Kolumne
Warum das Bruttoinlandprodukt in Krisenzeiten nicht mehr das richtige Mass ist

Das BIP bildet die Kosten ökologischer, ökonomischer und sozialer Schäden gerade in Krisenzeiten nicht adäquat ab. Es bräuchte einen nachhaltigeren Indikator – den des «echten Fortschritts».

Edy Portmann*
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Edy Portmann

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Unser Wirtschaftssystem ist besessen von der Vorstellung eines stetigen Wachstums. Der Ökonom Kenneth E. Boulding stellte dazu fest, dass «jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt ewig weitergehen kann, entweder ein Verrückter oder ein Ökonom» sei.

Aber heute hängt scheinbar das Heil führender Köpfe vielfach von der alljährlichen Steigerung des Bruttoinlandprodukts ab: Sie versprechen uns ein besseres Leben durch Wachstum. Der Haken daran ist, dass es eben kein unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten geben kann – und so müssen wir wohl unseren Verbrauch reduzieren, um den ökologischen, ökonomischen und sozialen Kollaps zu verhindern.

Die Konsequenzen der Überbelastung der Biokapazitätsreserven unseres Planeten werden immer sichtbarer und sind in unseren Medien etwa unter den Schlagworten Klimawandel, Polschmelze, Wald- und/oder Artensterben allgegenwärtig. Unsere Krise resultiert aus überbordendem Konsumverhalten reicher Länder wie etwa der Schweiz.

Wir könnten uns aber im Zuge der Digitalisierung darum bemühen, unsere Wachstumssucht zu überwinden. Aus diesem Grund sollten wir mit unseren Hochschulen eine Pionierrolle einnehmen und die Digitalisierung dazu nutzen, unsere Einstellungen gegenüber der Umwelt zu überdenken-Wir sollten uns in Achtsamkeit üben, ein nachhaltiges Bewusstsein entwickeln und unser Konsumverhalten zügeln, um so den Kollaps zu vermeiden.

Der Wachstumskritiker Jason Hickel hofft auf Steigerung von Wohlstand und -befinden, bei gleichzeitiger Reduktion unseres ökologischen Fussabdrucks. So sollten wir zu Gunsten eines kontinuierlichen Ressourcenabbaus, der nicht mit Sparmassnahmen verwechselt werden soll, das, was wir haben, gerechter aufteilen. Neben einer Besteuerung von Kohlenstoff, so glaubt er, könnte man etwa übermässiges Konsumverhalten durch Kürzung von Werbebudgets reduzieren. Die mit der Digitalisierung losgetretenen Diskussionen rund ums bedingungslose Grundeinkommen sowie um kürzere Arbeitszeiten könnten laut ihm Möglichkeiten eröffnen, sinnlose Arbeit abzubauen beziehungsweise diese gerechter zu verteilen.

Digitalisierung bedeutet Fortschritt, welcher heute (noch) mit dem Bruttoinlandprodukt – einem Indikator, der produzierte Werte und so die Gesamtsumme unserer Wirtschaft misst –, gemessen wird. Nun scheint dieser Indikator aber nicht (mehr) das richtige Mass zu sein. Wenn uns nämlich Krisen wie die Coronapandemie treffen und Spitalaufenthalte zunehmen, dann steigt dieser Indikator. Deshalb werden die Kosten ökologischer, ökonomischer und sozialer Folgeschäden nicht adäquat adressiert.

Wir brauchen deshalb einen nachhaltigeren Indikator wie etwa den des «echten Fortschritts». Dieser Indikator, der aus dem Index des nachhaltigen wirtschaftlichen Wohlstands abgeleitet wurde, könnte das Bruttoinlandprodukt ersetzen, da er den Wachstumskosten besser Rechnung trägt. Er könnte uns als transparenteren Index für die Leistung unserer Volkswirtschaft dienen.

Wir brauchen neue Wirtschaftssysteme, die das Aufblühen von uns Menschen in Harmonie mit unserer Gesellschaft sowie – und vor allem – unserer Erde, von der wir so abhängig sind, fördert. Unter dem Begriff «Sumak Kawsay» schrieb ich an dieser Stelle bereits über solche Systeme. In meinen Augen sollten wir die Digitalisierung nutzen, um bessere, ökonomisch nachhaltige und ethische Rahmenbedingungen zu schaffen.

*Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.