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VERTEILUNG: Die Erosion der Mittelklasse

Die wirtschaftliche Ungleichheit in der Welt wächst. Im traditionellen Mittelstand, insbesondere in den westlichen Industrieländern, bleibt das Einkommenswachstum deutlich unter dem Weltdurchschnitt.
Daniel Zulauf
Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), in Washington. (Bild: Shawn Thew/Keystone (13. Oktober 2017))

Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), in Washington. (Bild: Shawn Thew/Keystone (13. Oktober 2017))

Daniel Zulauf

Möglich, dass Klaus Schwab schon im Januar 1971 vom Davoser Weltwirtschaftsforum träumte, als er im damals noch verschlafenen Bündner Kurort das erste «European Management Symposium» durchführte. Höchst unwahrscheinlich ist indessen, dass sich der WEF-Gründer schon damals vorstellte, dass seine Netzwerk-Plattform für Manager und Unternehmer dereinst eine Weltbühne werden könnte, auf der neben dem üblichen Business auch Diskussionen über Fragen der richtigen Verteilung von Vermögen und Einkommen einen festen Platz einnehmen würden.

Es ist kein Zufall, dass gerade die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, das Verteilungsthema auf den Davoser Schild gehoben hatte, als sie 2013 das Plenum warnte: «Eine exzessive Ungleichheit ist korrosiv für das Wachstum, und sie ist korrosiv für die Gesellschaft.» Dieses Problem hatten auch die 44 Gründerstaaten des IWF vor Augen, als sie sich 1944 zusammenrauften, um in Bretton Woods die Schaffung eines weltumspannenden Systems fester Wechselkurse zu vereinbaren. Es war die Lehre aus der Depression der 1930er-Jahre, wie sie durch den internationalen Wirtschaftskrieg und den destruktiven Abwertungswettlauf unter den Ländern verstärkt worden war.

Ungleichheit ist im Nahen Osten ausgeprägt

Die Stabilitätsrisiken aus jener Zeit sind mit der internationalen Finanzkrise wieder zum Vorschein gekommen. Sie liessen die Vorteile einer global koordinierten Währungspolitik in einer Deutlichkeit zu Tage treten, wie das kaum jemand mehr für möglich gehalten hätte. Doch Bretton Woods ist seit 1971 Geschichte. Das System brach zusammen, nachdem Amerika als Stabilitätsgarant den Vietnamkrieg mit der Notenpresse finanziert hatte. Das Ende von Bretton Woods markierte den Beginn einer langen Wachstumsphase der Finanzbranche, in der die Aktien- und Obligationenkurse wie auch die Immobilienpreise Mehrfaches der Wertsteigerung im Vergleich zu den vorausgegangenen Dekaden aufwiesen.

Auf diese vergangenen 50 Jahre geht auch ein grosser Teil der aktuellen Ungleichheitsdiskussion zurück. Der Ökonom Thomas Piketty hatte in seinem viel beachteten Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» vor vier Jahren auf die starke Zunahme der weltweiten Einkommensungleichheit seit den 1970er-Jahren hingewiesen und diese im Wesentlichen damit begründet, dass die Einkommen aus Vermögensaktiva wie Aktien, Obligationen oder Immobilien seit Jahrzehnten stärker wachsen als die Wirtschaft als Ganzes.

Die damit verbundene Kapitalismuskritik stiess bei vielen Ökonomen selbstredend auf Widerstand. Piketty ignoriere, dass die Einkommensverteilung in den Industrieländern des 19. Jahrhunderts viel schlechter war, als sie es in den letzten 50 Jahren gewesen sei. Den Kritikern zum Trotz legte der Franzose im Dezember mit einer neuen Arbeit nach, die seine bisherigen Forschungsergebnisse bestätigt: Die wirtschaftliche Ungleichheit ist in allen Weltregionen hoch, aber nirgends so ausgeprägt wie im Nahen Osten, wo die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung 61 Prozent der Einkommen einstreichen. Die Statistik relativiert den Wohlstand der erdölreichen Golfstaaten, der ­wenig überraschend sehr einseitig verteilt ist. Im Vergleich dazu sieht Europa mit einer Quote von 37 Prozent geradezu musterhaft aus. Die Untersuchung zeigt auch, dass das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung seine Einkünfte seit den 1980er-Jahren mehr als verdoppelt hat, während der Mittelstand kaum profitierte.

Die chinesische Mittelschicht steigt auf

Statistisch beschrieben ist das Problem des Mittelstandes in den Industrieländern auch im Buch «Global Inequality» (2016) des Ex-Weltbankökonomen Branko Milanovic. Eine als Elefantenkurve berühmt gewordene Grafik zeigt darin, wie die Einkommen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung als Folge der Globalisierung seit den 1980er-Jahren stark zulegen konnte. Dabei fällt vor allem der Aufstieg der chinesischen Mittelschicht ins Gewicht. Auch die 15 Prozent Reichsten der Welt haben ihre Einkommen in der gleichen Zeit kräftig erhöht. Einzig im traditionellen Mittelstand, insbesondere in den westlichen Industrieländern, blieb das Einkommenswachstum deutlich unter dem Weltdurchschnitt, und für einen Teil dieser Gruppe, die immerhin rund einen Drittel der Weltbevölkerung repräsentiert, fiel sie sogar negativ aus.

«Ich weiss nicht, weshalb die Leute nicht zugehört haben», sagte Lagarde letztes Jahr in Davos unter Verweis auf ihre erste Warnung. «Ich hoffe, sie tun es jetzt», fügte sie an im Wissen, dass Ungleichheit inzwischen zum Hauptthema des WEF aufgerückt war. Die IWF-Chefin stellte am letzten Davoser Gipfel einen direkten Zusammenhang zwischen der wachsenden Ungleichheit und der Rückkehr protektionistisch-nationalistischer Politiken dar, wie sie Donald Trump mit seinem America-first-Programm inzwischen vorlebt. Heuer steht das WEF unter dem Motto «Gemeinsame Zukunft in einer brüchigen Welt», und Lagarde wird am Mittwoch auf einer Podiumsdiskussion erneut zu hören sein, wenn sie über die Möglichkeiten zur Lösung der wachsenden wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen den Generationen in Europa spricht.

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