Warum Arroganz das Gemeinwohl gefährdet

Das «Verdienst-Denken» begünstigt Arroganz und Überheblichkeit und spaltet damit die Gesellschaft in Gewinner auf der einen Seite und Verlierer auf der anderen Seite.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

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Manchmal hat es auch sein Gutes, wenn man mehrere Dinge parallel macht. Es erschliessen sich dann einem Zusammenhänge, die bei einer anderen Vorgehensweise verborgen geblieben wären. So arbeite ich gerade unter anderem an einem Referat zu intellektuellen Tugenden, an einem anderen zur Arroganz in der Arbeitswelt und lese dazu, aus reiner Neugierde, das neueste Buch des amerikanischen Philosophen Michael Sandel zum Ende des Gemeinwohls. Was haben also intellektuelle Tugenden, Arroganz und das Gemeinwohl gemeinsam? Sehr viel, wie ich erkannt habe.

Der Zusammenhang zwischen intellektuellen Tugenden und Arroganz dürfte recht offensichtlich sein: Wenn intellektuelle Tugenden gute, wünschenswerte Haltungen zum Lernen und Wissen sind, dann ist Arroganz das Gegenteil davon. Eine arrogante Person fühlt sich anderen Menschen überlegen, was unter anderem mit Beratungsresistenz und der Unfähigkeit zuzuhören sowie von anderen zu lernen einhergeht. Die arrogante Person hat das – in ihren Augen – schlicht nicht nötig, schliesslich ist sie ja den Anderen überlegen. Wer lernt schon von Unterlegenen?

Das ist eine recht unerträgliche Haltung, und diejenigen, die mit arroganten Personen zu tun haben, sind zu bedauern. Zum einen, weil Arroganz in intellektueller Hinsicht ein Problem ist und damit zu (kostspieligen) Fehleinschätzungen führen kann. Zum anderen, weil Arroganz gute, gelungene Beziehungen, sei es in der Arbeitswelt, sei es im privaten oder öffentlichen Kontext, gefährdet, vielleicht sogar verunmöglicht. Denn eine arrogante Person fühlt sich auch in normativer Hinsicht Anderen überlegen. Oder anders formuliert: Eine arrogante Person ist unfähig, andere Menschen als Gleiche, als Ebenbürtige anzuerkennen. Stattdessen behandelt sie diese mit Geringschätzung, insbesondere wenn diese in ihren Augen einen geringeren Status haben.

Und nun wird es richtig interessant: Denn genau eine solche Haltung der Arroganz ist es unter anderem, die Michael Sandel in seinem Buch «Vom Ende des Gemeinwohls» anprangert. Ihm zufolge liegt es nicht zuletzt an der Arroganz der Erfolgreichen und der ihr zugrundeliegenden Überhöhung des Leistungsprinzips, dass das Gemeinwohl in den USA gefährdet ist.

Sein Buch ist letztlich eine Abrechnung mit dem meritokratischen Prinzip, dem zufolge jede Person bekommen solle, was sie allein aufgrund ihrer Ambitionen und Leistungen verdiene. Laut Sandel führe diese Art von übertriebenem «Verdienst-Denken» dazu, den eigenen Erfolg ausschliesslich als das Ergebnis von individuellen Anstrengungen zu verstehen. Faktoren wie günstige Ausgangsbedingungen, Zufall oder glückliche Umstände würden dabei systematisch ausgeblendet. Ein solches Denken begünstige Arroganz und Überheblichkeit und spalte damit die Gesellschaft in Gewinner auf der einen Seite und Verlierer auf der anderen Seite. Denn wenn Erfolg nichts anderes als das Produkt individueller Leistung ist, dann ist dieser Logik gemäss Scheitern nichts anderes als das Produkt fehlender oder schlechter individueller Leistung.

Wenn also Erfolg wie auch Scheitern als moralisch «verdient» verstanden werden, dann finden Solidarität und Zusammenhalt nur noch wenig Raum, so Sandel. Die Gemeinschaft von Bürgern, die sich als Gleiche verstehen, ist gefährdet. Angesichts dieser Schlussfolgerung wird klar, warum der Untertitel lautet: «Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreisst».

Man mag Sandels Argumentation für fehlerhaft oder pauschal halten oder zumindest für die Schweiz als nicht zutreffend zurückweisen. Den Kern seiner Analyse halte ich gleichwohl für bedenkenswert: Erfolg legitimiert nicht Arroganz. Die aus Arroganz resultierende Herabsetzung Anderer ist für eine Demokratie, deren Bürgerinnen und Bürger politisch als Gleiche gelten, nicht hinnehmbar. Arroganz ist eine Haltung, die wir uns zu Gunsten des Gemeinwohls nicht leisten können.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.