VORSORGE: «Der Rückschlag ist verkraftbar»

Das Ende des Mindestkurses hinterlässt bei den Pensionskassen Spuren. Im Januar droht ihnen laut Experten deshalb eine satte Minusrendite.

Interview Ernst Meier
Drucken
Teilen
Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses hat auch die Renditen der Schweizer Pensionskassen in Mitleidenschaft gezogen. (Bild Philipp Schmidli)

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses hat auch die Renditen der Schweizer Pensionskassen in Mitleidenschaft gezogen. (Bild Philipp Schmidli)

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses hat über 30 Milliarden Franken an Pensionskassenvermögen in der Schweiz vernichtet, konnte man lesen. Wie schlimm ist die Situation wirklich?

Philippe Schlumpf*: Laut unseren Berechnungen sind zirka 30 Milliarden Franken eine plausible Schätzung. Dabei muss man aber wissen, dass es sich um Buch- und nicht um realisierte Verluste handelt. Zwei Gründe führten letzte Woche zum Minus von zirka 30 Milliarden Franken: der Kurssturz von Schweizer Aktien und die Abwertung der Fremdwährungen, insbesondere von Euro und US-Dollar.

Waren die Pensionskassen (PK) ungenügend auf den Währungssturz vorbereitet?

Schlumpf: Die Auflösung des Mindestkurses überraschte die ganze Finanzindustrie und damit auch die Pensionskassen-Branche. Viele Vorsorgeeinrichtungen haben ihre Fremdwährungsanlagen gegen Währungsverluste abgesichert. Sie konnten dadurch die Buchverluste in Grenzen halten.

Warum haben nicht alle Kassen eine Absicherung vorgenommen?

Schlumpf: Eine Absicherung der verschiedenen Währungen ist mit Kosten verbunden, weshalb nicht alle Pensionskassen eine solche vornehmen.

Haben jene Kassen ohne Währungsabsicherung jetzt ein Problem?

Schlumpf: Durch eine fehlende Währungsabsicherung entstanden erhöhte Buchverluste auf deren Anlagen. Die meisten Pensionskassen haben Ende 2014 jedoch ausreichende Wertschwankungsreserven aufgebaut, um diesen Rückschlag verkraften zu können.

Wie stark belasten die Turbulenzen die Rendite der Anlagegelder?

Schlumpf: Wir haben den Einfluss auf die Performance bis zum 22. Januar grob geschätzt und kommen auf eine durchschnittliche Minusrendite von zirka 3 bis 3,5 Prozent.

Kann dieser Rückschlag bis Ende Jahr wettgemacht werden?

Schlumpf: Das hängt natürlich von der weiteren Entwicklung der Finanz- und Währungsmärkte ab. Es dürfte aber schwierig werden, wie im letzten Jahr Renditen je nach Pensionskasse zwischen rund 6 und 10 Prozent zu erzielen.

Matthias Wiedmer**: Die Schweizer Pensionskassen verzeichneten in den letzten sechs Jahren gute Renditen. Nach der Finanzkrise 2008 ist es mit Ausnahme von wenigen Rückschlägen praktisch nur aufwärtsgegangen. Das hat man für den Aufbau von Wertschwankungsreserven genutzt, auf die man in Krisenjahren zurückgreifen kann. Den aktuellen Kursrückgang können die meisten Schweizer Pensionskassen verkraften.

Bild: Grafik Neue LZ

Bild: Grafik Neue LZ

Einige Kassen mussten in den letzten Jahren saniert werden. Deren Reserven sind nicht besonders hoch. Kommen diese Kassen wieder unter Druck?

Wiedmer: Der durchschnittliche Deckungsgrad der privatrechtlichen Schweizer Pensionskassen beträgt laut einer Studie rund 116 Prozent. Wir gehen davon aus, dass die vorhandenen Reserven für die meisten Pensionskassen ausreichen, um die jetzt erlittenen Verluste auffangen zu können. Für einzelne Pensionskassen in Unterdeckung hat sich die Situation zusätzlich verschärft. Sie müssen die notwendigen Massnahmen ergreifen oder fortführen, um die Unterdeckung in angemessener Frist zu beheben.

Mit welchen langfristigen Renditen rechnen Sie?

Schlumpf: Wir sind zurzeit mit der Überprüfung der Renditeerwartungen beschäftigt – insbesondere für Obligationen in Schweizer Franken sowie Aktien und Immobilien in der Schweiz. Wir gehen davon aus, dass die Renditeerwartungen für Schweizer Obligationen nach unten korrigiert werden müssen. Bei Schweizer Aktien rechnen wir zukünftig mit leicht tieferen Renditen. Diese Neueinschätzung ist aber noch nicht abgeschlossen.

Wie können im derzeitigen Tiefzinsumfeld überhaupt überdurchschnittliche Renditen erzielt werden?

Schlumpf: Das Umfeld für Pensionskassen ist tatsächlich schwierig. Mittlerweile verzeichnen wir sogar bei Obligationen der Eidgenossenschaft mit einer Laufzeit von 10 Jahren Negativrenditen. Entsprechend kann man in Anleihen mit längeren Laufzeiten oder tieferen Bonitäten – zum Beispiel Unternehmensanleihen – investieren, um eine positive Rendite erzielen zu können. Solche Anleihen sind aber volatiler. Eine andere Möglichkeit ist, dass Pensionskassen in Immobilien oder Aktien investieren. Dies ist aber nur bei ausreichender Risikofähigkeit möglich.

Eine andere Möglichkeit, welche die Kassen entlasten würde, wäre die Senkung des BVG-Mindestzinssatzes. Derzeit beträgt dieser 1,75 Prozent.

Wiedmer: Aktuell haben wir in der Schweiz keine Teuerung; im Gegenteil, die Preise gehen auch aufgrund des tiefen Euros sogar zurück. Somit haben wir real unter Abzug der Teuerung eine positive Verzinsung der Vorsorgeguthaben. Diese reale Verzinsung ist zum Beispiel besser als in den 90er-Jahren, als der BVG-Mindestzinssatz zwar 4 Prozent betrug, unter Abzug der Teuerung zeitweise aber sogar eine negative reale Verzinsung resultierte. Selbst bei einer allfälligen Reduktion des BVG-Mindestzinssatzes im Jahr 2016 bliebe die reale Verzinsung wohl positiv.

Viele Versicherte wissen gar nicht, wie es um ihr Vorsorgegeld bestellt ist und wie gut ihre PK dasteht.

Wiedmer: Das Pensionskassenguthaben stellt bei den meisten Leuten ihr grösster Vermögensbestandteil dar. Entsprechend empfehlen wir allen – auch jungen – Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sich darüber zu informieren. Die meisten Pensionskassen verschicken jährlich Informationen über den Geschäftsgang, und die Versicherten erhalten jährlich einen Vorsorgeausweis mit Angaben zu ihren Beiträgen und Leistungen.

Pensionskassen haben Milliarden im Schweizer Immobilienmarkt investiert. Wie gross ist hier die Gefahr bei einem Rückschlag?

Schlumpf: Pensionskassen dürfen im Normalfall bis zu 30 Prozent ihrer Gelder in Immobilien investieren. Viele Vorsorgeeinrichtungen haben durchschnittlich rund 20 Prozent ihrer Gelder in Immobilien angelegt. Die Diversifikation ist aber nicht immer ideal. Rund 19 Prozent werden in Schweizer Immobilien investiert, nur rund 1 Prozent im Ausland. Die Fortsetzung der bisherigen weichen Landung des inländischen Immobilienmarktes wird stark von der Konjunkturentwicklung abhängen.

Weiterhin kann man PK-Gelder zum Kauf eines Eigenheims einsetzen. Wie sinnvoll ist das heute?

Wiedmer: Die Wohneigentumsfinanzierung mit Vorsorgegeldern hängt stark von der individuellen Situation ab. Jede Person, welche PK-Gelder vorzeitig zum Kauf eines Eigenheims bezieht, muss sich bewusst sein, dass sie später eine tiefere Altersrente erhält. Ein Bezug von Geldern für die Eigenheimfinanzierung aus der Pensionskasse soll auf jeden Fall immer wohl überlegt sein.

Hinweis

* Philippe Schlumpf ist Finanzanalytiker und Vermögensverwalter beim Anlageberater für Pensionskassen A&L Asalis in Zürich.

** Matthias Wiedmer ist Pensionskassen- Experte bei der Libera in Zürich.