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Rassismus-Weiterbildung: Für Starbucks steht viel auf dem Spiel

8000 amerikanische Starbucks-Filialen waren am Dienstag zu, weil die Belegschaft eine mehrstündige Weiterbildung über offenen und verdeckten Rassismus absolvierte.
Renzo Ruf, Washington
Eine Passantin steht bei Starbucks vor verschlossenen Türen. (Bild: Tracie van Auken/Key (Philadelphia, 29. Mai 2018))

Eine Passantin steht bei Starbucks vor verschlossenen Türen. (Bild: Tracie van Auken/Key (Philadelphia, 29. Mai 2018))

Der Anruf an die Polizei erfolgte, einige wenige Minuten nachdem die beiden 23-jährigen Afroamerikaner die Starbucks-Filiale beim Rittenhouse Square in Philadelphia (Pennsylvania) betreten hatten. Zwei Kunden hätten sich geweigert, einen Kauf zu tätigen oder das Café zu verlassen, sagte die Managerin der Notrufzentrale, und verlangten Hilfe. Also schritt die Polizei ein, rückte in den Starbucks im noblen Stadtviertel Rittenhouse Square aus und nahm die beiden jungen Männer fest.

Später gaben Donte Robinson und Rashon Nelson zu Protokoll, dass sie im Kaffeehaus nur auf einen Geschäftspartner gewartet hätten, mit dem sie einen Immobiliendeal einfädeln wollten. Sie hätten sich weder auffällig noch unhöflich benommen.

Alle dürfen die Toiletten benutzen

Diese blamable Episode – für die sich sowohl Starbucks als auch die Stadtpolizei von Philadelphia öffentlich entschuldigen mussten – hat nun, sechs Wochen später, ein Nachspiel. Gestern Nachmittag schloss Starbucks sämtliche 8000 US-Filialen, die sich im Besitz des Konzerns befinden, um mit den annähernd 175'000 Angestellten über expliziten und impliziten Rassismus zu sprechen. Von dieser Zwangsschliessung nicht betroffen waren die 7000 Starbucks-Filialen, die von Geschäftspartnern betrieben werden und sich zum Beispiel in Hotels oder Supermärkten befinden. Ebenfalls nicht betroffen waren Filialen ausserhalb der USA.

Zudem stellte Starbucks eine Anpassung der Geschäftspolitik in Aussicht: Künftig stünden die Toiletten in den 8000 US-Kaffeehäusern, die sich in Konzernbesitz befänden, jedermann (und jederfrau) zur Verfügung – nicht nur den zahlenden Kunden, sagte der langjährige Konzernchef Howard Schultz.

Der gestrige Kurs fand hinter verschlossenen Türen statt, und Medienschaffende waren nicht zugelassen. Vorige Woche gab die Kaffeehaus-Kette aber einen kurzen Einblick in die multi­medialen Schulungsunterlagen; demnach standen vor allem die Erfahrungen im Zentrum, die junge Afroamerikaner im öffentlichen Raum machen.

Baristas am Anschlag

Für Starbucks steht bei dieser etwas hilflos wirkenden PR-Veranstaltung viel auf dem Spiel. Denn der Milliardenkonzern leitet aus dem öffentlichen Raum – im Sprachgebrauch der Kaffeehauskette «Third Place» genannt, in Anlehnung an einen Begriff, der durch den Soziologen Ray Oldenburg geprägt worden war – sozusagen seine Existenzgrundlage ab. In den Worten von Howard Schultz ist der «Third Place» derjenige Ort, an dem sich Amerikaner aufhalten, die nicht gerade im Büro oder zu Hause sind. Inspiriert von italienischen Kaffeehäusern, machte sich Schultz in den Achtzigerjahren daran, in anonymen Grossstädten wie Seattle oder Chicago künstliche Begegnungsräume zu schaffen; später wurde dieses Konzept, das für das Amerika der Gegenwart doch recht revolutionär war, in die Provinz exportiert.

In der Praxis zeigte sich, dass sich die Vision von Schultz in wohlhabenden Vierteln problemlos umsetzen liess. So gleichen die Starbucks in den Vororten von Washington in der Tat einer Mischung aus Büros, Schule und Begegnungsort – eine lebendige Mischung aus Lernstätte und Schwatzbude. Schwieriger gestaltet sich die Umsetzung der Vision in Ortschaften, in denen soziale Spannungen an der Tagesordnung sind und in denen zum Beispiel Obdachlosigkeit ein grosses Problem darstellt. In diesen Starbucks kommen die Baristas häufig an den Anschlag. Auch deshalb sah sich Starbucks in den vergangenen Tagen gezwungen, zu präzisieren, dass die Politik der offenen (WC-)Türen natürlich nicht für Menschen gälte, die in den Toiletten illegalen Aktivitäten nachgehen wollten.

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