Abgas-Skandal
Volkswagen-Mitarbeiter fürchten nach Abgas-Skandal harte Einschnitte

Der Abgas-Skandal kostet Volkswagen laut Experten bis zu 50 Milliarden Euro. Die VW-Spitze bereitet die Belegschaft auf Einschnitte vor.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Ein VW-Mitarbeiter arbeitet an einem Dieselmotor im Volkswagen-Werk Salzgitter. (Archiv)

Ein VW-Mitarbeiter arbeitet an einem Dieselmotor im Volkswagen-Werk Salzgitter. (Archiv)

KEYSTONE/EPA/JULIAN STRATENSCHULTE

Die Verunsicherung bei den weltweit 600'000 VW-Mitarbeitern ist immens. Mehr als 20'000 Konzern-Mitarbeiter strömten gestern zur Betriebsversammlung in eine Werkshalle im Wolfsburger VW-Werk. Die Mitarbeiter treiben existenzielle Fragen um: Werden Stellen gestrichen? Wird bei den Lohnkosten gespart? Durch die deutschen Medien kursierten zuletzt wilde Spekulationen. Experten bezeichnen den bei VW durch den Manipulationsskandal verursachten Schaden auf nahezu 50 Milliarden Euro, eine gewaltige Summe, die deutlich macht, dass die Krise bei Europas grösstem Autobauer nicht ohne Einschnitte bewältigt werden kann. Die «Süddeutsche Zeitung» sinniert, dass VW im äussersten Notfall eine oder mehrere seiner zwölf Markentöchter verkaufen könnte, das Blatt nannte dabei Luxus-Marken wie Bentley, Bugatti oder Lamborghini oder die Lastwagen-Töchter MAN und Scania.

Zumindest vorerst sollen bei VW keine Jobs gestrichen werden. Das sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh am Dienstag bei der Betriebsversammlung. Allerdings verwendete er das Wörtchen «noch», als er meinte: «Derzeit, das ist die gute Nachricht, gibt es noch keine Konsequenzen für Arbeitsplätze.» Sollte sich die von der Landesbank Baden-Württemberg geschätzte Schadenssumme von 47 Mrd. Euro bewahrheiten, müsste VW entweder bei Forschung oder beim Personalbestand sparen oder die für die nächsten vier bis fünf Jahre geplanten Investitionen von 100 Milliarden Euro herunterschrauben.

Investitionen auf dem Prüfstand

Laut der «Süddeutschen Zeitung» hat VW derzeit 18 Milliarden Euro in der Kasse, hinzu kommen weitere Milliarden an Wertpapierbeständen und Beteiligungen. Der neue VW-Chef Matthias Müller kündigte gestern jedenfalls weitreichende Einschnitte an. «Alle geplanten Investitionen» würden nochmals auf den Prüfstand gestellt. «Was nicht zwingend nötig ist, wird gestrichen oder geschoben. Das wird nicht ohne Schmerzen gehen.»

Ungemach droht dem Konzern auch von anderer Stelle. Heute soll an der nächsten Krisensitzung des Aufsichtsrates der bisherige Finanzchef Hans Dieter Pötsch als Aufsichtsratsvorsitzender gewählt werden. Er soll als Oberkontrolleur über einen Konzern fungieren, dem er selbst seit 12 Jahren angehört. Die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» argwöhnt, dass die Wahl kein Indiz für Selbstreinigung beim Konzern sei. «Pötsch hat einzig einen Zettel unterschreiben müssen, dass er nichts von der Manipulation der Motoren mitbekommen hat. Das wars.» Die Zeitung berichtet, dass mehrere hohe VW-Manager verwickelt sind. «Die These, alles sei nur das Werk von ein paar kriminellen Entwicklern, ist nicht haltbar», zitiert das Blatt anonym einen eingeweihten VW-Mitarbeiter.

Unterdessen läuft bereits die zweite Anzeige in der Schweiz: Die Konsumentenorganisation FRC hat am Montag Strafanzeige im Kontext des Abgasskandals eingereicht. Die Anzeige wegen Verletzung des Bundesgesetzes gegen unlauteren Wettbewerb richtet sich gegen unbekannt. «Wir wollen den Sachverhalt und die Verantwortlichkeiten festlegen und damit den Weg ebnen, damit die Opfer selbst klagen können», sagte FRC-Generalsekretär Mathieu Fleury am Dienstag der Nachrichtenagentur SDA. Zuvor hatte die Westschweizer Zeitung «Le Matin» über die Klage berichtet.

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