VORSORGE: PK-Beiträge für den Konzerngewinn

Für die Versicherungskonzerne ist das Geschäft mit der zweiten Säule lukrativ. Die Politik schreckt vor einer weiteren Begrenzung der Gewinne zurück.

Rainer Rickenbach
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Wer in der Schweiz für das Alter spart, beschert den hiesigen Versicherungskonzernen schöne Gewinne. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Wer in der Schweiz für das Alter spart, beschert den hiesigen Versicherungskonzernen schöne Gewinne. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Jeder vierte der vier Millionen Pensionskassen-Beitragszahler spart bei der Sammelstiftung eines Versicherungskonzerns für das Alter. Meist handelt es sich um Mitarbeitende von kleinen Unternehmen, die keine eigene Vorsorgestiftung haben. Anders als die Vorsorgestiftungen sind die Versicherungskonzerne profitorientierte Unternehmen – und sie fahren mit ihrem Geschäft in der zweiten Säule satte Gewinne ein. Im vergangenen Jahr summierte sich der Überschuss aus diesem Geschäftsfeld auf gut 680 Millionen Franken (siehe Tabelle). Das führen die Zahlen der Finanzaufsichtsbehörde Finma vor Augen.

* Gewinne aus dem Pensionskassengeschäft.

* Gewinne aus dem Pensionskassengeschäft.

500 Franken für Konzerngewinn

Nach Berechnung des Gewerkschaftsdachverbandes Travailsuisse trug jeder Beitragszahler im vergangenen Jahr etwa 500 Franken zum Gewinn der grossen Versicherer im beruflichen Vorsorgegeschäft bei, die Beiträge der Arbeitgeber mit eingerechnet. In den zurückliegenden zehn Jahren kamen so fast 5 Milliarden Franken zusammen, die aus den Vorsorgebeiträgen in die Gewinnkassen der Konzerne flossen. «Für die Arbeitnehmenden sind es verlorene Milliarden, die nicht zur Sicherung der Renten zur Verfügung stehen», kritisiert Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik beim Gewerkschaftsdachverband.

Allerdings ist das Risiko eines Versicherungskonzerns im BVG-Geschäft höher als das einer der üblichen Firmen-Stiftungen. Denn die Konzerne bieten eine Art Vollkasko-Schutz an: Sie stehen nicht nur für Altersrenten bis ans Lebensende und Invaliditätsrenten bis zum gesetzlichen Rentenalter gerade. Sie kommen auch für den Fehlbetrag auf, wenn die Sammelstiftung in eine Unterdeckung schlittert. Als 2008 die Finanzkrise die Börsenkurse in den Keller schickte, fuhren die Konzerne denn auch happige Verluste ein.

Künftige Renten sind bescheidener

Den Verlust machten sie seither indes mehr als nur wett. Die Gewinne im Pensionskassengeschäft machen bei einigen Versicherern mehr als die Hälfte des Konzerngewinnes aus. Mit Blick auf die anstehende Rentenreform 2020 ist das nicht nur den Gewerkschaftern ein Dorn im Auge. Denn die künftigen Rentner müssen sich mit bescheideneren Renten zufrieden geben als die heutigen Pensionäre, weil der Mindest-Umwandlungssatz im obligatorischen Versicherungsbereich von 6,8 auf 6 Prozent sinkt.

«Den Arbeitnehmenden wird mit dieser Reform viel zugemutet. Es wäre für sie nicht einsichtig, wieso sich die Versicherungsindustrie weiterhin grosszügig an ihrem Pensionskassengeld bedienen kann, während sie bluten müssen», sagt Adrian Wüthrich, Präsident von Travailsuisse.

Möglich machen die Gewinne die so genannte Legal Quote. Sie gilt seit zehn Jahren und war als Gewinneinschränkung für die Versicherungskonzerne gedacht. Heute liegt sie bei 90 Prozent. Das bedeutet: 9 von 10 der einbezahlten Franken müssen in Renten und Rückstellungen fliessen. Den verbleibenden Franken darf die Versicherung als Gewinn verbuchen, wenn er nach den Zahlungsverpflichtungen übrig bleibt.

Der Bundesrat wollte diese Quote mit der Rentenreform 2020 auf 92 Prozent erhöhen, linke Politiker und auch vereinzelte bürgerliche Volksvertreter sahen die korrekte Höhe gar bei 95 Prozent. Dann hätten Versicherungen nur noch höchstens 8, beziehungsweise 5 Prozent des Ertrags als Gewinn ausweisen dürfen. Doch die zuständige Ständeratskommission hatte dieses Jahr kein Musikgehör für eine weitere Einschränkung des Gewinnpotenzials.

Verbandelt mit Versicherungen?

Der Ständerat sei eben eng mit der Versicherungsindustrie verbandelt, kritisiert Travailsuisse. In der Tat sind vier der dreizehn Kommissionsmitglieder in Verwaltungsräten grosser Versicherungen. Zwei weitere haben Ämter bei Krankenkassen, die indes im Pensionskassengeschäft nicht tätig sind.

Der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber ist CSS-Verwaltungsrat und Mitglied der zuständigen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Er sagt: «Es ging uns nicht darum, den Versicherungen Gutes zu tun. Wir hatten gute Gründe, die Legal Quote bei 90 Prozent zu belassen.» Eine stärkere Gewinnbeschränkung würde nach Auffassung der Kommission weitere kleinere Sammelstiftungen vertreiben und so die Auswahlmöglichkeit für Arbeitgeber und -nehmer einschränken. Die Zahl der Sammelstiftungen nimmt seit Jahren ab. Nach Ansicht der Kommission würde eine restriktivere Legal Quote zudem die Risikobereitschaft der Pensionskassen einschränken und den Wettbewerb unter den Anbietern dämpfen, was letztlich zum Nachteil der Versicherten gerät.

Das letzte Wort zur Gewinnquoten-Höhe der Versicherungskonzerne ist indes noch nicht gesprochen. Im kommenden Jahr wird sie im Nationalrat zum Thema.

Rainer Rickenbach