Banken
«Volles Vertrauen» für Raiffeisen-Chef Patrik Gisel gilt nicht absolut

Eine unabhängige Untersuchung wird die Rolle des Raiffeisen-CEOs klären müssen.

Beat Schmid
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Der neue Präsident Pascal Gantenbein und CEO Patrik Gisel: Wie lange arbeiten sie wohl zusammen?Walter Bieri/Keystone

Der neue Präsident Pascal Gantenbein und CEO Patrik Gisel: Wie lange arbeiten sie wohl zusammen?Walter Bieri/Keystone

KEYSTONE

Nach der gestrigen Pressekonferenz von Raiffeisen Schweiz gab es mehr Fragen als Antworten. Nach dem Rücktritt des Präsidenten Johannes Rüegg-Stürm waren die Augen auf den neuen Interims-Präsidenten Pascal Gantenbein gerichtet und auf Raiffeisen-CEO Patrik Gisel, der ebenfalls nach Zürich reiste. Während Gantenbein einigermassen unbeschwert auftrat – er wurde erst letztes Jahr in den Verwaltungsrat gewählt –, war die Aufgabe für CEO Gisel deutlich schwieriger. Dieser war während Jahren Vincenz’ Stellvertreter und hat ein entsprechendes Glaubwürdigkeitsproblem.

Zwar sprach der neue Präsident Gisel im Namen des Verwaltungsrats das «volle Vertrauen» aus. Doch dieses gilt nicht absolut. Gantenbein hat eine unabhängige Untersuchung der Ära Vincenz versprochen, die auch die Rolle von Chef Gisel beleuchten wird. Keine drei Jahre soll untersucht werden, sondern schnell, versicherte Gantenbein. Liegt ihm etwas an seiner Reputation, muss Gantenbein schnell brauchbare Ergebnisse liefern.

In der Tat kommen fast täglich neuen Details ans Licht, wonach Patrik Gisel womöglich doch mehr wusste, als dieser stets behauptete. Das Branchenportal «Inside Paradeplatz» berichtete von einem gemeinsamen Nachtessen von Gisel mit Vertretern von Investnet und zitierte aus dem geheimen, von der Finma in Auftrag gegebenen Deloitte-Bericht, der Gisel in keinem guten Licht erscheinen lässt. Der damalige Stellvertreter von Vincenz sei 2011 eingespannt worden, die Verhandlungen für den Kauf von Investnet zu führen, nachdem Pierin Vincenz formell in den Ausstand trat, weil sein Compagnon Beat Stocker bereits an Investnet beteiligt war. Gisel tat dies, ohne Nachfragen zu stellen, wie der Bericht festhielt.

Aufsichtsrechtliche Fragen

Bereits zwei Jahre früher hätte Gisel besser nachgefragt. Im Jahr 2009 gab bankintern die Übernahme von Commtrain Card Solutions (CCS) durch Aduno zu reden, deren Präsident Vincenz war. Es gab Hinweise, dass der Deal unsauber abgewickelt wurde. Weil die Fragen auf Vincenz zielten, gab dieser über den damaligen Präsidenten drei Gutachten in Auftrag. Das wichtigste war jenes von Peter Forstmoser. Dieses stellte fest, dass Vincenz auf Käufer- und Verkäuferseite stand, dass er einen erheblichen Gewinn erzielte und dass er seine Beteiligung an CCS verschwieg.

Vincenz’ Verhalten stellt bankenaufsichtsrechtlich eine mögliche Verletzung der Gewähr für einwandfreie Geschäftstätigkeit dar. Gisel hatte Kenntnis von diesem Gutachten, doch er unternahm wieder nichts. Heute behauptet er, das Gutachten erst 2016 gelesen zu haben. Warum er die Lektüre nicht früher einforderte, bleibt sein Geheimnis. Es stellt sich die Frage, ob Gisel und der frühere Präsident nicht verpflichtet gewesen waren, das Gutachten der Finma zur Prüfung vorzulegen. Wer hat den Untersuchungsgegenstand definiert? Wer hat das Auftragsschreiben verfasst? Wer hat entschieden, ausgerechnet Peter Forstmoser zu beauftragen, obschon dieser in der gleichen Kanzlei wirkt wie Peter Honegger, der Vincenz in dieser Sache beriet? Die Bank wollte sich dazu nicht äussern.

«Gantenbein ist eine Übergangslösung»

Herr Fäs, Johannes Rüegg-Stürm ist als Präsident von Raiffeisen zurückgetreten. Was hat ihn zu diesem unvermittelten Gesinnungswandel geführt?

Rolf Fäs*: Der Rücktritt kam auch für mich sehr überraschend.

Betrachten Sie Pascal Gantenbein als Neuanfang oder als Übergangslösung?

Ich habe einen sehr guten Eindruck von ihm, ob er das Anforderungsprofil eines Präsidenten von Raiffeisen Schweiz erfüllt, ist für mich im Moment sehr schwierig abzuschätzen. Im Moment ist er sicher eine Übergangslösung.

Kennen Sie Pierin Vincenz persönlich?

Ja. Ich bin seit 2005 Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Aarau Lenzburg und hatte ab und zu mit ihm zu tun.

Die Raiffeisen hat über 250 kleine Genossenschaften. Müsste es nicht weniger, dafür grössere Genossenschaften geben, um mehr Einfluss zu haben?

Die 255 Genossenschaften sind in Regionalverbänden zusammengeschlossen. In der Vergangenheit konnte immer der nötige Nachdruck verliehen werden. Daniel Zulauf

* Rolf Fäs ist Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Aarau Lenzburg. Daniel Lüscher, der Bankleiter von Aarau Lenzburg, ist der einzige Bankvertreter im Verwaltungsrat der Raiffeisen-Zentrale. Er stand für ein Interview nicht zur Verfügung.