Domenico Scala

«Vielleicht heisst die nächste grosse Pharmafirma Google»

Der Basler Standortpromoter Domenico Scala sieht enorme Veränderungen in der Life-Science-Branche.

Stefan Schuppli
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Domenico Scala: "Die Industrien, die eine Vermittlungsfunktion haben, trifft es zuerst."

Domenico Scala: "Die Industrien, die eine Vermittlungsfunktion haben, trifft es zuerst."

Keystone

Herr Scala, vom digitalen Aufbruch werden alle Industriezweige gefordert sein – welche kommen zuerst und welche trifft es am stärksten?

Domenico Scala: Die Industrien, die eine Vermittlungsfunktion haben, trifft es zuerst. Das betrifft Informationen, Datenübermittlung und Dienstleistungen. Und natürlich die Medien – das Problem kennen Sie. Diese Branchen werden als erste erfasst. Und dort gibt es auch die disruptivsten Entwicklungen, also Brüche. Das bekommen vor allem die Printmedien zu spüren. Dann gibt es Branchen, die sind mehrheitlich in einer analogen Welt tätig. Dazu zählt zum Teil auch die Pharmabranche, denn hierbei geht es um die Behandlung eines Patienten. Die Behandlung erfolgt analog, er wird körperlich untersucht, er nimmt Medikamente.

Aber trotzdem werden Daten auch in der Pharmabranche immer wichtiger.

Völlig richtig. Wir haben in den vergangenen 10 bis 15 Jahren auf der Technologieseite bei Pharma eine gewaltige Entwicklung gesehen. Wir wissen viel mehr über Ursache-Wirkung-Mechanismen von Krankheiten. Und man kann sie individualisieren und personalisieren. Der neue Fachbegriff heisst «Precision Medicine». Die Datenverarbeitung selbst machte in den vergangenen Jahren ebenfalls Schübe. Pharma und diese Datenverarbeitung – Stichwort «Big Data» – werden immer mehr verzahnt, und die Wertschöpfung wird sich auch verändern. Der Wert der Medikamentenentwicklung wird teilweise ersetzt durch den Wert der Datenverarbeitung und der damit verbundenen Diagnostik. Diese wird vielleicht sogar wichtiger als die Herstellung der Medikamente selber.

Bei der personalisierten Medizin werden doch die Stückzahlen der hergestellten Tabletten, Dosen etc. viel tiefer, weil sie auf Individuen oder Personengruppen zugeschnitten sind?

Das stimmt und das kann auch das Mengengerüst der verkauften Medikamente verändern. Aber der Wert eines Medikamentes hängt nicht primär vom Verkaufsvolumen ab, sondern von seiner Wirkung. Das Medikament ist letztlich der Träger des Wissens, das durch die Forschung gewonnen wurde. Das heisst, wenn man Patientengruppen gezielter und effektiver mit weniger Medikamenten besser heilen kann, dann bekommt die einzelne Pille einen höheren Wert. Zudem sind die Produktionskosten nicht der entscheidende Faktor. Der entscheidende Faktor ist das Know-how, das im Medikament steckt.

Nochmals zum Patentschutz. Die Pharmaindustrie profitiert davon, aber jetzt wird die Pharmawelt mit jener von «Big Data» verzahnt, Daten und Algorithmen werden intelligent verknüpft. Algorithmen sind aber nicht patentierbar. Womit muss die Industrie rechnen?

Man muss das, einfach erklärt, so sehen: Mit der Erteilung eines Patents muss die Firma quasi ihr erforschtes Wissen offenlegen. Sie erhält dafür die Möglichkeit, das Know-how exklusiv für eine bestimmte Zeit zu verwerten. Bei «Big Data» und den Algorithmen gibt es keinen solchen Patentschutz. Eine Firma wird also den Besitz der Daten und die entsprechenden Algorithmen geheim halten und sie auch nicht teilen. Es ist daher ein Szenario denkbar, dass im Rahmen der Wertschöpfungskette der Precision Medicine, derjenige Mitspieler, der die Daten besitzt und verwertet, einen höheren Anteil an der Wertschöpfung generieren könnte als der andere mit dem Patentschutz. In diesem Fall verschiebt sich das Gewicht auf die Seite des Datenbesitzers und -verarbeiters. Damit würde das Element des Geschäftsgeheimnisses wichtiger als das des Patentschutzes. In meinen Referaten pflege ich provokativ zu sagen: Vielleicht heisst die nächste grosse Pharmafirma Google. Wir wissen es nicht, aber es soll zum Denken anregen.

Die Daten sind nicht mehr öffentlich, sie werden nicht mehr geteilt. Was bedeutet das?

Das Monopol dieses Datenbesitzers währt ewig, es ist nicht durch eine Patentfrist beschränkt.

... bis jemand kommt, der etwas Besseres erfindet.

Ja, oder bis der Regulator kommt und die Machtstellung des Anbieters zerschlägt. Wir haben das ja in der frühen Phase der Industrialisierung auch erlebt. Da wurden Konzerne wie Standard Oil aufgebrochen.

Da dürfte wohl noch einiges auf uns zukommen?

Das sind natürlich langfristige Prozesse. In der kurzen Frist wird es wohl keine dramatischen Veränderungen geben.

Welche Fragen stellen sich im Rahmen der Digitalisierung für den Patienten oder die Nutzer des Gesundheitssystems?

Eine ganze Reihe, und es gibt keine simplen Antworten. Stellen Sie sich vor, Sie haben die Möglichkeit, sämtliche Patientendaten zu verarbeiten. Wem gehören diese Daten? Wo liegen sie? Wird der Patient gefragt? Wird der Patient ermächtigt, zu sagen, wem die Daten weitergegeben werden? Datenerhebung kann auch problematisch werden, wenn die Daten in falsche Hände gelangen. Wenn ich etwa wüsste, dass ich mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent in 20 Jahren Alzheimer bekomme, nützt mir das persönlich nichts. Aber wenn es ein potenzieller Arbeitgeber oder Versicherer weiss, kann mir dies möglicherweise schaden. Precision Medicine bietet also grosse Chancen für die Behandlung von Krankheiten, aber es stellen sich auch neue Fragen und Risiken.