Warum der starke Franken dem Alstom-Chef noch kein Bauchweh bereitet

Der 58-jährige VR-Präsident von Alstom Schweiz sagt, warum die Bundesanwaltschaft vorwärtsmachen muss und wie der Korruptionsverdacht dem Unternehmen schadet.

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«Bundesanwaltschaft ermittelt zu lange»

«Bundesanwaltschaft ermittelt zu lange»

Christian Dorer, Sven Millischer

Andreas Koopmann ist gebürtiger Walliser und arbeitet als Verwaltungsratspräsident von Alstom Schweiz in Baden AG. Er empfängt die Besucher jedoch mit welschem Charme zum Frühstück. Kein Wunder: Er war 14 Jahre lang CEO
beim Westschweizer Anlagenbauer Bobst und wohnt noch heute am Genfersee. Seine Frau ist Französin. Obwohl er fliessend Deutsch spricht, fallen ihm gewisse Wörter nur auf Französisch ein und er gibt offen zu: «Ich spreche lieber Französisch als Deutsch.»

Herr Koopmann, bereitet Ihnen der starke Franken schlaflose Nächte?

Andreas Koopmann: Das nicht gerade, auch wenn die Situation schwierig ist: Die Maschinenindustrie lebt vom Export, zwei Drittel der Umsätze stammen aus dem Euroraum. Die rasche Aufwertung seit Anfang Jahr stellt die Branche vor grosse Probleme.

Bei welchem Wechselkurs liegt die Schmerzgrenze?

Koopmann: Manche sagen, bei 1.40. Doch für jeden Betrieb sieht es wieder etwas anders: je angespannter die Konkurrenzlage, je höher der Margendruck, desto schmerzhafter die Währungsschwankungen.

Welche Auswirkungen hat die Aufwertung für Alstom Schweiz?

Koopmann: Der starke Franken hat gleich zwei Negativeffekte: Erstens wird automatisch teurer, was wir hierzulande produzieren, denn über 90 Prozent unserer Produkte verkaufen wir ins Ausland. Zweitens weist die Schweizer Ländergesellschaft höhere Kosten im französischen Alstom-Konzern aus, denn der rechnet in Euro ab.

Wird sich die Konjunktur bald erholen?

Koopmann: Für Westeuropa bin ich pessimistisch. Das Wachstum wird sich in den nächsten fünf bis sieben Jahren auf sehr tiefem Niveau einpendeln. Die hiesige Maschinenindustrie muss deshalb stärker auf Schwellenländer fokussieren wie China, Indien und die Staaten Lateinamerikas. Nur so kann es gelingen, die Absatzverluste auf dem alten Kontinent zu kompensieren.

Wie ist es um den Schutz des geistigen Eigentums in diesen Ländern bestellt?

Koopmann: Schlecht! Denn gerade in Asien ist Kopieren nichts Anrüchiges, sondern gehört einfach zum Geschäft. Als ich noch als CEO für den Anlagenbauer Bobst tätig war, führte mich einmal ein chinesischer Konkurrent auf einer Messe zu seinem Stand und erklärte mir voller Stolz, er habe die beste Kopie einer Bobst-Maschine gebaut! Deshalb sage ich immer: Der beste Schutz vor Produktepiraterie ist stetige Innovation.

Verhaftungen, Hausdurchsuchungen in England – Alstom steht im Verdacht, Schmiergelder bezahlt zu haben, und sorgte in letzter Zeit vor allem für Negativschlagzeilen. Was ist da los?

Koopmann: Die Schweizerische Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Alstom, weil im Zuge der Untersuchung im Fall Holenweger der Verdacht aufkam, dass Oskar Holenweger Finanztransaktion für Alstom getätigt habe.

Hat Alstom denn Schmiergeld bezahlt?

Koopmann: Da bis dato keine Anklage erhoben wurde, können wir auch keine Stellung beziehen.

Wie meinen Sie das?

Koopmann: Wir wollen, dass die Untersuchung nun zügig zu einem Ende gebracht wird. Damit wir endlich Klarheit haben, was uns konkret vorgeworfen wird: Wenn an den Vorwürfen etwas dran ist, dann soll es eine Anklage geben. Wenn nichts dran ist, umso besser. Aber dieser Schwebezustand ist unhaltbar: Die Bundesanwaltschaft ermittelt seit nunmehr sechs Jahren — das ist eindeutig zu lang. Denn der Korruptionsvorwurf schadet Alstom enorm.

Inwiefern?

Koopmann: Erstens erhält die Öffentlichkeit ein negatives Bild von Alstom. Immer wieder fragen uns Geschäftspartner, was da eigentlich los sei. Und auch die Mitarbeiter sind verunsichert; sie müssen sich in ihrem Umfeld immer wieder Negatives anhören. Zweitens schwächt das Verfahren die Stellung von Alstom Schweiz innerhalb des Konzerns, wo auch ein Wettbewerb unter den Standorten herrscht. Am Ende gefährdet die lange Ermittlung womöglich noch Arbeitsplätze in der Schweiz.

Wann sollen die Ermittlungen denn abgeschlossen sein?

Koopmann: Es kann noch mehrere Jahre dauern. Die Bundesanwaltschaft soll jetzt ihrer Arbeit nachgehen – und zwar möglichst schnell.

Die Bundesanwaltschaft wirft Alstom vor, sie habe sich im Zuge der Ermittlungen bisher wenig kooperativ gezeigt.

Koopmann: Wir sind der Meinung, dass wir vollständig kooperiert haben. In der gleichen Angelegenheit wurde ja auch in Frankreich gegen Alstom ermittelt. Dort hat man die Anklage inzwischen fallen gelassen.

Hand aufs Herz: Gibt es nicht Länder, wo man ohne Schmiergeld schlicht keine Aufträge erhält?

Koopmann: In den 90er-Jahren wurde anders geschäftet als heute, da kam das sicher vor. Selbst in der Schweiz konnte man damals gewisse Aufwendungen von den Steuern abziehen. Aber vor 15 Jahren hat auch noch niemand von Compliance, von Verhaltensregeln, geredet.

Hat hier ein Mentalitätswandel stattgefunden?

Koopmann: Definitiv. Es wäre heute undenkbar, so zu geschäften – jedenfalls für europäische Unternehmen. Auch Alstom hat vor rund zehn Jahren strikte Verhaltensregeln und ethische Richtlinien definiert. Diese Regeln wurden seither Jahr für Jahr verbessert. Bestechung und Geldwäscherei sind absolut tabu. Das war übrigens ein entscheidender Grund, weshalb ich mich für den Posten bei Alstom entschied.

Sie sind daneben auch im Verwaltungsrat von Nestlé, Credit Suisse und Georg Fischer. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Koopmann: Erstens ist meine Aufgabe bei Alstom kein Full-Time-Job. Zweitens nehme ich nur Mandate an, denen ich mich auch voll widmen kann. Und drittens sind das alles hoch spannende Aufgaben.

Sie sind seit Februar Länderchef von Alstom. Ihr Vorgänger Walter Graenicher sass zugleich in der Konzernleitung. Warum hat die Schweiz innerhalb von Alstom an Bedeutung verloren?

Koopmann: Die Schweiz ist nach wie vor ein zentraler Standort. So wird die Kraftwerksparte von Baden aus geleitet. Sie steuert zwei Drittel zum Konzernumsatz von 20 Milliarden Euro bei. Auch beschäftigt Alstom 2300 ihrer insgesamt 7000 Ingenieure in der Schweiz.

Wie läuft derzeit das Geschäft?

Koopmann: Alstom ist ein Spätzykliker. Wir spüren erst jetzt jenen Abschwung, den das klassische Maschinenbauunternehmen vor 12 bis 18 Monaten erfasst hat. Der Bestelleingang ist denn auch um knapp 40 Prozent eingebrochen.

In welchen Sparten?

Koopmann: Vor allem beim Engineering von Grossanlagen und in der Produktion von Gasturbinen. Hier mussten wir Kurzarbeit einführen, allerdings in geringem Umfang. Gegenwärtig arbeiten 70 unserer 6300 Mitarbeiter in der Schweiz kurz.

Wie lange kann Alstom durchhalten, ohne Leute entlassen zu müssen?

Koopmann: Unser Arbeitsvorrat reicht für zwei Jahre. Das bedeutet aber nicht, dass wir in dieser Zeit in allen Bereichen voll ausgelastet sind. Wir versuchen deshalb alles, um die Baisse zu überbrücken. Dazu gehören Kurzarbeit und Personalabbau über normale Fluktuation. Meine grösste Sorge ist nach wie vor, dass der Abschwung so tief ausfällt, dass wir doch noch Mitarbeiter entlassen müssen. Das wäre die schlechteste aller Lösungen, denn die Unternehmung verliert wertvolles Know-how, das im Aufschwung dann fehlt.

Was sind die Gründe für den Einbruch bei den Bestellungen?

Koopmann: Zum einen nimmt der Stromverbrauch – konjunkturell bedingt – weniger stark zu als in früheren Jahren. Zum anderen wurde in den Boomjahren Kraftwerkkapazität aufgebaut, sodass die Auslastung derzeit nicht optimal ist. Mit der Konsequenz, dass die Elektrizitätsunternehmen neue Projekte auf die lange Bank schieben. Auf längere Sicht bin ich jedoch zuversichtlich.

Weshalb?

Koopmann: Der Strombedarf steigt weiter an. Und dieser Trend wird nach wie vor unterschätzt. Schauen Sie sich nur mal den Bahnverkehr an. Heute fahren weltweit eine Mehrheit aller Triebzüge und Lokomotiven mit Diesel. Da rollt eine gewaltige Elektrifizierungswelle auf uns zu.

Wo sehen Sie sonst noch Potenzial?

Koopmann: Alstom forscht intensiv im Bereich der CO-Abscheidung, um so bestehende Kohle- und Gaskraftwerke umweltverträglicher zu machen. Denn wir sind überzeugt, dass fossile Brennstoffe noch über lange Zeit wichtige Energieträger bleiben werden.

Die Speicherung von CO im Boden ist ökologisch umstritten und enorm kostspielig. Macht eine solche Technologie überhaupt Sinn?

Koopmann: Wir sind überzeugt, dass die CO-Abscheidung eine Zukunft hat. Zum einen wird die Technologie noch wirtschaftlicher werden, zum anderen wird der Strompreis weiter steigen.

Alstom ist erst kürzlich ins Solargeschäft eingestiegen. Hat der Konzern den Trend verschlafen?

Koopmann: Zum einen mussten wir Prioritäten setzen, auch bei Akquisitionen und Partnerschaften. Schliesslich ging Alstom vor fünf Jahren beinahe Bankrott und konnte nur dank französischer Staatshilfe gerettet werden. Zum anderen sind wir überzeugt, dass Photovoltaik noch kein Massengeschäft ist und setzen deshalb auf Solarthermie.