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Umzug ins Altersheim hinauszögern: Verwandte überwachen via Video – ist das rechtlich und moralisch vertretbar?

Spitex-Organisationen sehen sich mit videoüberwachten Klienten konfrontiert. Das wirft rechtliche und moralische Fragen auf.
Roman Schenkel
Eine Kamera filmt den Wohnbereich eines älteren Mannes. Der Zuschauer kann bei einem Notfall schnell einen Alarm auslösen. (Bild: Patrick Allard/Realaif)

Eine Kamera filmt den Wohnbereich eines älteren Mannes. Der Zuschauer kann bei einem Notfall schnell einen Alarm auslösen. (Bild: Patrick Allard/Realaif)

Die Handhabung ist einfach: Via App lässt sich per Klick in Echtzeit verfolgen, was sich so in den eigenen vier Wänden tut. Videoüberwachungen in privaten Räumen nehmen stark zu, das bestätigt Dario Zaugg, Geschäftsleitungsmitglied der Schliesstechnik- und Sicherheitsfirma Zaugg. «Wir haben im letzten Jahr rund 20 Prozent mehr Anlagen verkauft», sagt er.

In erster Linie dienen die Installationen dem Schutz vor Einbrechern, Videoüberwachung in privaten Räumen wird jedoch auch dafür eingesetzt, um ältere Angehörige zu überwachen. Spitex-Organisationen sehen sich regelmässig mit Klienten konfrontiert, die von ihren Angehörigen per Video überwacht werden. Es sei nicht die grosse Masse, betont eine Sprecherin von Spitex Schweiz. Dass Wohnungen oder einzelne Räume von Klienten durch Angehörige videoüberwacht werden; zum Beispiel, um bei einem Sturz schnell Hilfe organisieren zu können, komme aber vor.

Eine Umfrage bei den Spitex-Kantonalverbänden zeigt, dass die Spitex-Mitarbeitenden zunehmend Personen betreuen, die videoüberwacht werden. «Wir sind alle zwei Monate mit dieser Problematik konfrontiert», sagt etwa Ruth Weber vom Spitex Kantonalverband St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. Sie stellt eine leichte Zunahme bei der Videoüberwachung von älteren Personen in deren Wohnung fest. Weber geht aber davon aus, dass gerade bei Personen, die nicht von der Spitex betreut werden, die Videoüberwachung noch stärker verbreitet sein dürfte. «Es kommt oft vor, dass ältere Personen zu Hause bleiben möchten, die Familie aber weit weg wohnt. Wenn dann auch noch das soziale Netz in der Nachbarschaft fehlt, ist eine Videoüberwachung eine Möglichkeit, die Sicherheit der Angehörigen zu überwachen», sagt Weber. Ähnlich tönt es bei den Verbänden in Bern oder Baselland.

Ein Tuch oder ein Kleber schaffen Abhilfe

Für die Spitex stellen sich aufgrund der Videoüberwachung rechtliche Fragen. Denn laut Artikel 26 des Arbeitsgesetzes dürfen Überwachungs- und Kontrollsysteme, die das Verhalten der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz aufzeichnen sollen, nicht eingesetzt werden. Deshalb hat Spitex Schweiz Regeln eingeführt, wie die Mitarbeitenden mit dem neuen Trend umzugehen haben. «Wenn diese Überwachungs- oder Kontrollsysteme erforderlich sind, sind diese so anzuordnen, dass der Arbeitnehmer dadurch nicht beeinträchtigt wird. Das heisst, dass während der Anwesenheit der Spitex-Mitarbeitenden die Videokamera abgeschaltet oder so platziert wird, dass sich die Mitarbeitenden nicht beobachtet fühlen», sagt die Spitex-Sprecherin. Sei dies nicht möglich, sind die Mitarbeitenden berechtigt, beispielsweise durch ein Tuch oder mit einem Aufkleber die Videokamera abzudecken – oder sie auch abzuschalten. Das steht so auch in den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Spitex-Organisationen.

Den Umzug ins Altersheim hinauszögern

Für Patrick Fassbind, Leiter der Kesb Basel-Stadt, passt die Videoüberwachung ins Bild, dass die Betreuung im Alter möglichst lang zu Hause erfolgen soll. «Der Umzug ins Altersheim ist eine grosse Veränderung, die – solange es der Gesundheitszustand zulässt – zurecht erst als letztes Mittel in Betracht gezogen wird», sagt Fassbind. Angehörige versuchten dann die Betreuung möglichst gut wahrzunehmen. «Oft opfern sich Angehörige regelrecht auf», sagt er. Viele gelangten dabei zeitlich, psychisch und physisch an ihre Grenzen – «bis es nicht mehr geht». Statt für eine von den Betroffenen abgelehnte Heim- oder engmaschige Betreuung entscheide man sich dann allenfalls für eine Videoüberwachung, die Fassbind aber nicht als Massenphänomen bezeichnet.

«Diese Überwachung ist gut gemeint, sie ist ein Kompromiss, um einem Angehörigen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.» Sofern eine Videoüberwachung mit der Einwilligung der betroffenen und urteilsfähigen Person geschehe, spreche rechtlich nichts dagegen. Ethisch stellten sich aber einige Fragen. «Wer möchte schon permanent in seinen eigenen vier Wänden überwacht werden? Das ist ein krasser Eingriff in die Intimsphäre und menschenunwürdig», sagt Fassbind. Für ihn ist es zudem keine geeignete Massnahme. «Wenn die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann, dann ist eine engmaschige Spitex- oder Heimbetreuung notwendig», sagt er.

An einer Videoüberwachung zu Hause hat er zudem grundsätzliche Bedenken. «Mehr Sicherheit kann eine Videoüberwachung nicht gewährleisten.» Gerade diese müsste aber das Ziel sein, da Stürze im Alter häufig eine negative Gesundheitsspirale in Gang setzen würden. «Die Risiken eines Sturzes kann nur eine professionelle Betreuung minimieren», sagt Fassbind deshalb. Der Sturz ist der häufigste Unfall im Haushalt, im Garten und in der Freizeit. Jährlich stürzen in der Schweiz rund 280 000 Personen. Fast 1400 sterben an den Folgen, zu 96 Prozent ältere Personen.

Wie intelligente Lautsprecher einen Herzinfarkt erkennen

Die Digitalisierung ist längst im Wohnbereich angekommen. Die Waschmaschine, die sich via App programmieren lässt, der Toaster, der Punkt sieben Uhr Brote ausspuckt, oder Lichtsysteme, welche die Beleuchtung unserem Biorhythmus anpassen. Doch die Entwicklung im sogenannten Smarthome-Bereich geht rasend schnell weiter. Und neue Technologien sollen gemäss Experten unser Leben in Zukunft grundlegend verändern. Apple, Google und Amazon versuchen derzeit, mit ihren intelligenten Lautsprechern die Märkte zu erobern. Gemäss den Marktforschern von Canalys boomen die Geräte derzeit insbesondere in den USA und China. 2018 sollen weltweit über 114 Millionen Stück der «Smart Speaker» verkauft worden sein. 2019 solle sich die Zahl fast verdoppeln: 207 Millionen Stück sollen Ende Jahr zusätzlich in den Wohnzimmern stehen. Schon heute besitzen laut der Studie 21 Prozent der Amerikaner einen smarten Lautsprecher.

Ein Grossteil der Besitzer benutzt die Lautsprecher vornehmlich zum Musikhören. Doch die Lautsprecher können weit mehr – beispielsweise einen Tisch in einem Restaurant reservieren, ein Taxi rufen oder den Wetterbericht vortragen. Und das soll nur der Anfang sein: Gerade im Gesundheitsbereich sehen Entwickler viel Potenzial: So haben kürzlich Forscher der Universität Washington eine Software entwickelt, die anhand einem bestimmten Atemmuster erkennen kann, ob eine Person ein Herzinfarkt erleidet. Darauf holen sie automatisch Hilfe. Damit das System die Schnappatmung zuverlässig als Akustiksignal erkennt, wurden mehr als 83 Stunden Aufnahmematerial analysiert. In der Schweiz hatten die Smart Speaker bis heute gemäss Elektrohändler noch wenig Erfolg, weil die Funktionalitäten eingeschränkt waren. Das solle sich im Laufe des Jahres 2019 ändern, dann sollen auch die Verkaufszahlen anziehen. (rom)

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