WÄHRUNG: Was kommt jetzt auf uns zu?

Die Aufgabe des Mindestkurses schüttelt die Märkte kräftig durch. Nicht nur Anleger bekommen dies zu spüren.

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Die Kursentwicklungen nach der Aufhebung des Mindestkurses. (Bild: Oliver Marx / Neue LZ)

Die Kursentwicklungen nach der Aufhebung des Mindestkurses. (Bild: Oliver Marx / Neue LZ)

Ernst Meier

Fallen nun die Preise?

Wer direkt in Euroländern einkauft, profitiert bereits jetzt von der Aufhebung des Mindestkurses. Das Gleiche gilt für Einkäufe, die in US-Dollar bezahlt werden sei es beim Onlineshopping oder in den Ferien. Auch in der Schweiz können in den nächsten Monaten die Preise sinken. Durch den im Verhältnis wieder stärkeren Franken werden Importe aus dem EU- und Dollar-Raum günstiger. Das gilt für Pasta aus Italien, Kosmetika aus Deutschland oder US-Jeans usw. Da Rohstoffe wie Erdöl oder Baumwolle in Dollar gehandelt werden, kommt es auch hier zu tieferen Preisen. So wird Benzin billiger und entlastet Konsumenten, aber auch Transportunternehmen. Mittelfristig kann man davon ausgehen, dass auch Autos günstiger werden.

Steigt die Arbeitslosigkeit?

Unter Volkswirtschaftlern ist man sich uneinig, wie stark das Ende des Mindestkurses den Arbeitsmarkt belasten wird. Fest steht: Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft leidet durch die Verteuerung des Frankens, da hiesige Exportgüter im Ausland teurer werden. Davon betroffen ist auch der personalintensive Dienstleistungsexport (Tourismus, Banken, Versicherungen). Verbleibt der Eurokurs länger unter einem Niveau, mit dem die Schweizer Exportindustrie Gewinn bringend kalkulieren kann, wird sie gezwungen sein, Arbeitsplätze abzubauen oder sogar ins Ausland zu verlagern. Zuvor kann es zu Personalstopps und Kurzarbeit kommen.

Kommt es zu einer Rezession?

Die Ökonomen revidieren ihre Wachstumsprognosen nach unten, rechnen aber nicht mit einer Rezession. «Wir sind an einem Tiefpunkt angelangt. Sehr viel tiefer kann es fast nicht gehen», sagt Martin Neff, Raiffeisen-Chefökonom. Die Europäische Zentralbank werde nächstens mit dem Aufkauf von Staatsanleihen beginnen. «Die ultra­lockere Geldpolitik und das billige Öl sind konjunkturstärkend», erklärt Neff. Dies könne den erhofften Wachstumsschub für Europa bringen. Martin Neff: «Das wäre auch für die Schweiz ein guter Frühling.»

Was passiert mit unseren Löhnen?

Die Löhne in der Schweiz sind durch die Aufwertung des Frankens im internationalen Vergleich zeitweise über 15 Prozent gestiegen. Gleichzeitig wird jedoch erwartet, dass die Preise für Güter des täglichen Bedarfs in den nächsten Monaten sinken. Unter diesen Voraussetzungen haben Arbeitnehmer bei Lohnverhandlungen schlechtere Karten.

Was heisst dies für die Zinsen?

Die Aufhebung des Mindestkurses hat die seit längerer Zeit auf tiefem Niveau verharrenden Zinsen nochmals nach unten gedrückt. Sogar die 10-jährige Anleihe der Eidgenossenschaft weist nun eine Minusrendite aus. «Die Zinsen werden auf längere Zeit tief bleiben. Mit Sicherheit wird es in diesem Jahr zu keinen markanten Anpassungen mehr kommen», ist Martin Neff überzeugt.

Welche Folgen ergeben sich für den Immobilienmarkt?

Der Abschied vom Mindestkurs und die weitere Senkung der Zinsen habe einige positive, aber auch negative Auswirkungen auf den Schweizer Immobilienmarkt, heisst es bei Wüest & Partner. Beim Immobilienspezialisten rechnet man wegen der eingetrübten wirtschaftlichen Perspektiven mit einer nachlassenden Zuwanderung. Das würde die Anstiege der Mietpreise dämpfen, an gewissen Lagen könnten die Mieten sogar sinken, heisst es. Auch bei Wohneigentum geht Wüest & Partner von «einer Beruhigung der Preisdynamik» aus. Tatsache ist, der Entscheid der SNB hat den Schweizer Immobilienmarkt nicht attraktiver gemacht. Die Preise bleiben aber durch die tiefen Zinsen nach unten abgesichert.

Was bedeutet der Entscheid für meine Pensionskasse?

Für Pensionskassen bleibt es äusserst herausfordernd, im Tiefzinsumfeld das Vorsorgegeld renditebringend anzulegen ohne grössere Risiken einzugehen. Auf ihre Anlagen in Schweizer Aktien haben die Pensionskassen diese Woche gegen 15 Prozent verloren. Auch die Anlagen in Dollar- und Euro-Titel sorgen wegen des Währungsbebens für ein sattes Minus. Ohne Erholung des Schweizer Aktienmarktes können die Vorsorgeeinrichtungen den Wertverlust bis Ende Jahr kaum wieder gutmachen.

Soll ich jetzt Aktien kaufen?

«Das grösste Risiko für den Schweizer Aktienmarkt ist mit dem SNB-Entscheid vom Tisch», sagt Timo Dainese von der Zugerberg Finanz AG. «Von den Bewertungen her sind wir heute an einem Punkt, wo ein gestaffelter Einstieg Sinn macht», ist Dainese überzeugt. Das Aufwärtspotenzial ist vielerorts deutlich grösser als das Abwärtsrisiko. «Solange die Zinsen derart tief sind, gibt es kaum Alternativen zu Aktien», sagt Dainese.

Martin Neff rechnet damit, dass die Turbulenzen am Aktienmarkt noch etwas anhalten könnten. «Solange der Euro die Parität zum Schweizer Franken testet, kann der hiesige Aktienmarkt weiter schwanken», sagt Neff. Er sieht die Kurse von grossen Schweizer Firmen wie Roche oder Nestlé auf einem günstigen Niveau, auch zyklische Titel wie der Industriekonzern Georg Fischer hätten zu stark gelitten. «Selektive Investments könnten sich auf diesem Niveau lohnen», sagt er.

Soll ich jetzt Gold kaufen?

Dazu äussern sich die Anlagespezialisten sehr unterschiedlich. «Nein», sagt Timo Dainese von der Zugerberg Finanz AG. «Gold wirft keinen Ertrag ab, und die Eurozone steht trotz allem nicht kurz vor dem Kollaps.» Entsprechend empfiehlt er keine Investitionen in die «Versicherung» Gold. Ganz anders sieht das der Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff: «Gold ist eine Reserve, die man als Anleger in diesen Zeiten unbedingt haben muss.» Das aktuelle Preisniveau des Edelmetalls sei interessant. Wegen der weiterhin expansiven Geldpolitik in Europa und der Unsicherheit, wann die USA die Zinsen anheben werden, empfiehlt er Gold.