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Vincenz arbeitete in Haft fünf Stunden pro Tag und konnte ein TV-Gerät mieten

Am Dienstag wurde Ex-Raiffeisenchef aus der Untersuchungshaft in Zürich entlassen. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe weist er zurück und kritisiert die Haftbedingungen. Diese waren aber nicht so hart, wie in den Medien dargestellt wurde.
Roman Schenkel
Ist wieder in Freiheit und erholt sich an einem geheimen Ort: Pierin Vincenz, ehemaliger Raiffeisenchef. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zürich, 2. März 2012))

Ist wieder in Freiheit und erholt sich an einem geheimen Ort: Pierin Vincenz, ehemaliger Raiffeisenchef. (Bild: Gaetan Bally/Keystone (Zürich, 2. März 2012))

106 Tage war er weggesperrt, am Dienstag wurde Pierin Vincenz aus der Untersuchungshaft entlassen. Der ehemalige Raiffeisenchef inszenierte seine Freilassung gross in der Mittwochausgabe des «Blick», zudem schickte Vincenz via privater Kommunikationsagentur eine Medienmitteilung in die Redaktionsstuben. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestreitet Vincenz nach wie vor. «Die Eröffnung des Strafverfahrens kam für mich völlig überraschend», schreibt er. Er werde sich mit «allen Mitteln» dagegen wehren. Damit geht er auf Konfrontationskurs zur Zürcher Staatsanwaltschaft.

Diese bestätigte am Mittwoch die Freilassung von Vincenz, wie auch die von seinem ehemaligen Geschäftspartner Beat Stocker. Die aufwendige Untersuchung sei dank intensiver Ermittlungen bereits weit fortgeschritten, so dass die Beschuldigten unter Auflage verschiedener Ersatzmassnahmen aus der Haft entlassen werden konnten. «Die Ermittlungen gegen sämtliche Beschuldigten sind nach wie vor im Gange», betonte die Staatsanwaltschaft. Ob und wann es zur Anklage kommt, ist offen.

Für hundert Übernahmen in seiner Zeit als Chef der Raiffeisen-Gruppe und Präsident der Kreditkarten-Abrechnungsfirma Aduno ist Pierin Vincenz verantwortlich. Mit drei Übernahmen - Investnet, Comtrain und Eurokaution - ist die Zürcher Staatsanwaltschaft beschäftigt, um die übrigen dreht sich eine interne Untersuchung von Raiffeisen. Der Vorwurf: Vincenz und Stocker sollen sich privat bereichert haben.

Die Zellentür war ab dem Morgenessen geöffnet

Vincenz soll sich nun sich mit seiner Partnerin an einen geheimen Ort zurückgezogen haben, wo er sich von den Strapazen der letzten Wochen in aller Ruhe erholen will. Die Haftbedingungen haben an seinen Kräften gezehrt. «Was ich in den letzten Wochen erlebt habe, wünsche ich niemandem», schreibt er. Vincenz sass seit dem 27. Februar in einem Zürcher Gefängnis. Laut «Blick» auf dem Zürcher Kasernenareal. Die Untersuchungshaft bezeichnet Vincenz als «unnötig» und die Länge als «völlig unverhältnismässig». Sogar seinen 62. Geburtstag am 11. Mai musste er in seiner Zelle verbringen.

Dass er täglich 23 Stunden eingesperrt und nur eine Stunde Freigang pro Tag gehabt haben soll, wie am Mittwoch zunächst von verschiedenen Medien berichtet wurde, ist allerdings nach Auskunft der Behörden falsch. «Pierin Vincenz konnte die Zelle täglich für mindestens 5 Stunden zur Ausübung einer Tätigkeit verlassen», sagt Rebecca de Silva, Sprecherin des Zürcher Amts für Justizvollzug auf Anfrage. Ausserdem habe es für Vincenz Gruppenvollzug gegeben. Das heisst, die Zellentüren waren vom Morgenessen bis zum Abendessen offen. Der «bekannteste Häftling in Untersuchungshaft» hatte die Möglichkeit sich in einem Gruppenraum aufzuhalten und mit anderen Häftlingen zu interagieren. Die Sprecherin des Amts für Justizvollzug korrigiert auch die kolportierte Grösse seiner Zelle: «Die Einzelzelle in besagtem Gefängnis ist 12, nicht 10 Quadratmeter gross, die Doppelzelle hat 16 Quadratmeter», sagt sie. In welcher Zelle Vincenz einsass, wird nicht kommuniziert.

TV und Zeitungen - aber keine Online-Medien

Vincenz wusste sehr genau, was draussen vor sich ging. In der Zürcher Haftanstalt konnte er für einen Franken pro Tag ein Fernsehgerät mieten. Auch können Häftlinge laut de Silva in Untersuchungshaft im Kanton Zürich sämtliche Printmedien, sofern am Kiosk erhältlich, kaufen. Einzig der Zugang zum Internet - und damit auch zu Online-Medien - ist ihnen verwehrt.

Dass der ehemalige Raiffeisenchef deutlich länger in Untersuchungshaft sass als der Durchschnitt, ist nicht von der Hand zu weisen. Vor allem wenn man sein mutmassliches Vergehen in Relation mit einem Kapitalverbrechen setzt. Nach Erhebungen des Bundesamts für Statistik (BFS) betrug die mittlere Haftdauer im Jahr 2017 gesamtschweizerisch 37 Tage. Die Dauer ist in der Vergangenheit deutlich kürzer geworden - 2007 lag sie noch bei 55 Tagen.

Untersuchungshaft einmal verlängert

Dass die Länge bei Vincenz auffällig ist, trifft jedoch nicht zu. Bei 105'309 Verurteilungen wegen Verbrechen und Vergehen wurde 2017 in 19'444 Fällen Untersuchungshaft angeordnet. Diese dauerte in 14'685 Fällen bis zu zwei Tage, das heisst in drei Vierteln der Fälle wurde beim Zwangsmassnahmengericht gar kein Haftantrag gestellt. Laut BFS sassen 994 Personen zwischen drei und sechs Monaten – also ähnlich lang wie Vincenz – in Untersuchungshaft. In 1195 Fällen dauerte die Haft länger als sechs Monate. Die Dauer der Untersuchungshaft ist gesetzlich nicht bestimmt. Sie ist ungewiss und vom Einzelfall abhängig. Sie ist aber stets befristet und kann nur vom Zwangsmassnahmengericht verlängert werden. Im Fall von Vincenz und Stocker wurde die Untersuchungshaft einmal verlängert, und zwar am 16. Mai.

Dauer der Untersuchungshaft

2017 sassen in der Schweiz insgesamt 19444 Personen vor ihrer Verurteilung in Untersuchungshaft (in Tausend)
051015bis 2 Tage3 Tage bis eine Woche1 Woche bis 1 Monat1 Monat bis 3 Monate3 Monate bis 6 Monate6 Monate bis 1 Jahrmehr als 1 JahrZeitraum

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