WÄHRUNG: Der lange Niedergang des Greenbacks

Seit fünf Jahrzehnten verliert der US-Dollar gegenüber dem Franken an Wert – und für die Ökonomen ist vorerst noch kein Ende des Sinkflugs in Sicht.

Ernst Meier
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Seit fünf Jahrzehnten befindet sich der Dollar gegenüber dem Franken im Sinkflug. (Bild: Nadia Schärli /  Neue LZ)

Seit fünf Jahrzehnten befindet sich der Dollar gegenüber dem Franken im Sinkflug. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Die pensionierte Serviertochter schwärmt noch heute von ihren US-Gästen während der Wintersaison in den Berner Alpen. «Waren die amerikanischen Urlauber mit der Bedienung zufrieden, gab es meistens einen Dollar-schein als Trinkgeld», erzählt sie. Ein gern gesehenes Geschenk; die «grüne Note» war zu jener Zeit in den 60er-Jahren mehr als 4 Franken wert. Die Stärke der US-Währung nutzten auch Amerikaner auf ihren Shoppingtouren in der Schweiz. Grossen Umsatz machten hiesige Juweliere mit den Gästen aus Übersee – in einer Zeit, als noch keine Cars gefüllt mit Asiaten auf dem Schwanenplatz auffuhren. «Da gab es Amerikaner, die kauften jeweils gleich mehrere Rolex-Uhren», erinnert sich ein Zeitzeuge. Für die Amis waren die Uhren «ein Schnäppchen». Nun sind die Zeiten des starken US-Dollars längst vorbei. 1971 schaffte Präsident Richard Nixon den Goldstandard und damit das seit 1944 geltende System mit fixen Wechselkursen ab.

Handels- und Reservewährung

Seither müssen die USA ihre Währung nicht mehr mit Gold hinterlegen, können also so viel Geld in Umlauf bringen, wie sie wollen. Die Systemänderung wurde 1971 «zum Schutz der amerikanischen Wirtschaft» beschlossen. Der Dollar ist seit dem Zweiten Weltkrieg die global vorherrschende Reserve- und Handelswährung. Bereits in den 60er-Jahren überstiegen die weltweiten Dollar-Guthaben in Europa und Japan den damaligen Wert der US-Goldreserven. Das Versprechen, Dollars in Gold umzutauschen, hätte nicht mehr erfüllt werden können. Gleichzeitig bereitete der Wirtschaft der harte Wechselkurs immer mehr Mühe. Mit der Verabschiedung des Goldstandards warnten Kritiker vor dem bevorstehenden Ende der Weltwährung. Erinnerungen an Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg wurden wach: Millionen von Bürgern verloren ihr Spargeld, da die Regierung unbegrenzt Geld druckte, um die Kriegsschulden zu begleichen. 43 Jahre nach dem Ende des Goldstandards gibt es den US-Dollar aber noch immer. Der Greenback ist Weltwährung geblieben und wird auch heute in zahlreichen Ländern rund um den Globus als Zahlungsmittel akzeptiert – dies trotz neuer Konkurrenz wie Euro, Yen und Yuan.

«Dollar-Weg führt nach Süden»

Und doch scheint mittlerweile die Befürchtung eines fortlaufenden Wertzerfalls des Dollars einzutreffen. «Auch wenn es seit 1971 immer mal wieder für ein paar Jahre aufwärtsging, der Weg des Dollars führt Richtung Süden», sagt Klaus Wellershoff, Ökonom und CEO von Wellershoff und Partners. Ursache des langfristigen Abwärtstrends seien die Inflationserwartungen aufgrund der expansiven Geldpolitik der US-Notenbank. «Speziell seit der Jahrtausendwende hat sich dieser Trend verstärkt», sagt Wellershoff. Die letzten 14 Jahre in der Geschichte der USA waren geprägt durch hohe Militärausgaben (Afghani­stan, Irak), Wirtschaftskrisen (Technologie- und Immobilienblase, Finanzkrise) sowie durch die äusserst expansive Geldpolitik. Der Notenbankchef liess bei jeder Krise die Geldpresse heiss laufen – pumpte immer wieder zusätzliche Milliarden in den Geldkreislauf, um mit «billigem Geld» die Wirtschaft am Laufen zu halten. Die Folge: Der in den 90er-Jahren erstarkte Dollar verliert seither gegenüber allen Währungen von US-Handelspartnern an Wert. Im Schnitt betrug der Verlust seit 2002 rund 30 Prozent. Gegenüber dem Schweizer Franken sind es 50 Prozent.

Geldpolitik artet seit 2008 aus

Hemmungslos scheint die US-Geldpresse seit 2008 zu laufen. Mit der Verschärfung der Finanzkrise nach der Lehman-Brothers-Pleite drohte der amerikanischen Wirtschaft der Kollaps. Entsprechend handelte die Notenbank. Die expansive Geldpolitik hält denn auch bis heute an. «Die Basisgeldmenge in den Vereinigten Staaten hat sich seither verfünffacht, während sie in der Eurozone nur um das Zweieinhalbfache angewachsen ist», erläutert Wellershoff. Er ist gegenüber der US-Währung skeptisch. «Den Dollar erachte ich zwar derzeit im Verhältnis zum Franken oder zum Euro als fair bewertet», sagt der Ökonom. Er rechnet aber, dass der Dollar mittelfristig noch weiter fallen kann. «Richtig attraktiv wird der Dollar als Anlagewährung erst wieder auf Niveaus unter 70 Rappen», ist er überzeugt.

Grund für den Wertzerfall sei das Ausbleiben von restriktiven Massnahmen der US-Geldpolitik. «In Europa ist man wieder daran, dem Markt im Übermass zugeführtes Geld abzuschöpfen. In den USA geschieht dies noch lange nicht», weiss Wellershoff. Man fahre erst den staatlichen Aufkauf von Schuldpapieren zurück, verlasse die expansive Geldpolitik und die Tiefzinsstrategie aber nicht. «Nach wie vor behält man die Geldschleusen offen, um das zaghaft sich entwickelnde Wirtschaftswachstum nicht abzuwürgen», sagt Wellershoff.

Die lasche Geldpolitik zeigt derweil ihre Wirkung. Die Geldentwertung in den USA hat im März wieder angezogen. Die Kerninflation stieg auf 1,7 Prozent. Experten rechnen für die nächsten Monate mit einem Anstieg Richtung Zielgrösse des Fed von knapp 2 Prozent. Martin Neff, Raiffeisen-Chefökonom, sieht den Dollar derzeit ebenfalls als fair bewertet. «Ich gehe in den nächsten Monaten nicht von einer Erholung aus, aber auch nicht von einem deutlich tieferen Preis», sagt er. Langfristig ist auch Neff gegenüber dem Dollar pessimistisch. Dass es je wieder mal zur Parität zum Schweizer Franken kommt, schliesst er aus. «Die US-Geldpolitik der letzten Jahre war zu expansiv. Der Markt ist überschwemmt mit billigem Geld», sagt Neff. Dabei komme das Geld zum grossen Teil nicht mal in der realen Wirtschaft an, bemerkt er. «Die Liquidität strömt in die Finanzmärkte: Aktien, Bonds – praktisch alle Anlageklassen sind gestiegen. Hier haben wir die Inflation», sagt Neff.

Dollar-Comeback möglich

Indes schliessen Experten aber nicht aus, dass sich die US-Währung wieder nachhaltig erholen könnte. «Eine Ursache für die Schwäche ist das US-Zwillingsdefizit. Sowohl die Staats- als auch die Handelsbilanz sind negativ», erklärt Christian Gattiker, Chefökonom der Bank Julius Bär. Unter der Obama-Regierung nehme das Budgetdefizit nun aber ab. Gleichzeitig sehe man Anzeichen dafür, dass auch das Handelsbilanzdefizit schrumpfen könnte. «Die USA haben sich zum Ziel gesetzt, energieunabhängig zu werden», erklärt Gattiker. Die Förderung von Erdöl und -gas durch Fracking würde dies ermöglichen. «Die USA können zum Energieexporteur werden, was die Handelsbilanz deutlich reduzieren würde», sagt Gattiker. Auch er rechnet aber nicht mit einer deutlichen Erholung des Dollars in den nächsten Jahren. «Vielmehr könnte das Szenario die US-Währung gegenüber dem Yen, dem Euro oder dem Franken stabilisieren», sagt er.

Entsprechend den Einschätzungen der Ökonomen fallen auch die Prognosen der Banken verhalten aus. «Wir bleiben in US-Aktien investiert, nehmen aber keine Dollarabsicherung vor», sagt Alex Müller, Anlagechef der Zuger Kantonalbank. Aufgrund der Kaufkraftparität sieht er die Währung derzeit als fair bewertet. Wer im Sommer Ferien in den USA verbringe, der könne jetzt Dollars wechseln, aber auch zuwarten. Kurzfristige Sprünge beim Dollar erwartet er nicht.