Von wegen Flugscham: Jeden Tag fliegen 3500 Personen nach London-Heathrow

Neue Daten zeigen: Flugreisen an weit entfernte Orte boomen. Auf kürzeren Strecken luchst hingegen die Bahn Fahrgäste ab. Nun könnte der Reiseboom allerdings ein Ende finden.

Stefan Ehrbar
Drucken
Teilen
Neue Daten des Bundesamts für Statistik zeigen, wohin ab Schweizer Flughäfen geflogen wird und wie sich diese Zahlen verändert haben.
11 Bilder
Zu den Aufsteigern gehören viele Städte in Europa wie Warschau. Rund 270'000 Passagiere flogen 2019 dorthin – 20 Prozent mehr als 2018.
Ebenfalls hoch im Kurs: Philadelphia an der US-Ostküste. Die knapp 50'000 gezählten Passagiere entsprechen einem Plus von 24,8 Prozent.
Doha, der Hub der Airline Qatar, verzeichnet mit 193'000 Passagieren aus der Schweiz ebenfalls ein sattes Plus von 19,9 Prozent.
Ende 2018 eröffnete die Airline Edelweiss ihren Direktflug von Zürich nach Buenos Aires. 2019 wurden bereits über 27'000 Passagiere gezählt.
Ebenfalls beliebt: Die Domininikanische Republik (Bild). Der Flughafen Punta Cana zählte 44'000 Gäste aus der Schweiz – 20,6 Prozent mehr als 2018.
Mit 904'000 Personen reisten 2019 hingegen 5,2 Prozent weniger als 2018 auf dem Luftweg nach Berlin. Davon könnte die Bahn profitiert haben.
Mit 422'000 Gästen ab Schweizer Flughäfen verzeichnete auch Dubai, Hub der Airline Emirates, ein Minus von 7,0 Prozent.
Im Jahr 2019 waren zudem auch Flüge nach Peking weniger gefragt als 2018. Die 105'000 Passagiere entsprechen einem Minus von 6,7 Prozent.
Während das Zugangebot nach Paris immer beliebter wird, flogen mit 788'000 Passagieren 2,3 Prozent weniger nach Paris Charles de Gaulle.
Auch nach Hamburg wurden 2019 ab Schweizer Flughäfen weniger Gäste gezählt. 501'000 Passagiere entsprechen einem Minus von 6,0 Prozent.

Neue Daten des Bundesamts für Statistik zeigen, wohin ab Schweizer Flughäfen geflogen wird und wie sich diese Zahlen verändert haben.

Der Debatte um den Klimawandel zum Trotz: Jeden Tag flogen im letzten Jahr durchschnittlich 3500 Personen ab Schweizer Flughäfen nach London-Heathrow. Die Verbindung war mit ihren insgesamt 1,25 Millionen Gästen die beliebteste Flugstrecke aus der Schweiz. Im Vergleich zum Vorjahr flogen noch einmal 1,3 Prozent mehr Passagiere an den grössten Flughafen Englands, wie neue Zahlen des Bundesamt für Statistik zeigen.

Die beliebtesten Destinationen in Europa

Passagiere ab Schweizer Flughäfen 2019
Flughafen Passagiere ggü. 2018
London Heathrow 1 255 566
+1,3%
Amsterdam Schiphol 1 066 357
+0,7%
Barcelona 826 073
-0.8%
Paris Charles De Gaulle 787 881
-2.3%
Wien 754 469
-1.1%

Auf anderen Verbindungen hingegen setzten sich Schweizer deutlich weniger häufig ins Flugzeug. Auf den Flügen an die beiden Berliner Flughäfen wurden noch gut 900'000 Passagiere gezählt. Das entspricht einem Minus von 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Immer weniger Fluggäste wurden auch nach Rom (-9,7 Prozent), Hamburg (-6,0 Prozent), Venedig (-2,5 Prozent) oder Paris Charles de Gaulle (-2,3 Prozent) registriert.

Ein Teil des Verlustes dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sowohl die Lufthansa-Billigtochter Eurowings als auch Easyjet im letzten Jahr Verbindungen ab dem grössten Schweizer Flughafen in Zürich strichen. Easyjet fliegt nicht mehr von Zürich nach Hamburg und Venedig. Demnächst gibt der Billigflieger auch seine Route Zürich-Amsterdam auf.

Die beliebtesten Destinationen in Asien und Afrika

Passagiere ab Schweizer Flughäfen 2019
Flughafen Passagiere ggü. 2018
Dubai 422 487
-7.0%
Tel Aviv 339 301
+1,8%
Singapur 250 454
+5,3%
Bangkok 221 464
-1.2%
Hong Kong 202 839
+6,5%

Andererseits betreffen die rückläufigen Zahlen aber besonders Destinationen, die auch mit dem Zug innert weniger Stunden erreichbar sind. Zeigt die Klima-Diskussion also erste Folgen? Bei der grössten Schweizer Airline Swiss heisst es, aus wettbewerbstaktischen Gründen äussere man sich nicht zur Entwicklung auf einzelnen Linien. Anders tönt es bei der SBB. Sprecherin Sabine Baumgartner sagt, der Trend im internationalen Personenverkehr sei letztes Jahr «positiv» gewesen. Die SBB sei sich ihrer Verantwortung in Sachen Umwelt bewusst: «Wir wollen das nachhaltige Reisen fördern.» Nun baue die Bahn das Angebot an Tagesverbindungen in zahlreiche europäische Metropolen weiter aus.

Auf Strecken innerhalb Europas kann die Bahn dem Flugzeug so Passagiere abluchsen. Das zeigt das Beispiel der TGV-Verbindungen nach Paris. Aus Zürich, Basel und aus der Westschweiz wurde das Angebot in die französische Hauptstadt im Dezember mit grösseren Zügen und mehr Verbindungen ausgebaut. Anfangs Februar gab das verantwortliche Unternehmen TGV Lyria nun bekannt, seit dem Ende des Streiks bei den französischen Bahnen am 20. Januar werde eine Zunahme von 15 Prozent an Buchungen gegenüber der Vorjahresperiode verzeichnet.

Die neuen Zahlen des Bundes zeigen aber auch: Selbst wenn Schweizer künftig aufs Fliegen in europäische Städte verzichten und stattdessen den Zug nehmen, kehren sie dem Flugzeug nicht den Rücken. Sowohl auf Verbindungen in klassische Feriendestinationen wie Hurghada, Punta Cana oder Marrakech als auch auf Strecken nach Philadelphia, New York oder Montreal wurden 2019 deutlich mehr Passagiere gezählt.

Die beliebtesten Destinationen in Nordamerika

Passagiere ab Schweizer Flughäfen 2019
Flughafen Passagiere ggü. 2018
New York JFK 274 332
-
New York Newark 194 750
+2,5%
Toronto 165 430
+1,5%
San Francisco 142 814
+4,1%
Miami 120 110
+2,6%

Auch Destinationen in Ost- und Südosteuropa wie Belgrad, Pristina, Warschau oder Budapest wurden von Schweizern immer häufiger angeflogen. Alleine nach Warschau resultierte ein Plus von über 20 Prozent, nach Budapest waren es 13,6 Prozent mehr Passagiere. Auch auf verschiedenen Strecken nach Zentral- und Südamerika reisten deutlich mehr Passagiere ab der Schweiz.

Die beliebtesten Destinationen in Zentral- und Südamerika

Passagiere ab Schweizer Flughäfen 2019
Flughafen Passagiere ggü. 2018
Sao Paulo 110 288
+4,9%
Punta Cana 44 018
+20,6%
San Jose 35 948
+12,8%
Havanna 28 382
+1,1%
Buenos Aires 27 527
+541,4%

Der Boom des Fliegens ist vorerst allerdings gestoppt. Wegen des Corona-Virus müssen diverse Airlines Strecken einstellen oder reduzieren. Die Swiss musste ihre Kapazität auf der Kurzstrecke um 20 Prozent und auf der Langstrecke um 10 Prozent reduzieren, Tel Aviv wird vorerst nicht mehr angeflogen. Auf der eben erst lancierten Verbindung nach Osaka wurden die Frequenzen bereits gekürzt. Im ganzen Lufthansa-Konzern, zu dem die Swiss gehört, bleiben derzeit durchschnittlich 150 Flugzeuge wegen des Virus am Boden.

Für die Zeit nach der Corona-Sorge gibt sich die Swiss allerdings optimistisch. Das Wachstum der Fliegerei dürfte weitergehen. Die Swiss habe letztes Jahr mit einem Wachstum von 4,7 Prozent einen Passagierrekord erzielt, sagt Sprecherin Meike Fuhlrott. «Wir gehen davon aus, dass die Passagierzahlen langfristig weiter steigen.»