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Von wegen Fachkräftemangel

Ein neuer Index zeigt: Manche Spezialisten sind im Schweizer Arbeitsmarkt allzu dünn gesät. Doch damit lässt sich noch kein generelles Manko an qualifizierten Berufsleuten feststellen.
Daniel Zulauf
In der Schweiz oft vergebens gesucht: Schweisser. (Bild: Peter Klaunzer)

In der Schweiz oft vergebens gesucht: Schweisser. (Bild: Peter Klaunzer)

Der Industrie fehle es an Informatikern, Technikern und Ingenieuren, diagnostizierte Hans Hess, Präsident des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallbranchen (Swissmem) erst vor wenigen Wochen. Überrascht hat er damit kaum jemanden. Denn Mangelerscheinungen im Personal treten naturgemäss deutlicher zu Tage, wenn ein beschäftigungsintensives Gewerbe wie die MEM-Industrie vom Krisen- in den ersehnten Wachstumsmodus umschaltet.

Spezialisten wie Informatiker, Techniker, Ingenieure, Ärzte und Treuhänder gibt es landesweit zu wenige. Das zeigt auch der neue «Fachkräftemangel-Index», den der Personalvermittler Adecco mit Unterstützung der Uni Zürich erarbeitet hat und jährlich fortschreiben will.

Das Problem dürfte uns für die Zukunft erhalten bleiben

Dass Adecco in der Studie vor ­allem den Fachkräftemangel betont, mag an deren Zielsetzung liegen. Die frühzeitige Erkennung von Berufsgruppen, die vom Fachkräftemangel besonders betroffen sind, sei zentral, lässt sich Adecco-Schweiz-Chefin Nicole Burth in der Medienmitteilung ­zitieren. «Nur so können Wirtschaft und Politik passende Massnahmen ergreifen.» Selbstredend interessieren sich Personalverleiher aber auch mehr für Berufe, in denen ihre Vermittlungstätigkeit infolge von Knappheitserscheinungen nützlich sein kann. Fakt ist aber, dass eine grosse Mehrheit der 120000 registrierten Arbeitslosen in der Schweiz über Berufsdiplome verfügt und dennoch ­keine Stelle hat. Aus dieser Perspektive liesse sich der Fachkräftemangel sogar als Randerscheinung bezeichnen. In der meist­gesuchten Berufsgruppe der Treuhänder treffen 600 gemeldete Stellenlose auf 2500 offene Stellen. In den Bauberufen (Maurer, Dachdecker etc.) gibt es für 20500 Arbeitslose gerade mal 3000 offene Stellen, wie Studienleiterin Buchs einräumt.

Dennoch ist der Fachkräftemangel natürlich kein Hirngespinst von einigen Personalvermittlern, die damit bloss ihre Existenzberechtigung untermauern wollen. Vielmehr handelt es sich um ein Phänomen, das die Wirtschaft und damit uns alle in Zukunft noch intensiv beschäftigen dürfte. Die Betonung liegt aber auf Zukunft. Das Bundesamt für Statistik erhebt seit vielen Jahren Daten zu den Rekrutierungsschwierigkeiten der Betriebe in der Schweiz. Auf die Frage, ob qualifiziertes Personal schwer oder gar nicht zu finden war, antworteten vor zehn Jahren fast genau gleich viele Unternehmen mit Ja wie heute (30,4 Prozent). Gewiss, ein Drittel ist kein geringer Wert, zumal dieser vor 15 Jahren erst halb so hoch war. Interessant ist an der BFS-Erhebung auch zu sehen, wie sich die Schwierigkeiten der Betriebe in der Personalrekrutierung während der Boomjahre 2003 bis 2007 markant verschärft haben. Hans Hess und seine Mitgliedsfirmen im Industrieverband dürften dies mit Blick auf den sich weiter beschleunigenden Aufschwung als unheilvolles Omen werten. Vermutlich hat der Verband auch aus diesem Grund eine breitangelegte Umschulungsinitiative lanciert mit deren Hilfe die MEM-Firmen den technologischen Strukturwandel für sich nutzen sollen. Es wird erwartet, dass die Digitalisierung zahlreiche Berufsfachleute freisetzen wird, weil deren Fertigkeiten im Zeitalter der Automatisierung nicht mehr gefragt sein werden. Swissmem will diese Berufsleute für ihre Betriebe nutzbar machen und in spezifischen Umschulungsprogrammen auf neue Tätigkeiten überführen. Wenn dieses Vorhaben gelingt, könnten die Ingenieure, Techniker und Informatiker in einigen Jahren aus den Spitzenplätzen im Fachkräftemangel-Index herausfallen.

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