Versicherer zeigen sich im Streit mit Gastrobranche um Epidemieversicherungen einsichtiger

Im Streit um die Haftungsfrage von Epidemie-Policen deutet die Assekuranz ein Einlenken gegenüber der Gastrobranche an.

Daniel Zulauf
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Viele Restaurants haben eine Epidemieversicherung abgeschlossen, erhalten aber in der jetzigen Situation keine Leistungen.

Viele Restaurants haben eine Epidemieversicherung abgeschlossen, erhalten aber in der jetzigen Situation keine Leistungen.

Keystone

«Besser als nichts», sagt Christian M. (Name geändert), ein Wirt aus der Region Baden, dessen Betrieb seit dem 16. März geschlossen ist. Auf die Vergleichslösung, wie sie die Versicherung Helvetia seit Dienstag den bei ihr versicherten Gastronomie-Unternehmen anbietet, würde er wahrscheinlich auch einwilligen, sagt er. Die Not sei zu gross, als dass er sich eine kurzfristige Linderung entgehen lassen könnte.

Doch der Aargauer muss weiter bangen. Seine Versicherung, die Winterthurer Axa, beschied dem Unternehmer nur drei Tage nach dem behördlichen Schliessungsbefehl (Lockdown) vom 16 März: «Bei uns ist der Betriebsunterbruch infolge Pandemie ausgeschlossen. Ich bitte Sie, Kontakt mit dem Kanton oder der GastroSuisse aufzunehmen für die Klärung des weiteren Vorgehens auf Grund der behördlichen Schliessung Ihres Betriebes.»

Rechtsgutachten gibt den Wirten recht

Christian M. und zahllose seiner Berufskollegen rieben sich ob dieser Post zunächst ungläubig die Augen. Da bezahlt man jahrelang die Prämie für die Epidemieversicherung, und wenn die Plage dann tatsächlich über das Land hereinbricht, soll es für den entstandenen Schaden keinen Rappen geben? Pandemien seien nur beschränkt oder gar nicht versicherbar, lautet das Argument der Versicherer, mit dem sie den im Kleingedruckten festgeschriebenen Ausschluss des Pandemie-Ereignisses begründen.

Nicht alle Assekuranzunternehmen liessen die Geschädigten allerdings in der gleichen Art abblitzen, wie dies Christian M. erfahren musste. «Besonders negativ aufgefallen sind bislang Axa, Helvetia und Generali, welche sich oftmals weigern, Leistungen zu erbringen», stellte GastroSuisse vor zwei Wochen fest. Der Branchenverband hat selbst ein Rechtsgutachten erstellen lassen, mit folgendem Befund: «Epidemie-Versicherungen müssen für die durch das Coronavirus entstandenen Schäden aufkommen.» Der Verband hat rechtliche Schritte gegen die Versicherer eingeleitet und bereitet Musterprozesse vor.

Helvetia lenkt ein

Die Kampfansage scheint sich zu lohnen. «Die Helvetia hat eingesehen, dass sie sich ihrer Leistungspflicht nicht entziehen kann», sagt GastroSuisse-Jurist Christian Belser. «Die rechtliche Ausgangslage spricht für unsere Mitgliederbetriebe. Wir sind deshalb zuversichtlich, dass es in den weiteren Verhandlungen mit den verbleibenden Versicherungsgesellschaften zu guten Lösungen kommen wird.».

Während der Verband das Angebot von Helvetia noch einer tieferen Prüfung unterziehen will, würde es Christian M. am liebsten gleich annehmen. 50 Prozent der ungedeckten Kosten und des Gewinnausfalls wollen die Ostschweizer für die Zeit der behördlichen Betriebsschliessung vom 16. März bis zum 11. Mai übernehmen und dazu noch einen halben Monat nach Lockerung der bundesrätlichen Massnahmen. Christian M. spricht von einem Gesamtschaden von über 100'000 Franken. Mit der Hälfte davon könnte er immerhin die dringlichsten Kosten decken.

Ist der Schaden bereits angerichtet?

Helvetia schreibt in der am Dienstag veröffentlichten Medienmitteilung, bis zu der abschliessenden höchstrichterlichen Beurteilung des Rechtsstreites über den Pandemie-Ausschluss vergingen noch bis zu zwei Jahre, was in der aktuellen Situation niemandem helfe. Nötig seien deshalb pragmatische Lösungen, zu denen man Hand bieten wolle.

Wie es scheint, ist diese Erkenntnis aber zu spät gereift, als dass die Versicherungen einen Rufschaden noch abwenden könnten. Generali will ihren betroffenen Kunden im Gegensatz zu dem von Helvetia offerierten Pauschalangebot immer noch allein mit «individuellen Lösungen» Hand bieten. Axa erklärt auf Anfrage, man biete den Kunden «auf individueller Basis ähnliche Vergleichslösungen (wie Helvetia Anm. d. Red.) an». Davon hat Christian M. allerdings noch nichts gehört, wie er gegenüber diesem Portal versichert.

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