Analyse
Von aggressiven Schweden und Schweizer Granit

Fabian Hock zur öffentlichen Forderung des Investors Cevian, ABB in zwei Teile zu spalten: «Einiges deutet darauf hin, dass Cevian mit seinem Vorhaben nicht durchkommt.»

Fabian Hock
Fabian Hock
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Schwenkt ABB auf die Cevian-Linie ein? Am 4. Oktober werden wir es wissen.

Schwenkt ABB auf die Cevian-Linie ein? Am 4. Oktober werden wir es wissen.

KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA BELLA

Ungewöhnliches passiert in dieser Woche. Der schwedische Investor Cevian, der 6,2 Prozent am Schweizer Industrieriesen ABB hält, spricht. Das macht er äusserst selten. Auch noch Klartext – was im Umfeld börsenkotierter Firmen insgesamt nicht unbedingt Amtssprache ist. Es habe viele Spekulationen gegeben hinsichtlich der Haltung Cevians zur strategischen Überprüfung der Stromnetzsparte von ABB, heisst es seitens des Investors. Im Zuge dieser prüft die ABB, ob sie die Division behalten will oder nicht. «Wir glauben es wäre hilfreich, unsere Position klar zu machen», so die Konsequenz.

Dafür hat Cevian ein knappes Papier aufgesetzt. Darin überrascht weniger die Forderung nach der Aufspaltung von ABB. Denn dass der Investor die Division Stromnetze vom Rest des Unternehmens getrennt sehen möchte, ist nunmehr seit Monaten ein offenes Geheimnis. Weniger offensichtlich war, welche Lösung Cevian für die dann abgetrennten Stromnetze vorschwebt. Jetzt ist klar: Ein Verkauf der Sparte an eine andere Firma ist nicht die favorisierte Variante. Stattdessen soll die Division als eigenständiges Unternehmen an die Börse. Die ABB-Aktionäre sollen zumindest vorläufig Eigentümer der neuen Gesellschaft bleiben. Eine eigene Geschäftsleitung hätte dann wesentlich mehr Kapazität für das Stromnetz-Geschäft, so die Idee. Bei der ABB in ihrer derzeitigen Struktur sind die Stromnetze schliesslich nur eine Division von vieren. Glaubt man Cevian, schlummert hier ein riesiges Potenzial: 35 Franken pro Aktie wären die beiden getrennten Divisionen in wenigen Jahren zusammenaddiert wert — momentan steht der Kurs bei Fr. 21.50. Bei der Berechnung, betont ein Sprecher, habe man sich an den von ABB selbst gesteckten Margenzielen orientiert. Mehr nicht. Und die Schweden stehen nicht alleine da: Kaum waren sie mit ihrer Forderung an der Öffentlichkeit, sprang ihnen der US-Fondsanbieter Artisan, der selbst 2,5 Prozent an ABB hält, zur Seite. Gestern nahm dann auch der zehntgrösste Anteilseigner Nordea die Konzernleitung in die Pflicht: Diese müsse die Vorteile des Zusammenbleibens
klar aufzeigen, mahnte Nordea.

Bislang stehen die Zeichen schlecht für Cevian

Die grosse Frage lautet nun: Schwenkt ABB auf die Cevian-Linie ein? Am 4. Oktober werden wir es wissen. Am Capital Markets Day in Zürich will ABB über das Ergebnis der Überprüfung der Division Stromnetze berichten. Einiges deutet aus heutiger Sicht jedoch darauf hin, dass Cevian mit seinem Vorhaben nicht durchkommt – sondern bei Management und Verwaltungsrat auf Schweizer Granit beisst. Was gegen die Spaltung spricht:

  • Die Analysten: In den Banktürmen der Londoner City, in Frankfurt und in Zürich beobachtet man die Entwicklungen im Vorfeld des 4. Oktober genau. Einige Analysten haben bereits die Abspaltung der Stromnetzsparte für unwahrscheinlich erklärt. Die französische Bank BNP Paribas etwa rechnet damit, dass das ABB-Management den Kapitalmarkttag nutzt, um die positiven Aussichten der Division herauszustellen — und dabei den Verkauf der Sparte ausschliesst. Die britische Bank Barclays sieht eine Möglichkeit für ABB, ein Wachstumsprogramm für die Stromnetze innerhalb der Konzerns zu verkünden. Und Goldman Sachs schreibt von einer «begrenzten Wertgenerierung» der potenziellen Abspaltung. Die von Cevian ins Spiel gebrachten 35 Franken pro Aktie scheinen demnach zu hoch angesetzt.
  • Die Energierevolution: Die Art, wie wir künftig Energie erzeugen (und dies in Teilen schon heute tun), unterscheidet sich grundsätzlich von jener zu der Zeit, als ein grosser Teil unserer Stromnetze und sonstiger Energieinfrastruktur gebaut wurde. Weltweit werden massenhaft dezentrale Stromerzeuger wie Solar- und Windkraftwerke zugebaut. Neue, intelligente Netze werden nötig, um dieser Energiewelt von morgen gerecht zu werden. Die Stromnetzsparte von ABB ist Weltmarktführer in diesem Gebiet. Sie verfügt über die beste Technologie. Ihren Kunden bietet die ABB diese Energieinfrastruktur sowie Automationslösungen aus einer Hand an. Energieversorger und Industriekonzerne kaufen das komplette Paket. Im April etwa lieferte ABB Komponenten aus beiden Teilbereichen für das Flutschutzprojekt MOSE nach Venedig. Spaltet der Konzern die Stromnetzsparte ab, lässt er sich hier Chancen entgehen.
  • Die Erfahrung: Letzteres wäre ABB beinahe schon einmal passiert: Im Jahr 2009 unterzog man die damals arg defizitäre Roboter-Sparte einer ähnlichen Überprüfung wie nun bei den Stromnetzen. Die Abspaltung wurde diskutiert — aber verworfen. Heute sind die Roboter ein Zugpferd des Konzerns.
  • Der Aktienkurs: Seit Anfang Jahr klettert die ABB-Aktie, von 16 auf über 21 Franken — doch sie ist längst nicht da, wo sie laut Cevian nach der Spaltung sein könnte. Entweder die Märkte glauben also nicht an das Wertsteigerungspotenzial der Spaltung, oder sie halten die Trennung für unwahrscheinlich.

Bedeckt hält sich derweil noch der grösste Anteilseigner Investor AB. Und überhaupt: Sicher ist in Sachen Stromnetze noch gar nichts, nach wie vor sind alle Optionen offen. Nur eines ist klar: Die Spannung in den kommenden zweieinhalb Wochen — sie wird weiter steigen.