Vogels’ Visionen: Der Technologiechef von Amazon sagt, warum wir künftig mit Computern sprechen werden

Werner Vogels ist Technologiechef von Amazon. Er glaubt, dass wir künftig viel natürlicher mit unseren digitalen Assistenten kommunizieren werden. Die Revolution wäre nicht die erste, die der Internetgigant anstösst. Eine Warnung hat er für den Schweizer Bankenplatz.

Fabian Hock
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Glatze, Bart und T-Shirt: Werner Vogels ist Technologiechef und Chefvisionär von Amazon.

Glatze, Bart und T-Shirt: Werner Vogels ist Technologiechef und Chefvisionär von Amazon.

Bild: Harry Murphy/Getty Images

Mit geschlossenen Augen sitzt Werner Vogels hinter einem kleinen Tisch im Nebenraum des Worldwebforum in Zürich. Kurz durchatmen zwischen zwei Terminen. Vor sich ausgebreitet liegen ein paar Notizen, die er sich im Hotel gemacht hat – das verrät der Stempel auf den gelben Zetteln. Vogels ist gross, massig, trägt T-Shirt, Glatze und Fünf-Tage-Bart. Eine imposante Erscheinung. Was man ihm auf den ersten Blick nicht ansieht: er ist einer der wichtigsten Manager beim amerikanischen Internetgiganten Amazon.

Technologiechef steht auf der Visitenkarte des 61-Jährigen. Er ist aber zugleich so etwas wie der Chefvisionär des Konzerns. Vogels hat die Amazon-Cloud mit erfunden. Der Datenspeicher, um den sich die Amazon-Tochter Amazon Web Services (AWS) kümmert, ist heute der grösste überhaupt im Internet. Mit der Cloud, sagt Vogels, «haben wir die digitale Welt revolutioniert». Das Serienportal Netflix, der Musikdienst Spotify oder die Taxi-Alternative Uber – all das gebe es ohne Cloud so nicht. Und dies wiederum käme dem Konsumenten entgegen, meint der Holländer – profitiert der private Nutzer doch besonders von den neuen Möglichkeiten aus der Datenwolke.

Dank Cloud würden künftig immer mehr innovative Produkte auf den Markt kommen, ist Vogels sicher. Kleine Firmen könnten einfach loslegen, ohne grosse Investitionen in IT zu tätigen. Mehr und mehr von ihnen drängen daher auf den Markt. Das hat Auswirkungen auf die grossen, etablierten Unternehmen, denn wenn die teure Infrastruktur nicht mehr nützt, um die eigenen Produkte gegen kleinere Konkurrenten zu schützen, dann müssen Grosskonzerne wieder selbst innovativ werden, meint er. Etwa im für die Schweiz so wichtigen Bankensektor. Konkurrenz für Schweizer Grossbanken kommt heute – und noch mehr in Zukunft – auch von kleineren Startups, die eine bestimmte Sache besonders gut machen, zum Beispiel internationalen Zahlungsverkehr einfacher abwickeln. Banken, Energieversorger, Autohersteller – sie alle werden innovativer werden müssen, um in dem neuen Umfeld mit veränderten Vorzeichen bestehen zu können, meint der Amazon-Technikchef.

Der nächste grosse Schritt

Klar ist, IT-Riesen wie Facebook, Google und eben Amazon haben mit Hilfe der Cloud binnen kurzer Zeit nicht nur die gesamte Wirtschaftswelt auf den Kopf gestellt. Sie haben auch die Art, wie wir heute Einkaufen oder Medien konsumieren radikal verändert. Weniger klar ist freilich, was als nächstes kommt. Doch Vogels hat da so eine Ahnung.

Die heutige Cloud-Technologie ermöglicht es, Daten in Echtzeit zu verarbeiten und dem Nutzer entsprechend schnell einen Mehrwert zu bieten. Wie das konkret ausschaut? «Alexa, schliesse die Storen, dimme das Licht und schalte CNN ein.» Alexa ist Amazons Sprachassistent. Mittels intelligenter Lautsprecher, von denen Amazon laut eigenen Angaben mehr als 100 Millionen Stück verkauft hat, kann der Nutzer das eigene vernetzte Zuhause steuern lassen, den Wetterbericht abrufen oder Kochrezepte abfragen. Künftig, sagt Vogels, soll Alexa noch eine wesentlich grössere Rolle in unserem Alltag spielen.

Was ist die natürlichste Art der Interaktion? Eine Konversation.

Mit Alexa versucht Amazon die Art zu verändern, wie wir mit Computern kommunizieren. Der Technikchef setzt grosse Hoffnungen in die Sprachsteuerung. Aus einem simplen Grund: Reden ist viel natürlicher als tippen, sagt Vogels. «Heute interagieren wir über Tastatur, Maus oder über unsere Smartphones mit unseren digitalen Assistenten.» Die Möglichkeiten, die wir haben, sind begrenzt. «Was ist die natürlichste Art der Interaktion?», fragt Vogels. «Das, was wir hier machen», sagt er. «Eine Konversation.»

Dies soll immer mehr auch mit Computern möglich sein. Alexa, so seine Prognose, wird sich ganz natürlich in die Umgebung zu Hause einfügen. Wer einen smarten Lautsprecher hat, werde bald nicht mehr das Handy zücken, um online etwas zu suchen. Das sei besonders auch für jene gesellschaftlichen Gruppen interessant, für die eine Kommunikation via Tastatur herausfordernd wäre – Kinder, Ältere, oder viele Menschen in Entwicklungsländern, in denen die Analphabeten- Quote sehr hoch ist. Für alle jene ist Sprechen die natürlichste Form der Interaktion – und funktioniere deshalb auch mit digitalen Assistenten am besten. «Geben Sie Ihrer Grossmutter ein iPad und sie wird bestenfalls auf das Skype-Icon klicken», sagt er. Viel einfacher wäre es doch, wenn sie dem Gerät sagen könnte: «Zeige mir die Familienfotos aus den letzten Ferien.»

Alexa kommt mit. Überall hin.

Hierzulande ist der mit der Cloud verbundene Lautsprecher weniger verbreitet als in den USA. Und auch dort ist Alexa immer noch eher eine kleine Helferin im Alltag als die grosse, revolutionäre künstliche Intelligenz. Doch das soll sich ändern. «Die Spracherkennung kann in alle Arten von Hardware integriert werden», sagt Vogels. Von Autos bis zu Kühlschränken. Kopfhörer erhalten einen Zugang zum digitalen Sprachassistenten. Vogels Vision: Alexa bleibt nicht zu Hause, wenn wir unterwegs sind. Sie kommt mit. Überall hin. Ins Auto, zum Joggen, ins Restaurant.

Führt das nicht zu Problemen? Hält man Vogels entgegen, dass derjenige, der solche Angebote nutzen will, ein grosses Stück der eigenen Privatsphäre opfern muss, sagt der nur: «Warum?» Das Gerät nehme nichts auf, bis ein zuvor eingestelltes Aufwach-Wort fällt. «Alexa», zum Beispiel. Ausserdem gebe es einen physischen Knopf, der sämtliche Mikrophone abstellt. Wer Privatsphäre wolle, bekomme sie.

Bei sich zu Hause nutze er diesen Knopf regelmässig, sagt Vogels. «Wir reden viel über Alexa und wollen natürlich nicht, dass sie jedes Mal aufwacht, wenn ihr Name fällt. Vogels streckt den Arm aus, drückt auf einen imaginären Knopf und sagt: «Alexa, sei still».

Wie die Cloud die Wirtschaft umkrempelt

Für Start-ups geht es gar nicht mehr ohne, aber auch Traditionsfirmen setzen immer stärker auf die Datenwolke. Wer etwa in der SBB-App eine Zugverbindung sucht, surft direkt durch die Cloud des weltgrössten Anbieters Amazon. Und die Entwicklung steht erst am Anfang.
Fabian Hock