Geldanlage
Wann ist es Zeit, um aus dem Aktienmarkt auszusteigen?

Das Umfeld für Aktienanlagen ändert sich: Die Geldpolitik in Europa zeigt Wirkung.

Andreas Schaffner
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Schweizer Anleger und Wall-Street-Händler stehen vor der Frage: Einsteigen oder abwarten? Richard Drew/Keystone

Schweizer Anleger und Wall-Street-Händler stehen vor der Frage: Einsteigen oder abwarten? Richard Drew/Keystone

KEYSTONE

Wer sein Geld anlegen will, sieht sich heute oft in der Rolle des Angsthasen: «Soll ich oder nicht?», die oft gehörte Frage. Denn die Aktienmärkte haben in den letzten Jahren beachtlich zugelegt. Trotzdem sitzt bei vielen die Furcht vor einem Crash noch tief in den Knochen. Manch einer ahnt, dass der Höhenflug der Börsen nicht ewig gut gehen kann.

Ein Blick in das (geld-)politische Umfeld hilft. Denn es zeigt ein Bild, das sich in den letzten Tagen erheblich gewandelt hat. Trotz der Diskussionen um den Austritt Griechenlands aus dem Euro, erholt sich die Wirtschaft in Europa langsam aber sicher. Die Inflation war im April wohl erstmals seit fünf Monaten nicht mehr negativ. Die Billionen-Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB), der niedrige Ölpreis und die Abwertung des Euro haben dazu geführt, dass einzelne Krisenländer wieder Tritt gefasst haben. Positive Daten lieferte etwa vergangene Woche das einstige Krisenland Spanien. Gestern wurde bekannt, dass die EZB in den ersten acht Wochen des Einkaufprogramms für 95 Mrd. Euro Staatsobligationen gekauft hat.

Der Euro erstarkt wieder

Die Folge: Der Euro hat gegenüber dem Schweizer Franken, aber auch dem Dollar an Stärke gewonnen. Auch in der Schweiz erlitten viele Börsen einen leichten Einbruch. Gleichzeitig droht an den Obligationenmärkten neuer Ungemach: Es kommt zu unerwartet hohen Preisschwankungen. Experten reden schon von einem Mini-Crash, der sich letzte Woche abgespielt haben soll. Deutsche zehnjährige Bundesobligationen büssten binnen zwei Tagen fast drei volle Punkte ein - so viel wie noch nie in ihrer Geschichte. In Finanzmedien, aber auch in der «Süddeutschen Zeitung» werden schon parallelen zur Finanzkrise 2008 gezogen. Denn damals wie heute ist das Problem nicht der Crash an sich, sondern dass die Titel - seien es Aktien oder Obligationen - auf Pump gekauft wurden.

Aktienmärkte vor Korrektur?

Was heisst diese veränderte Situation auf den Finanzmärkten für die Anleger in der Schweiz? Werden die Aktienmärkte einen Einbruch erleiden? Was heisst das für die Schweizerische Nationalbank (SNB)? Wird sie ihre negativen Zinsen noch einmal erhöhen müssen? Mit möglicherweise noch extremeren Auswirkungen auf die Kleinsparer?

Die «Nordwestschweiz» hat drei Anlageprofis dazu befragt: Daniel Kalt, Chefökonom und Verantwortlicher für die Anlagepolitik der UBS Schweiz, Renato Flückiger, Anlageverantwortlicher der Valiant Bank und Thomas Steinemann, oberster Anlagechef der Zürcher Privatbank Bellerive. Alle drei Experten raten zur Vorsicht. Sie sehen zu Aktien derzeit keine Alternativen. Solange die Geldpolitik - und damit das makroökonomische Umfeld - den Lauf der Märkte bestimmt, werde sich daran nichts ändern. Doch in der Gewichtung geben sich klare Unterschiede.

Daniel Kalt, UBS: «Aktien können sich wieder erholen»

Risikoloses Anlegen bleibt in der heutigen Konstellation schwierig. Die Gefahr einer Aktienkorrektur ist grösser geworden und viele Kleinanleger haben den Aufschwung an den Aktienmärkten in den letzten Jahren nicht mitgemacht, nicht mitmachen können. Sondern sie haben hohe Cash-Bestände gehortet.

Aus unserer Sicht wird das Tiefzinsumfeld in Europa, und damit auch in der Schweiz, die nächsten ein bis eineinhalb Jahre anhalten. Das heisst, es bieten sich für Anleger kaum Alternativen zu breit diversifizierten Aktienanlagen. Eine Korrektur der Märkte ist zwar möglich. Wir haben jedoch im Januar gesehen, dass sich die Aktien bereits nach drei Monaten wieder erholt haben. Deshalb gehen wir nicht von einem ähnlichen Szenario aus, falls es wieder dazu kommen könnte.

Wir gehen auch davon aus, dass die Konjunktur in den USA trotz eines schwachen ersten Quartals solide bleibt. Dies unterscheidet die Situation von heute zu der im Jahr 2011, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Mindestkurs eingeführt hat. Auch die Wirtschaft in Europa zieht wieder an.

Wichtig zu wissen ist auch Folgendes: Politische und geopolitische Risiken werden durch die Notenbanken mit der grosszügigen Versorgung von Geldmitteln weiterhin abgesichert. Längerfristig könnte es für Obligationen kritisch werden, wenn die Zinsen wieder ansteigen.»

Renato Flückiger, Valiant Bank: «Wir reduzierten Aktienquote leicht»

Wir sehen eine neue globale Wechselwirkung, die sich in den letzten Wochen eingestellt hat: Die Wirtschaft in Europa erholt sich, in den USA verlangsamt sich das Wachstum leicht. Das hat zur Folge, dass der US-Dollar gegenüber dem Euro und dem Schweizer Franken schwächer geworden ist. Als Folge von dieser schwächeren Konjunktur wird die US-Notenbank ihre geplante Leitzinserhöhung wohl weiter nach hinten verschieben. Im Moment geht man davon aus, dass es Herbst werden kann.

Aktien sind in unserer Anlagestrategie nach wie vor zentral. Aber wir haben letzte Woche begonnen, die Aktienquote leicht zu reduzieren und Gewinne der letzten Monate zu realisieren. Die Börsen sind immer noch stark politisch getrieben – die Geldpolitik der Nationalbanken bestimmt die Richtung. Im Moment sehen wir keine Abkehr von der Tiefzinspolitik der Nationalbanken. Anleger, die bisher die ganze Aktienhausse nicht mitgemacht haben, sollten vorsichtig sein, und nur schrittweise Aktien kaufen. So können Enttäuschungen vermieden werden.

Wichtig ist, dass die Fremdwährungsrisiken im Auge behalten werden. Denn sie können die Erträge in Schweizer Franken umgerechnet zunichtemachen. Erweist sich die Erholung im Euro-Raum als nachhaltig, rechnen wir nicht mehr damit, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) im grösseren Stil am Devisenmarkt intervenieren muss.»

Thomas Steinemann, Privatbank Bellerive: «Aktien sind zu tief bewertet»

Eine Gewissheit haben wir: Wir leben in einer Zeit, in der aus der Geldpolitik die entscheidenden Impulse kommen. Das Szenario, dass daraus für die Anleger folgt, ist klar. Kein Politiker und kein Nationalbanker hat ein Interesse daran, dass das Finanzsystem als Ganzes zusammenbricht.

Deshalb gehe ich davon aus, dass die Zinsen im Euroraum auf absehbare Zeit enorm tief bleiben. Das ist meiner Meinung nach nichts anderes als eine staatlich verordnete Tiefzinspolitik mit dem Ziel, mehr Inflation zu generieren, was schliesslich zu mehr Wachstum führt.

Die Anreize sind vonseiten der Politik also so gesetzt, dass der Status quo um jeden Preis erhalten bleibt. Sprich: Der Euro wird – mit oder ohne Griechenland – nicht aufgegeben. Auch in den USA wird eine Zinswende, wenn überhaupt, im Herbst erfolgen. Die Anleger haben deshalb keine andere Wahl, als auf Aktien zu setzen.

Kein Wunder: Rohstoffe sind angesichts der Deflation – und das wiederum ist verbunden mit sinkenden Preisen – risikoreich. Auch Obligationen machen im Tiefzinsumfeld wenig Sinn. Im Gegenteil.

Ich finde es deshalb mehr als erstaunlich, dass die Bewertungen der Aktien nicht noch höher sind angesichts dieses Umfelds. Sie sind noch immer viel tiefer als bei der Börsenhausse im Jahr 2000.»