VORSORGE: Versicherung fürs Alter soll her

Die Kosten für die Pflege explodieren. Viele Pflegebedürftige sind darum auf Ergänzungsleistungen ange­wiesen. Eine Versicherung für die Pflege wird deshalb erneut diskutiert.

Bernard Marks
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Professionelle Pflege kann für die Betroffenen - gerade im hohen Alter - auf die Dauer sehr teuer werden. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Professionelle Pflege kann für die Betroffenen - gerade im hohen Alter - auf die Dauer sehr teuer werden. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Hohe Pflegekosten im Alter können das hart ersparte Geld schneller als gedacht aufzehren. Ein Tag in einem Pflegeheim im Kanton Luzern kann in der Pflegestufe 12 schnell einmal 300 Franken kosten. «Die monatliche Belastung für den Patienten kann in der höchsten Pflegestufe schnell 8000 Franken übersteigen», erzählt Roger Wicki, Präsident der LAK Curaviva Luzern. Und weiter: «Wenn die Rente nicht ausreicht, muss nicht selten das Vermögen herhalten», weiss Wicki. «Teure Heimaufenthalte und damit explodierende Pflegekosten am Lebensende sind eine Tatsache und damit eine ernst zu nehmende Herausforderung», sagt dazu der Zuger Ständerat und Gesundheitspolitiker Joachim Eder.

Ergänzungsleistungen nehmen zu

Die Kosten für die Pflege steigen. Das Gesundheitsobservatorium hat in einer Studie festgehalten, dass die Kosten für die Langzeitpflege im Alter von heute 9 Milliarden Franken bis ins Jahr 2030 auf 16 Milliarden Franken ansteigen können (siehe Grafik). Grund hierfür sind aber nicht die zunehmenden Fallzahlen. Diese stiegen nach Angaben von Curaviva, dem Dachverband von über 2500 Heimen und sozialen Institutionen in der Schweiz, zwischen 2006 und heute von 110 000 auf geringfügig 120 000 im Jahr 2012.

Immer häufiger gehen hingegen ältere Menschen erst dann ins Heim, wenn es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr anders geht – das ist meist der Moment, in dem die hohen Kosten für Personal und medizinische Behandlungen anfallen. 53 Prozent der Heimbewohner sind deshalb auf Ergänzungsleistungen (EL) zur AHV angewiesen, die von Bund und Kantonen finanziert werden. Das führte insgesamt zu mehr Ausgaben. Die Ergänzungsleistungen stiegen von 2007 von 3,2 auf 4,5 Milliarden Franken im Jahr 2013.

Weil die finanzielle Belastung für Bund und Kantone laut Prognosen in Zukunft steigen wird, wird auch der Ruf nach einer privaten Pflegeversicherung wieder laut. Die Debatte darüber ist eigentlich zu den Akten gelegt. Im Februar 2005 hatte der Bundesrat die Idee einer eigenständigen Pflegeversicherung verworfen und sich schliesslich dafür ausgesprochen, die Finanzierung der Pflege mit den bestehenden Mitteln des Sozialversicherungssystems zu reformieren. Seit 2011 soll die neue Pflegefinanzierung aus der obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) einen Beitrag an die Pflegeleistungen zahlen, die aufgrund einer ärztlichen Anordnung erbracht werden. Heimbewohner werden mit maximal 21.60 Franken pro Tag belastet, und der Beitrag der Krankenkassen wurde begrenzt.

Doch oftmals reicht das nur für Betroffene in niedrigen Pflegeklassen mit wenig Pflegeaufwand. Für die höheren Pflegestufen fallen Ergänzungsleistungen von landesweit bereits über 1 Milliarde Franken an, die von den Steuerzahlern getragen werden müssen, schreibt der «Beobachter». Unter anderem deshalb soll der Bundesrat einen Bericht über die bisherigen Erfahrungen mit der neuen Pflegefinanzierung erstellen, eine «Strategie zur Langzeitpflege» entwerfen und dabei auch Varianten einer «separaten Pflegeversicherung» prüfen.

Höhere Prämien zu erwarten

«Rein vom Grundgedanken her ist eine obligatorische Pflegeversicherung sinnvoll», sagt Ständerat Eder. Im Nachbarland Deutschland hat man bereits gute Erfahrung damit gesammelt. Dort ist seit 1995 jede Person mit Wohnsitz in Deutschland verpflichtet, neben dem Krankheitsrisiko auch das Pflegerisiko mit einer eigenen Versicherung abzusichern. Eine Pflegeversicherung komme laut Eder direkt der älteren Generation zugute und entlaste indirekt auch junge Versicherte, weil diese für die Pflegekosten von älteren Menschen nicht mehr zur Kasse gebeten werden. «Ob das Ganze allerdings nicht zu einer Entsolidarisierung unter den Generationen führt, politisch realisierbar ist und finanziert werden kann, ist eine andere Frage», so Eder. Sicher bringe eine obligatorische Pflegeversicherung erhebliche Prämienerhöhungen für die Altersgruppe der Beitragszahlenden. August Lienin, pensionierter Baselbieter Kantonsstatistiker, schätzt, dass eine zusätzliche Prämie von 14 Franken pro Monat für den Vermögensschutz von allen ab 55-Jährigen ausreichen würde. Andreas Dummermuth, Präsident der Konferenz der kantonalen Ausgleichskassen, geht hierbei von 30 Franken pro Monat für die Übernahme der Pflegekosten für Heime und Spitex zum Beispiel im Kanton Schwyz aus, die alle 45-Jährigen zahlen müssten. Eders Einschätzung ist, dass die monatlichen Prämien aber deutlich höher sein werden. «Bekannte Gesundheitsökonomen sehen gar Beträge von bis zu 100 Franken pro Monat als realistisch», sagt Eder.

3-Säulen-Modell mit Steuervorteil

Laut Eder müsste man die Idee des früheren Gesundheitsministers Couchepin nochmals diskutieren. Er propagierte Steuerrabatte für eine freiwillige Pflegeversicherung. Auch Ständerätin Erika Forster hatte dies mit der Motion Säule 3c zur Diskussion gestellt, erlitt aber 2007 Schiffbruch. «Ich könnte mir in der Krankenversicherung ein 3-Säulen-Modell vorstellen», sagt Eder. Die Grundversicherung als 1. Säule, individuelle Zusatzversicherungen als 2. Säule und schliesslich – analog zur gängigen und beliebten Säule 3a im Rentenbereich, die gebundene Selbstvorsorge – ebenfalls eine 3. Säule in Form von steuerfreien Beiträgen für die eigenen Pflegekosten im Alter. «Dies würde die Eigenverantwortung massiv stärken», sagt Eder.