«Wachstum der Schweizer Wirtschaft schwächt sich ab»

BAK-Chefökonom Martin Eichler erwartet, dass die Schweizer Wirtschaft 2019 etwas weniger stark zulegt. Für die Zentralschweiz sind die Aussichten rosiger.

Interview: Rainer Rickenbach
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Chefökonom Martin Eichler wird am 25. Oktober im KKL die Konjunkturprognosen von BAK Economics präsentieren. (Bild: Philipp Schmidli)

Chefökonom Martin Eichler wird am 25. Oktober im KKL die Konjunkturprognosen von BAK Economics präsentieren. (Bild: Philipp Schmidli)

Martin Eichler, der Handelsstreit zwischen den USA und China wird von beiden Seiten geräuschvoll inszeniert. Hat er im Welthandel bereits Spuren hinterlassen?

Bisher hatte er kaum Auswirkungen auf den Welthandel. Die Exporte von China in die USA sind nicht eingebrochen. Zwar verlief der globale Handel 2017 noch etwas dynamischer als in diesem Jahr, doch Ursache dafür ist ein zyklisch bedingtes Abflauen im Güterverkehr. Feststellbar ist aber eine gewisse Verunsicherung wegen des Getöses, das den Handelsstreit begleitet. Sie sorgt bei manchen Investoren bereits für eine gewisse Zurückhaltung.

Geht es nun so weiter, von einer Eskalationsstufe zur nächsten?

Das ist schwer vorherzusehen. Denn die Ziele des amerikanischen Präsidenten Donald Trump sind nicht ganz klar. Er will Deals abschliessen. Doch beim Welthandel handelt es sich nicht einfach um einen angestrebten Vertrag – den Deal –, sondern um einen immer fortschreitenden dynamischen Prozess. Es ist zu befürchten, dass die Beteiligten den Konflikt weiter hochschaukeln. Wir erwarten deswegen aber keine Rezession, sondern nur eine Abmilderung des Wachstums auf hohem Niveau.

Die Schweizer Wirtschaft wächst weiter. Sie erwarten für dieses Jahr ein BIP-Wachstum von 3 Prozent und für 2019 eines von 1,6 Prozent. Nimmt sie also keinen Schaden an den weltweiten protektionistischen Tendenzen?

Die Schweiz ist bisher kaum direkt in den Handelskonflikt involviert. Obwohl es dafür Gründe gäbe – etwa den Aussenhandelsüberschuss oder die Nationalbank, die massiv Einfluss auf den Devisenmarkt nimmt, um den Frankenkurs tief zu halten. Trotzdem ist sie kein direktes Ziel. Sollte sich der Streit zwischen den USA und der EU zuspitzen, könnte die Schweiz sogar profitieren.

Wie würde sie profitieren?

Wenn zum Beispiel Europa Zölle auf amerikanische Maschinen erhöht, wären die Schweizer Maschinenhersteller auf dem europäischen Markt mit ihren Preisen wettbewerbsfähiger.

Welche Branchen befinden sich schweizweit in einem Hoch?

Wir beobachten ein breit abgestütztes Wachstum. Eines der Zugpferde ist diesmal die MEM-Investitionsgüterindustrie. Sie hatte erheblich unter dem starken Franken und der wachstumsschwachen Weltwirtschaft gelitten. Doch seit dem vergangenen Jahr ist sie sehr gut unterwegs, erst nächstes Jahr erwarten wir eine Abschwächung auf hohem Niveau. Die Tourismusbranche hat 2017 nach einer sehr schwierigen Zeit ebenfalls Tritt gefasst. Hotellerie und Gastronomie legen dieses Jahr um 2 Prozent zu. Die Pharmaunternehmen setzen ihre dynamische Entwicklung fort, auch die Uhrenindustrie hat sich wieder erholt.

Welche Branchen ziehen nicht mit?

Ausgeprägte Ausreisser nach unten erkenne ich keine.

Wie fällt die Wirtschaftsentwicklung in der EU aus, beim wichtigsten Handelspartner der Schweiz?

Die EU entwickelte sich im vergangenen Jahr erstaunlich gut. Das Wirtschaftswachstum war breit abgestützt, es blieb nicht auf Deutschland und ein paar weitere Länder beschränkt. In diesem und im kommenden Jahr schwächt sich das Wachstum leicht ab, bewegt sich aber immer noch deutlich im Plus. Einziger Ausreisser ist Italien, das von politischen Unsicherheiten geprägt ist.

Die US-amerikanische Zentralbank Fed hat seit 2015 die Zinsen achtmal angehoben. Wann wird die Europä­ische Zentralbank (EZB) den ersten Schritt wagen?

Wir rechnen damit, dass die EZB in der zweiten Jahreshälfte 2019 einen ersten kleinen Zinsschritt unternimmt. Die Zeit für eine spürbare Erhöhung dürfte aber erst 2020 kommen. Die Europäische Zentralbank wird weiterhin sehr vorsichtig zu Werke gehen.

Sind der Schweizerischen Nationalbank die Hände noch lange gebunden, oder bietet sich ihr bald Raum, zumindest die Negativzinsen auf­zuheben?

Die Nationalbank wird bestimmt nicht vor der EZB die Negativzinsen verringern oder sogar aufheben. Wie fragil der Frankenkurs ist, machten die letzten Monate erneut deutlich. Beim Warten auf den richtigen Moment kommt ihr das gedämpfte Wachstum entgegen, denn die Gefahr der Überhitzung nimmt ab und somit auch der Inflationsdruck.

Der Franken ist zwar immer noch stark, aber kaum mehr ein Thema. Ist es Zeit für eine Entwarnung?

Der Franken ist immer ein Thema. Doch seine Entwicklung stellt im Moment kein ausgeprägtes Risikothema mehr dar. Solange der Euro über 1.10 Franken liegt, bewegt er sich im normalen Rahmen. Die Schweizer Unternehmen haben gelernt, damit umzugehen. Sie haben sich als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen.

Die historische Tiefzinsphase hinterlässt Spuren auf dem Immobilienmarkt. Die Bautätigkeit enteilt der Nachfrage. Seit 20 Jahren standen nicht mehr so viele Mietwohnungen leer. Hat die Schweiz ein Immobilienblasenproblem?

Ein gewisses Blasenrisiko besteht. Wir schätzen es aber als gering ein. Ein schöner Teil der Bautätigkeit geht auf institutionelle Anleger wie Pensionskassen zurück, und diese verfügen über eine vergleichsweise hohe Risikofähigkeit. Die Bauwirtschaft verliert aber an Dynamik, weil sich die Auftragslage verschlechtert.

In der Zentralschweiz liegt die Leerstandsquote unter dem Durchschnitt, doch in einzelnen Gemeinden erreicht sie ein so hohes Niveau wie im Aargau oder in Solothurn.

Man sollte die Werte einzelner Gemeinden nicht überbewerten, sie hängen oft von Zufälligkeiten ab. Ist eine neue Überbauung fertigerstellt, schnellt die Leerstandsquote vorübergehend in die Höhe. Vom Nachlassen der Bautätigkeit sind 2019 Luzern und Zug stärker betroffen als die kleineren Zentralschweizer Kantone. Das machen die Baugesuche und -bewilligungen deutlich.

In der Zentralschweiz erwarten Sie für dieses Jahr ein Wachstum von 2,1 Prozent. Im kommenden Jahr werden es leicht überdurchschnittliche 1,9 Prozent sein. Von welchen Branchen erwarten Sie die stärksten Impulse für die regionale Wirtschaft?

Es sind die gleichen Branchen wie in der ganzen Schweiz. Die Investitionsgüterindustrie ist in der Zentralschweiz stärker vertreten, was erklärt, warum die Region etwas schneller wächst als andere. Von Bedeutung ist auch der Tourismus, der weiter an Fahrt gewinnt. Das unter dem Schweizer Schnitt liegende Wachstum in der Zentralschweiz in diesem Jahr ist vor allem auf Sondereffekte zurückzuführen. Einerseits kann die Zentralschweiz nicht vom Fifa-Effekt, also von Umsätzen bei grossen internationalen Sportevents wie Fussballweltmeisterschaft und Olympiade, profitieren. Andererseits sind besonders Luzern und Schwyz durch einzelne Schliessungen von Unternehmen wie OVS betroffen.

Der Tourismus ist in der Zentralschweiz ein Jobmotor

Das Bürgenstock-Resort und Andermatt Swiss Alps gehören neu zu den grössten Arbeitgebern in der Zentralschweiz. Dafür fehlt dieses Jahr erstmals ein traditionsreiches Unternehmen auf der Liste der grössten Arbeitgeber.
Maurizio Minetti