im Test. (Bild: Quelle: TCS / Grafik: Janina Noser, Gr)

Winterreifen im Test. (Bild: Quelle: TCS / Grafik: Janina Noser, Gr)