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Verlegung von SBB-Industriewerk aufgegleist

Der Kanton Tessin und die Stadt Bellinzona wollen den Neubau der SBB-Werkstätten mit 120 Millionen Franken unterstützen. Die Reduzierung der Arbeitsplätze erbost die Belegschaft.
Auf dem Areal der SBB-Cargo-Industriewerkstätten in Bellinzona soll ein neues Quartier entstehen. (Bild: Karl Mathis/Keystone; 7. März 2008)

Auf dem Areal der SBB-Cargo-Industriewerkstätten in Bellinzona soll ein neues Quartier entstehen. (Bild: Karl Mathis/Keystone; 7. März 2008)

Das SBB-Industriewerk in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Bellinzona ist nicht einfach eine Unterhalts- und Reparaturwerkstätte, sondern eine über 100-jährige Institution. Eröffnet wurde das Werk 1882 – gleichzeitig mit dem Gotthard-Scheiteltunnel. «Generationen von Bellinzonesi haben in diesen Werkstätten gearbeitet», sagt Bellinzonas Stadtpräsident Mario Branda (SP). Entsprechend emotionsgeladen ist die geplante Schliessung der «Officine» am jetzigen Standort.

Die SBB wollen in Arbedo-Castione, einem nördlichen Vorort der Kantonshauptstadt, auf dem grünen Rasen ein ganz neues Werk bauen. Anfang Juni haben die SBB den 140000 Quadratmeter grossen Standort nach einem Evaluationsverfahren definitiv bekanntgegeben. Das Werk soll zwischen 2023 und 2026 verwirklicht werden. Vorher sind einige Landenteignungen notwendig.

Basislager für die moderne Flotte

Der neue Standort soll die logistische Basis für den Verkehr auf der Nord-Süd-Achse und das Basislager für die moderne Flotte von SBB Personenverkehr werden. Dazu gehört die leichte und schwere Instandhaltung der neuen Triebzüge Giruno aus dem Hause Stadler, die ab 2019 zum Einsatz kommen, und der regionalen S-Bahn-Züge Tilo (ebenfalls von Stadler) sowie die schwere Instandhaltung der ETR 610 der letzten Generation.

Schon diese Ausrichtung macht klar, dass die Tage des Industriewerks Bellinzona in seiner jetzigen Form gezählt sind. Der Unterhalt von Lokomotiven, Güterwagen und Radsätzen, dem bisherigen Kerngeschäft, hat aus Sicht der SBB keine Zukunft. Der Kanton Tessin und die Stadt Bellinzona sind bereit, sich an der neuen Werkstätte finanziell zu beteiligen. Soeben haben die beiden Exekutiven den jeweiligen Parlamenten Kreditbotschaften in Höhe von 120 Millionen Franken vorgelegt. Der Kanton will 100 Millionen einbringen, die Stadt Bellinzona 20 Millionen. Dies entspricht einem Drittel der vorgesehenen Investitionssumme von 360 Millionen Franken. Die SBB haben diese Beteiligung zur Bedingung für die Verwirklichung des neuen Werks gemacht. Allerdings werden in der neuen Stätte wohl nur zwischen 200 und 230 Mitarbeitende beschäftigt sein. Bisher sind es zwischen 350 und 400. Die Detailpläne der SBB liegen noch nicht vor.

Im Gegenzug für ihren Zustupf erhalten der Kanton und die Stadt Bellinzona rund die Hälfte des freiwerdenden Areals der heutigen «Officine», 45000 von gut 100000 Quadratmetern. Dort sollen unter anderem ein Technologiepark, Schulen sowie mietzinsgünstige Wohnungen sowie Quartiertreffs entstehen. Der Kanton will Start-up-Unternehmen und die Südschweizer Antenne des Netzwerks Switzerland Innovation ansiedeln. Die SBB dürften auf dem ihnen verbleibenden Gelände eigene Immobilien erstellen.

«Es ist wohl landesweit einmalig, dass im Zentrum einer Stadt ein Areal dieser Grössenordnung frei wird», sagt Bürgermeister Branda. Fünf Planungsbüros mit interdisziplinären Teams von Architekten und Urbanisten sollen einen Studienauftrag zur Planung des neuen Quartiers erhalten. Die Kosten von 1,5 Millionen Franken werden die SBB, die Stadt Bellinzona und der Kanton Tessin zu je einem Drittel übernehmen.

Allerdings müssen all diese Kredite nun zuerst die Hürde der Legislativen nehmen. Widerstand kommt vor allem von der äussersten Linken. Die Bewegung für Sozialismus (MpS) spricht in Bezug auf die 120 Millionen Franken von einem «Schutzgeld», das für die Erhaltung der Arbeitsplätze im Tessin an die SBB bezahlt werden müsse. Die Bewegung glaubt, dass am Ende nicht mehr als 120 Arbeitsplätze im Tessin verbleiben. Die vorgesehene Reduzierung der Arbeitsplätze kommt auch bei der Belegschaft nicht gut an, obwohl die SBB versprochen haben, den Abbau über natürliche Fluktuationen zu steuern.

An ein Referendum wird im Moment nicht gedacht. «Wir konzentrieren uns auf eine Volksinitiative, die im Herbst 2018 zur Abstimmung kommen dürfte», sagt MpS-Grossrat Matteo Pronzini. Er bezieht sich auf die Volksinitiative «Für einen technologisch-industriellen Pool», die im Jahr 2008 von 15000 Personen unterschreiben worden war. Die Initiative war im Nachgang zum historischen, 33-tägigen Streik lanciert worden, der damals dazu führte, dass die SBB ihre Restrukturierungspläne für das Industriewerk Bellinzona zurücknahmen.

Bei Wegzug droht eine Konventionalstrafe

Für Wirtschaftsdirektor Christian Vitta (FDP) stellt die Beteiligung am neuen SBB-Werk ein indirektes Gegenprojekt zur damaligen Initiative dar. Sollte die Initiative angenommen werden, könnten die Pläne von Kanton und Stadt Bellinzona nicht umgesetzt werden. Denn sie beinhaltet die physische Präsenz der Officine in Bellinzona. Dies wiederum könnte die SBB dazu bewegen, Bellinzona ganz den Rücken zu kehren und den Unterhalt vollständig in die deutsche Schweiz zu verlegen. Dieses Szenario gefällt Mario Branda nicht, der für die Kredite wirbt: «Mit dem neuen Industriewerk schaffen wir eine langfristige Investition in die Zukunft, qualitative Arbeitsplätze für unsere Kinder und Grosskinder.»

Die Kreditbotschaften enthalten im Übrigen noch ein interessantes Detail. Sollten die SBB ihr neues Werk innert 35 Jahren nach Inbetriebnahme aufgeben oder veräussern, müssen sie der Stadt und dem Kanton eine Konventionalstrafe von 60 Millionen Franken bezahlen. Dabei wird diese Strafe pro Betriebsjahr linear um 1,7 Millionen reduziert. Das heisst: Bei einer allfälligen Schliessung nach zehn Betriebsjahren müssten die SBB immer noch 43 Millionen Franken zahlen.

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