Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

VORSORGE: Rentenalter: Versicherer nicht vorbildlich

In der Debatte um die Altersvorsorge preisen grosse Versicherungen das Arbeiten übers Rentenalter hinaus an. Doch die Statistik zeigt, dass ihre Angestellten kaum je bis zum ordentlichen Austritt berufstätig sind.
Daniel Zulauf
Während auf Arbeitgeberseite die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre und die Berufstätigkeit darüber hinaus favorisiert werden, protestierten gestern in Bern Tausende gegen den Rentenabbau. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Während auf Arbeitgeberseite die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre und die Berufstätigkeit darüber hinaus favorisiert werden, protestierten gestern in Bern Tausende gegen den Rentenabbau. (Bild: Keystone/Anthony Anex)

Daniel Zulauf

Es ist, als wäre die Parlamentsdebatte über die grosse Reform der Altersvorsorge 2020 längst im Gang. Tatsächlich aber beginnt sie erst mit der Herbstsession, die diese Woche in Bern eröffnet wird. Nach monatelangen öffentlichen Diskussionen über Rentenalter, Umwandlungssatz und zusätzliche Mittel für die AHV ist das politische Klima aufgeheizt. Im bevorstehenden Kampf zwischen Räten und Parteien spielt das künftige Rentenalter eine Schlüsselrolle. Eine rechtsbürgerliche Allianz von SVP, FDP und GLP hat in der Sozial- und Gesundheitspolitischen Kommission des Nationalrates den Vorschlag einer schrittweisen Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre für beide Geschlechter durchgesetzt. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die Reihen der Gewerkschaften und ihrer politischen Verbündeten.

Erfolg nur mit Einbezug der AHV

Auf der bürgerlichen Seite geniesst die Idee einer Erhöhung des Rentenalters zwar viel Sympathien, doch die meisten Wirtschaftsverbände scheuen sich davor, den Vorschlag offen zu unterstützen. Sie haben Angst, der in der Bevölkerung unpopuläre Ansatz könnte das gesamte Reformprojekt an der Urne zu Fall bringen. Ein solcher Absturz könnten dem Prozess einer schrittweisen Verstaatlichung des ganzen Systems der Altersvorsorge Vorschub leisten. Viel auf dem Spiel steht dabei auch für die Versicherungswirtschaft. Zwar ist die obligatorische berufliche Altersvorsorge (BVG) längst nicht mehr das grosse Geschäft, das sie für die Branche einmal gewesen war. Doch immerhin spült es den im Markt verbliebenen Anbietern gesamthaft immer noch weit über 600 Millionen Franken Gewinn pro Jahr in die Kassen – im Fall der Swiss Life entspricht dies etwa einem Fünftel des Konzerngewinns.

Doch die Sicherung der zweiten Säule kann nur gelingen, wenn auch die AHV in die Reform einbezogen wird. Diese benötigt bedeutende zusätzliche Mittel um ihren proportionalen Beitrag zur Beibehaltung des Leistungsniveaus in der Altersvorsorge auf lange Zeit hinaus sicherzustellen. Die Vorsorgeinrichtungen in der zweiten Säule drängen ihrerseits auf einen tieferen Umwandlungssatz, weil sie im Zug der steigenden Lebenserwartung länger Renten zahlen müssen und auf dem Sparkapital der Versicherten immer weniger Rendite erwirtschaften.

Erschrecktes Zucken in der Branche

«Wollen wir das System nachhaltig sichern, werden wir langfristig nicht über eine Erhöhung des Rentenalters herumkommen», lautet die Sprachregelung beim Versicherungsverband. Swiss-Life-Chef Patrick Frost liess sich von dieser defensiven offiziellen Position aber nicht abschrecken und plädierte im Mai in einem Interview mit der «Sonntagszeitung» für ein schrittweises Hinausschieben des Rücktrittsalters «bis 70 Jahre oder darüber hinaus». Ein erschrecktes Zucken sei durch Branche gegangen, sagt ein Insider. Er habe Frosts Auftritt persönlich zwar «mutig» gefunden, aber viele hätten darob nur den Kopf geschüttelt – verständlicherweise. Schon einmal, vor vier Jahren, hatte sich ein Swiss-Life-Chef, sein Name war Bruno Pfister, mit Haut und Haar für ein vorsorgepolitisches Anliegen eingesetzt. Es ging um die Senkung des Umwandlungssatzes, einem Anliegen, dem die Stimmbürger an der Urne zwei von drei Stimmen eine überklare Absage erteilten. Pfister betonte zwar stets, die Senkung dieses Zinssatzes, mit dem das angesparte Vorsorgevermögen in die Rente umgerechnet wird, sei gänzlich losgelöst von den Interessen der Versicherer eine gesellschaftliche Notwendigkeit, weil der überhöhte Satz die Solidarität zwischen Jung und Alt strapaziere. In der Tat sind die Kassen der zweiten Säule gezwungen, den sogenannten technischen Zinssatz zu reduzieren und damit sicherzustellen, dass die Zinsversprechungen für künftige Rentnergenerationen mit den laufenden Erträgen im Einklang bleiben. Ein tieferer Umwandlungssatz kann für diese laufende Quersubventionierung der Rentner durch aktiv Versicherte einen teilweisen Ausgleich schaffen.

Nicht vereinbar mit Arbeitsmarkt

Doch den uneigennützigen Bürgersinn, mit dem Pfister sein politisches Engagement zu erklären versuchte, wollte ihm in der Bevölkerung niemand so richtig glauben. Ernüchtert räumte er einige Zeit nach der verlorenen Schlacht ein, der Sache wäre wohl besser gedient gewesen, wenn sich die Versicherer ganz aus der Diskussion herausgehalten hätten. Mit seinem noch jugendlichen Elan ist der 46-jährige Frost mit der Swiss Life voll auf die politische Bühne zurückgekehrt. Die Reaktionen seiner kritischen Beobachter liessen nicht lange auf sich warten. Gewerkschaftsökonom Daniel Lampart bezichtigte den Manager in einer TV-Diskussion eines «fast schon bösartigen» Vorschlages.

Die parlamentarische Botschaft des Bundesrates verweist auf aktuelle Studien, nach der eine allgemeine Erhöhung des Rentenalters über 65 Jahre hinaus mit der aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht zu vereinbaren sei. Die Studie zeige, dass die Arbeitgeber derzeit nicht bereit dafür seien, mehr ältere Arbeitskräfte zu beschäftigen. Obwohl ältere Arbeitnehmer gemäss Umfragen häufig bereit wären, unter guten Arbeitsbedingungen weiterzumachen, gehen rund 40 Prozent der Erwerbstätigen vor dem gesetzlichen Rentenalter in den Ruhestand. Wie viele sich dazu gezwungen fühlen und wie viele diesen Schritt ganz freiwillig wählen, ist nicht abschliessend geklärt. Eine vom Bund 2014 in Auftrag gegebene OECD-Studie spricht von durchschnittlich 1,9 Prozent der Erwerbstätigen im Alter von 55 bis 64 Jahren, die in der Zeit von 2010 bis 2013 jährlich von einer Entlassung betroffen waren. Im erwähnten TV-Interview sagt der Swiss-Life-CEO: «Es ist uns enorm wichtig, die Leute länger im Arbeitsprozess zu halten. Wir suchen Erfahrung.» Dennoch liegt das durchschnittliche Pensionsalter eines Swiss-Life-Mitarbeiters in der Schweiz mit 61,7 Jahren für Männer und 61,2 Jahren für Frauen weit unter dem gesamtschweizerischen Durchschnitt und noch weiter unter dem ordentlichen Pensionsalter. Auch im Vergleich zu den anderen Versicherungen liegt die Swiss Life weit im Hintertreffen (siehe Tabelle). Die Statistik passt schlecht zu der Beteuerung des Lebensversicherers «den Mitarbeitenden eine Berufstätigkeit über das ordentliche Pensionierungsalter hinaus zu ermöglichen, wenn sie dies wünschen», und sie ist der Glaubwürdigkeit des politischen Engagements der Versicherer auch nicht gerade förderlich.

Grosszügigkeit weitgehend vorbei

Seit 2001 hat sich die Erwerbslosenquote bei den 50- bis 64-Jährigen in der Schweiz auf 3 Prozent verdoppelt. Jeder Zweite ist langzeitarbeitslos. «Die Auswirkungen dieser unfreiwilligen Frühpensionierungen sind auch bei Pro Senectute spürbar», stellte die Organisation schon vor mehreren Jahren in einer Studie über Altersarmut fest. «In die Beratung kommen immer wieder Menschen, die ihre Stelle kurz vor der Pensionierung verlieren. Sie beziehen ihre AHV und ihre Berufsvorsorge vor und nehmen die langfristige Kürzung ihrer Renten in Kauf. Ersparnisse sind bei diesen knappen Budgets rasch aufgebraucht.»

«Eine Frühpensionierung im Alter von beispielsweise 61 Jahren kann sich ein Normalverdiener bei den heutzutage gängigen Plänen gar nicht mehr leisten», sagt ein nicht genannt sein wollender Vorsorgeexperte. Die grosszügigen Leistungspakete, wie sie noch vor wenigen Jahren üblich waren, seien kaum mehr anzutreffen. Pro Jahr, das ein Rentner seine BVG-Leistung vor dem gesetzlichen Pensionsalter bezieht, sinkt der Umwandlungssatz um rund 0,15 Prozent. Allein dadurch sinkt die Rente aus der zweiten Säule um rund zehn Prozent.

AHV-Demo zieht Tausende an

Bernsda. In Bern haben gestern Nachmittag mehrere tausend Menschen für eine starke AHV demonstriert. Die Organisatoren – eine Allianz von Arbeitnehmerverbänden, links-grünen Parteien und Rentnerverbänden – schätzten die Teilnehmerzahl auf über 20 000. Zur Demonstration aufgerufen hatte die Allianz wegen «des geplanten Rentenmassakers im Nationalrat», wie sie in einer Mitteilung schreibt. Sie meint damit Vorschläge der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) des Nationalrats.

Diese schlug Mitte August vor, bei der Reform der Altersvorsorge eine automatische Erhöhung des Rentenalters einzubauen, falls die AHV in finanzielle Schieflage geraten sollte. Um bis zu zwei Jahre auf 67 könnte gemäss diesem Vorschlag das AHV-Alter erhöht werden. Die Altersreform 2020 kommt im Herbst in die eidgenössischen Räte.

Solche «Provokationen» der Rechtsmehrheit im Nationalrat seien eine neue Dimension, sagte der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, Paul Rechsteiner, in seiner Rede an der Kundgebung. Dabei sei nicht die AHV das Problem, sondern die Pensionskassen. Bei den Pensionskassen zahle man immer mehr, bekomme aber trotzdem schlechtere Renten. Wer auch in Zukunft anständige Renten wolle, der müsse die AHV stärken, so Rechsteiner.

Ausbau gefordert

Eine stärkere AHV komme insbesondere Frauen zugute, betonten mehrere Rednerinnen. So sagte etwa Natascha Wey, Co-Präsidentin der SP-Frauen, über ein Drittel aller Frauen in der Schweiz hätten nur die AHV. Deshalb müsse die AHV nicht nur gestärkt, sondern massiv ausgebaut werden.

Bild: Grafik Neue LZ

Bild: Grafik Neue LZ

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.