Kaufmännischer Verbandes Kanton Bern
«Verunsicherung ist auch bei uns gross»

Die Wirtschaftskrise trifft sie besonders hart – das kaufmännische Personal steht beim Stellenabbau oft in der ersten Reihe. «Die Verunsicherung ist gerade in unserer Branche gross», bestätigt der Langenthaler Thomas Nikles, Präsident des Kaufmännischen Vereins Oberaargau anlässlich der Delegiertenversammlung des Kaufmännischen Verbandes Kanton Bern.

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KV Schulhaus Langenthal

KV Schulhaus Langenthal

az Langenthaler Tagblatt

Walter Ryser

Die diesjährige Delegiertenversammlung des Kaufmännischen Verbandes Kanton Bern stand ganz im Zeichen der aktuellen Wirtschaftskrise (siehe auch Kasten). Die Auswirkungen davon spürt auch das kaufmännische Personal in der Region, wie Thomas Nikles, Präsident des Kaufmännischen Vereins Oberaargau (KVO), bestätigt: «Wir stellen fest, dass unser Rechtsdienst von unseren Mitgliedern deutlich stärker in Anspruch genommen wird als in den vorangehenden Jahren.» Viele wünschten eine Begleitung für die weitere Berufswahl, eine Karriereplanung oder einfach nur Auskünfte und Tipps zu ihrer aktuellen Berufssituation.

Neuer Besitzer für Schulhaus

Wie von Thomas Nikles, Präsident des KVO, zu erfahren war, soll demnächst ein Besitzerwechsel beim Kaufmännischen Berufsschulhaus Langenthal stattfinden. Der Kaufmännische Verband Schweiz will mit der ihr angeschlossenen SKV Immobilien AG das 2006 eröffnete Schulhaus an der Weststrasse von der bisherigen Besitzerin, der HRS Real Estate AG, Frauenfeld, erwerben. Diese ist vor allem durch Bauten von Sport-Stadien (Umbau Postfinance-Arena, Bern; Neubau Fussballstadien Neuenburg und St. Gallen) bekannt. Die Kaufmännische Berufsschule Langenthal bleibt Mieterin der Räumlichkeiten. Der Kanton Bern, Besitzer des Grundstücks, auf dem das Schulgebäude steht, muss diesem Verkauf aber noch zustimmen. Für Nikles geht damit ein Wunsch in Erfüllung. «Mit dem Kauf des Schulhauses signalisiert der KV Schweiz, dass er an den Standort Langenthal, das Bildungszentrum und das Entwicklungspotenzial dieser Region glaubt.» (war)

«Armi Sieche» in der Bank

Trotz den deutlich gestiegenen Anfragen gibt es für Nikles aber auch einen erfreulichen Aspekt in der ganzen Angelegenheit. «Viele, die sich nun bei uns melden, streben nach höheren Berufsabschlüssen, wollen eine Berufsmittelschule absolvieren, sich zum Verkaufsleiter oder Buchhalter ausbilden lassen.» Für den 49-jährigen Langenthaler exakt das richtige Verhalten in dieser wirtschaftlich angespannten Lage. «Damit haben diese Leute auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen.»

Grundsätzlich sei der KVO mit keiner neuen Situation konfrontiert, «schon bei früheren Krisen haben sich die Leute vermehrt an uns gewendet. Neu hingegen ist jedoch das Ausmass. Dieses ist grösser als bei den letzten Krisen», bemerkt Nikles, seit über zehn Jahren Präsident des KVO. Viele Mitglieder seien zudem skeptisch, ob sich die Beschäftigungslage je wieder so präsentieren werde wie in den letzten Jahren. «Vor allem im Bankensektor ist die Verunsicherung gross. Das kaufmännische Personal trifft es hier am härtesten. Das sind zum Teil ‹armi Sieche›, denn die Sekretärin oder der Schalterbeamte sind nicht Schuld am Schlamassel, in dem sich ihr Unternehmen befindet.»

KV Kanton Bern

«Vor zwei Jahren, bei der letzten Delegiertenversammlung, war nicht vorauszusehen, wo wir heute stehen würden», bemerkte eine nachdenkliche Johanna M. Schlegel, Präsidentin des Kaufmännischen Verbandes Kanton Bern, bei der Eröffnung der DV in Langenthal. Die Burgdorfer Grossrätin (Grüne) zeigte sich gegenüber den 33 anwesenden Delegierten besorgt über den Wertezerfall in unserem beruflichen Umfeld. «Man muss sich schon fragen, wo in der Arbeitswelt das Verantwortungsgefühl und die Sorgfalt geblieben sind.» Über kommende Herausforderungen in der Berufsbildung referierte Theo Ninck, Vorsteher des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes. Dabei erwähnte er die Veränderungen in der Gesellschaft, den Familien und in der Erziehung, aber auch die zunehmende Heterogenität bei den Schulabgängern, die an alle im Bereich Berufsbildung hohe Anforderungen stellen. Mit Harmos, der neuen Bildungsverordnung, sowie der Förderung der zweijährigen Grundbildung mit Eidgenössischem Berufs-Attest (EBA) erwähnte er einige Instrumente, mit denen man den Veränderungen im Bildungsumfeld entgegentreten wolle. (war)

Keine Zurückhaltung spürbar

Erleichtert ist der Versicherungs- und Vorsorgeberater darüber, dass die Wirtschaftskrise bislang keine spürbaren Auswirkungen auf den regionalen Lehrstellenmarkt hatte. «Was das Angebot an kaufmännischen Ausbildungsplätzen anbelangt, spüre ich von Seiten der Firmen keine Zurückhaltung.» Gemäss Nikles wäre dies in der aktuellen Lage auch ein völlig falsches Signal. «Wir benötigen auch in Zukunft Personal, das sich das Wissen in einer Firma von Grund auf erarbeitet hat. Das Überleben einer Firma hängt auch davon ab, ob man über Leute verfügt, die nach den eigenen Vorstellungen ausgebildet wurden und mit der Firmen-Philosophie vertraut sind.»

Thomas Nikles «Eine kaufmännische Ausbildung bedeutet eine solide berufliche Grundlage.»

Thomas Nikles «Eine kaufmännische Ausbildung bedeutet eine solide berufliche Grundlage.»

az Langenthaler Tagblatt

Für Thomas Nikles bietet deshalb eine kaufmännische Ausbildung nach wie vor eine gute Berufswahl. «Damit verfügt man über eine solide berufliche Grundlage. Als Kaufmann ist man später auch weniger blockiert als in andern, spartenspezifischen Berufen. Einem Kaufmann bieten sich viele Möglichkeiten, in andern Berufen Fuss zu fassen», betont der Vater dreier schulpflichtiger Kinder. Angehende Lernende müssten sich aber bewusst sein, dass es Ausbildungsplätze heute nicht mehr geschenkt gebe und diese für die jungen Berufsleute eine grosse Chance böten. «Von einem Lernenden erwarten die Unternehmen einen gewissen Durchhaltewillen, Ehrgeiz und Selbstdisziplin.» Für Thomas Nikles bedeutet eine Lehre aber nicht bloss Bildung, «die Lehrzeit erachte ich nach wie vor als eine sehr gute Lebensschule».