Kolumne

Wann findet eigentlich der Ruhestand statt? Schweizer Babyboomer mitten im Stress

Keine Generation ist bislang derartig vielfältigen Erwartungen und Herausforderungen ausgesetzt worden wie die heutige Babyboomer-Generation, schreibt unser Kolumnist Maurice Pedergnana*. 

Maurice Pedergnana
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Maurice Pedergnana.

Maurice Pedergnana.

PD

Diese Kolumne widme ich der Babyboomer-Generation. Die meisten Betroffenen werden sie nicht lesen, denn sie stehen auch am heutigen Tag bis am späten Abend unter Vollstrom. Zeitunglesen ist zum Luxus verkommen. Die wichtigsten Nachrichten werden auf dem Smartphone in Sekundenschnelle aufgeschnappt.

Die Babyboomer erreicht man online – am besten per E-Mail – 15 Stunden am Tag. Aber da sind dann auch noch der Familienchat auf Whatsapp, die Patenkinder auf Facebook genauso wie die Firmenkommunikation auf zwei weiteren Kanälen mit dem separaten Handy (Threema, LinkedIn). Das Tagesprogramm ist von morgens bis abends prall gefüllt. Ich beobachte es an mir selbst und staune immer wieder, wie viele Babyboomer schon morgens um 6 Uhr im Fitnessstudio anzutreffen sind. Wer nicht diszipliniert plant, landet früher oder später in der Herzklinik. Vielleicht gelingt es dem einen oder anderen, wenigstens am 25. oder 26. Dezember ein, zwei ruhige Stunden zu finden. Schlechten Gewissens verpasste man das Weihnachtssingen des Patenkindes. Da kam nämlich der Anwaltstermin dazwischen; es geht um einen hässlichen Erbstreit mit dem Schwager. Die entnervte Gattin kann sich selbst in der hippen Pilates-­Gruppe kaum mehr ins Gleichgewicht bringen und schickt den Mann hin, als hätte der nicht auch schon einen hohen Blutdruck.

In der Schweiz gelten die Jahrgänge 1950 bis 1964 als Babyboomer. Sie stehen mitten im Stress zwischen der Eltern- und Kindergeneration. Viele Babyboomer sind immer noch voll erwerbstätig, nicht selten in einer verantwortungsvollen Stellung. Geregelte Arbeitszeiten sind da eher die Ausnahme, wie auch sonst nicht viel stundenplanmässig geschieht.

Der Besuch von Beerdigungen wird in dieser Generation häufiger als der Besuch von Hochzeiten. Man trifft vielleicht die Jugendliebe erstmals seit langem an der Beerdigung ihrer Mutter. Alte Erinnerungen kommen hoch, auch deren Wunsch, dass man mal Schwiegersohn werden sollte. Als typischer Babyboomer durchlebt man auch gefühlsmässig einen Generationen-Stress. Vielleicht ist der eigene Vater schon verstorben. Umso intensiver ist inzwischen der Kontakt mit der betreuungsbedürftigen Mutter. Von der Steuererklärung über die Krankenkassen-Abrechnungen bis hin zu Haus- und Gartenangelegenheiten türmt sich so einiges.

Natürlich hat die Mutter genügend zur Seite gelegt. Eine Taxifahrt hie und da würde das Haushaltsbudget gewiss nicht sprengen. Doch das leistet sie sich praktisch nie. Die Erwartung besteht vielmehr darin, dass der 55-jährige Sohn sie zum Christbaum-Kauf begleitet und auch nach Hause fährt. Auch nach 40 Jahren Übung ist es nicht einfach, ihn «kerzengerade» im Ständer zu befestigen. Endlich geschafft – jetzt folgt der Besuch der Schwiegermutter im 30 Kilometer entfernten Pflegeheim sowie der Austausch mit der Neurologin.

Gleichzeitig werden die eigenen Kinder allmählich erwachsen. Mit einem grossen L auf einem blauen Quadrat wird das Lernen, das in der Kinderstube mit Lego so viel Spass gemacht hat, auf die dicht befahrene Strasse verlagert. Der Schritt der Kinder zur eigenen Wohnung steht an, was daheim zu weiteren Planungen führt. Soll man in eine kleinere Wohnung ziehen, allenfalls in einem steuergünstigen Kanton, wenn man das Pensionskassenguthaben auszahlen will?

Überhaupt, die Babyboomer beschäftigen sich mit dem Übergang in den dritten Lebensabschnitt. Und mit der Rolle, die man dereinst als Grossvater und Grossmutter ausüben wird. Will man an einem regelmässigen Wochentag die Enkel übernehmen? Das wäre ja toll, aber wann findet eigentlich der Ruhestand statt? Wohl erst auf dem Friedhof.

Keine Generation ist bislang derartig vielfältigen Erwartungen und Herausforderungen ausgesetzt worden wie die heutige Babyboomer-Generation. Dankbarkeit erwartet sie nicht, aber wenigstens die besinnliche Widmung in einer vorweihnachtlichen Kolumne.

*Maurice Pedergnana ist Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ).