Krankentaggeld

Versicherung nimmt Arbeitgeber an die Kandarre

Die Basler Versicherung schaut Firmen genauer auf die Finger: Unternehmen mit vielen neuen Krankheitsfällen, müssen mit Strafprämien rechnen. Senken die Firmen aber die Krankheitsfälle, locken Prämienrabatte.

Vasilije Mustur
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Krankentaggelder

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Keystone

Die Basler Versicherung nimmt ihre versicherten Unternehmen im Rahlen der Krankentaggeldzahlungen stärker in die Pflicht.

Der Grund: Noch vor einigen Monaten meldeten sich bei den Schweizer Privatversicherern Arbeitgeber mit Tausenden von Neuanmeldungen im Bereich der Krankentaggeld-Versicherung (siehe Box). Dieser Entwicklung konnten die Versicherer meist nur tatenlos zusehen. Nun will die Basler Versicherung diesem Zustand mit Hilfe einer internen Task-Force Einhalt gebieten.

In ihrer täglichen Arbeit rufen die Schadenspezialisten Unternehmer einerseits zur Kooperation mit der Versicherung auf und drängen das Management andererseits dazu, ein «Frühwarnsystem» und ein «betriebliches Gesundheitsmanagement» für ihre Mitarbeitenden zu implementieren.

Darum geht es bei der Krankentaggeld-Versicherung

Wird ein Arbeitnehmer im Verlaufe seiner Erwerberbstätigkeit krank, so hat dessen Arbeitgeber die Pflicht den Lohn weiterhin seinem Angestellten zu überweisen.

Je nach Arbeitsvertrag oder Versicherungslösung erhält der Angestellte von der Firma dabei bis zu 100 Prozent seines Gehalts.

Im Gegenzug erhält der Arbeitgeber von der Krankentaggeld-Versicherung Entschädigung für die Lohnfortzahlungspflicht.

Dafür, dass Arbeitnehmer Kranken-Taggeld versichert sind, verzichten sie auf einen Teil ihres Lohns.

Zu diesem «Frühwarnsystem» gehört laut Mathias Zingg von der Basler Versicherung beispielsweise ein Zeiterfassungssystem. «Dieses kann den Unternehmen von grossem Nutzen sein. Aus diesem lässt sich herauslesen, wenn ein Arbeitnehmer regelmässig krank ist, oder Unmengen an Überstunden anhäuft».

Schlage das «Frühwarnsystem» Alarm, könnten die Vorgesetzten dann das klärende Gespräch mit den Angestellten suchen. Dies verhindere, dass die Arbeitnehmer über einen längeren Zeitraum krankgeschrieben seien.

Will heissen: Aus Studien der Basler Versicherung geht hervor, dass langjährige Mitarbeiter, welche plötzlich krank wurden und mindestens sechs Monate dem Arbeitsplatz fern blieben, diese meist ihr gesamtes Erwerbsleben nicht mehr in den Arbeitsprozess integriert werden konnten.

Würden die Firmen das «Frühwarnsystem» einführen, profitierten diese laut Zingg von der Zusammenarbeit, indem ihnen die Basler Versicherung einen Teil der einbezahlten Prämien für die Krankentaggeld-Versicherung zurückerstattet.

Task-Force bringt Alltagsprobleme statt Krankheit zu Tage

Vernachlässigen die Unternehmen ihre Pflichten drohen jedoch Sanktionen. «Die Arbeitgeber - welche kein betriebliches Gesundheitsmanagement betreiben - laufen bei unbefriedigendem Verlauf der Neuerkrankungen Gefahr, dass wir die Prämien erhöhen», sagt Zingg.

Ausserdem sorgt die Task-Force dafür, dass die Neuanmeldungen von Krankheitsfällen effizienter abgewickelt, die «realen arbeitsplatzbezogenen Ursachen» für die Erkrankungen - wie Stress, unregelmässige Arbeitszeiten, teaminterne Probleme, frühzeitig erkannt werden und daraufhin eine Reaktion erfolgt.

Konkret versorgt sich das fünfköpfige Team der Basler im ersten Schritt beim Arbeitgeber mit den nötigen Informationen über den betroffenen Angestellten. «Dazu zählen die Arbeitsplatz- und Teamsituation sowie sein genaues Tätigkeitsfeld. Der Datenschutz wird nicht tangiert», betont Zingg.

Später bespricht der Schadenspezialisten den Fall mit dem Arbeitnehmer selbst. Hierbei stelle sich oft heraus, ob sich die Krankheit auf ein «eigentliches, arbeitsbezogenes» Problem handelt.

Task-Force kostet Versicherung eine halbe Million - pro Jahr

«Vielfach geht es um banale Dinge. Wenn eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern jeden Tag vier Stockwerke gehen muss, um die Wäsche der Kinder zu waschen, kann dies zu einer Überforderung führen.

Diese kann sich auf den Arbeitsplatz ausdehnen», sagt Zingg. Entdecke die Basler solche Schwierigkeiten, müssten die Schadenspezialisten entweder die Invalidenversicherung darauf aufmerksam machen oder im konkreten Fall eine Waschmaschine finanzieren.

Seit Einführung des fünfköpfigen Teams kostet die Task-Force die Basler Versicherung jählich gegen 500 000 Franken. Angesichts der Fall- und Kostenexplosion während der Wirtschaftskrise sei dieser Betrag laut Zingg ein Bruchteil dessen,den die Versicherung ohne Schadenspezialisten hätte aufwenden müssen.

Neuanmeldungen stiegen während der Krise um 15 Prozent

Bis Ende 2009 haben die Neuanmeldungen von Patienten der Krankentaggeld-Versicherung im Vergleich zum Vorjahr bei der Basler um bis zu zehn Prozent zugenommen.

Darüber hinaus stiegen die durchschnittlichen Schadenszahlungen an die betroffenen Mitarbeiter um bis zu 15 Prozent. «Das hat mit der längeren Genesungszeit der Betroffenen zu tun», sagt Zingg.

Arbeitgeber nutzten Versicherung in Rezession zu eigenem Vorteil

Auch die Diagnosen hätten sich verändert. «Pychische Erkrankungen wie Rücken- oder Nackenbeschwerden nehmen stark zu.» Dabei hätten «gewisse» Arbeitgeber durch den Umgang mit ihren Angestellten massgeblichen Anteil am Anstieg.

«In Krisenzeiten steigt der Druck auf die Mitarbeiter. Die Angestellten sind meist überbeansprucht, weil sie während dieser Periode mehr leisten müssen. Zudem quälen sie sich mit der latenten Angst vor dem Verlust der Arbeitsstelle», sagt Zingg. Dies erhöhe die Gefahr von Erschöpfungsdepression.

Erschwerend komme hinzu, dass Unternehmer in Krisenzeiten wenig Interesse hätten, ihre krankgeschriebenen Angestellten in den Arbeitsprozess zu reintegrieren. «Sind die Auftragsbücher leer, kommt es vor, dass Firmen ihre Mitarbeiter länger krankschreiben als nötig». Mit diesem Vorgehen würden die Arbeitgeber die Kündigung umgehen und trotz Auftragsflaute Geld vom Versicherer erhalten.

Task-Force zeigt Wirkung

Derweil zahlt sich die Arbeit der Task-Force laut Zingg aus. Die Zahl der Neuanmeldungen sei wieder rückläufig. Besonders erfreulich: Die Entwicklung der psychischen Erkrankungen gingen zurück.

Während die psychischen Erkrankungen im letzten Jahr um bis zu 20 Prozent angestiegen sind, fiel diese Marke wieder auf das Niveau vor der Rezession.

Zingg geht davon aus, dass sich dieser Silberstreifen am Horizont noch akzentuieren wird und die Neuanmeldungen weiter stabilisieren werden.