Interne ABB-Umfrage zeigt Verunsicherung unter den Mitarbeitern

Mehr als fünf Jahre leitete Ulrich Spiesshofer den Schweizer Industriekonzern ABB. Nach seinem Abgang hat der Konzern die Mitarbeiter gefragt, wo der Schuh drückt. Die Ergebnisse sind grösstenteils positiv - aber nicht nur.

Fabian Hock
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ABB-Präsident Peter Voser: Er will eine neue Firmenkultur etablieren. (Bild: Keystone)

ABB-Präsident Peter Voser: Er will eine neue Firmenkultur etablieren. (Bild: Keystone)

Das Hickhack um den Verkauf des Herzstückes der ABB, nämlich ihrer milliardenschweren Stromnetzsparte, hat bei vielen Mitarbeitern nachhaltig für Verunsicherung gesorgt.

Das legt das Ergebnis einer internen Umfrage nahe, das dieser Zeitung vorliegt. Demnach erhofften sich die Mitarbeiter «ein besseres Verständnis darüber, wo das Unternehmen hin will». Gleichzeitig gaben die meisten Mitarbeiter an, stolz auf ihren Arbeitgeber zu sein.

Ex-ABB-Chef Ulrich Spiesshofer: Er trieb den Umbau des Industriekonzerns voran. (Bild: Keystone)

Ex-ABB-Chef Ulrich Spiesshofer: Er trieb den Umbau des Industriekonzerns voran. (Bild: Keystone)

Die Umfrage ging an sämtliche gut 130'000 Mitarbeiter. Rund zwei Drittel hätten mitgemacht, heisst es in einer Zusammenfassung des Ergebnisses. Es handele sich um die erste grosse Mitarbeiterbefragung seit mehr als zehn Jahren.

Damit ist die Umfrage vor allem eines: Eine Evaluation der Ära Ulrich Spiesshofer. Der gebürtige Deutsche führte das Unternehmen von 2013 bis April dieses Jahres. In dieser Zeit schob Spiesshofer die Transformation des Industrieunternehmens zum digitalen Dienstleister an.

Voser will Firmenkultur tief greifend verändern

Der Höhepunkt des Umbaus war der Verkauf der mit elf Milliarden Dollar bewerteten Stromnetzsparte an den japanischen Konzern Hitachi. Spiesshofer hatte sich lange gegen den Verkauf gewehrt. Letztlich musste er auf Druck von Investoren einlenken.

Nach Spiesshofer übernahm Präsident Peter Voser interimistisch das Amt des CEO. Er führt den Konzern bis zum Amtsantritt des neuen Chefs Björn Rosengren im kommenden Frühjahr. Und wie es scheint, ist die Verunsicherung über die Richtung, die der Technologieriese einschlagen will, nicht das einzige negative Überbleibsel der vergangenen Jahre.

Wir wollen eine Umgebung, in der jeder das Vertrauen hat, sich zu äussern.

So finden sich im Ergebnis der Befragung zwei weitere Punkte, die als Seitenhiebe in Richtung Ex-Chef Spiesshofer verstanden werden können: Zum einen mahnten die Mitarbeiter zu mehr Kundenfokus – ein Attribut, das Spiesshofer sich und seinem Unternehmen bei vielen Gelegenheiten ganz oben auf die Fahne schrieb.

Zum anderen scheinen Voser und sein Management-Team tief greifende kulturelle Veränderungen bei der ABB für nötig zu halten. So heisst es in der Zusammenfassung: «Über das Unternehmen hinweg wollen wir eine Umgebung, in der jeder das Vertrauen hat, sich zu äussern und sich ermutigt fühlt, Risiken einzugehen.» Hört man sich bei der ABB um, heisst es immer wieder, dass eine solche offene Gesprächskultur unter Ex-Chef Spiesshofer nur bedingt gegeben gewesen sei.

Voser will mit dieser Kultur nun brechen. Die Befragung will er nutzen, um den Konzern für die Zukunft besser aufzustellen. Bis ganz nach unten in die einzelnen Teams sollen die Ergebnisse eingearbeitet werden. Voser, so scheint es, meint es ernst mit dem Aufbruch.

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